Urdorf
Christian Weisflogs weiter Weg von Urdorf nach Kabul

Viereinhalb Monate lang reiste Christian Weisflog quer durch die ehemaligen Sowjetrepubliken bis nach Kabul. Entstanden ist ein Buch, welches die geopolitische Lage auch aus der Sicht der Einheimischen zeigt.

Flavio Fuoli
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Zurück in Urdorf: Christian Weisflog präsentiert in der Stube seines Elternhauses das Buch, das von seiner Reise durch den Osten berichtet.

Zurück in Urdorf: Christian Weisflog präsentiert in der Stube seines Elternhauses das Buch, das von seiner Reise durch den Osten berichtet.

Flavio Fuoli

Das explosive Erbe der Sowjets. Von Kaliningrad nach Kabul - Eine politische Reportage» ist das in Rot gehaltene Buch betitelt, das Christian Weisflog geschrieben hat. Es enthält 17 Reportagen, jede aus einer anderen ehemaligen Sowjetrepublik geschrieben. Dieses Buch kommt nicht von ungefähr: Der 37-Jährige weilte sieben Jahre in Moskau (siehe Kasten) und kehrte nun wieder in die Schweiz zurück. «Es ist mein Abschlussprojekt. Ich wollte etwas haben, worin alles gebündelt und festgehalten ist. Es ist ein durchaus enthusiastisches Werk», sagt er im elterlichen Bauernhaus auf dem Schürhof ob Urdorf. Ein Jahr lang hat ihn das Buch beschäftigt; viereinhalb Monate lang, von Mitte Februar bis Ende Juni 2011, war er unterwegs. Mit Ausnahme von Estland und Lettland hat er alle ehemaligen Sowjetrepubliken bereist. Dazu kam Kabul, die Hauptstadt Afghanistans, die in den 80er-Jahren von den Sowjets besetzt wurde.»

«Die Zentrale Fragestellung war, wohin sich diese Länder kurz- bis mittelfristig entwickeln. Ich schrieb dieses Buch nicht als Analyst und Experte. Ich wollte die Konflikte und Menschen herausgreifen und den Leuten eine Stimme geben. Ich wollte von ihnen wissen, wie sie Vergangenheit und Zukunft sehen», sagt Weisflog. Er habe den Anspruch gehabt, die Leser auf der emotionalen Ebene über Einzelschicksale abzuholen.

Alle Bruchlinien erlebt

Weil die Reise von West nach Ost verlief, habe er alle Bruchlinien der politischen, kulturellen und sprachlichen Art erlebt. Mit seinem Buch thematisiere er auch die Vielfältigkeit der Region: Da gebe es etwa griechisch-katholische und orthodoxe Christen, aber auch muslimische Länder mit turksprachigen Volksgruppen. Es seien Orte, die nach dem Ende der UdSSR in Fluss gekommen seien und bei denen sich noch nicht herauskristallisiert habe, wie der Endzustand aussehen soll.
Nach dem Ende des Kalten Krieges habe man gedacht, dass die Demokratie gewonnen habe. «Doch für die meisten Republiken gilt dies nicht», sagt der Autor. Der Islam sei wiederauferstanden, es gebe Rückschritte im Gesundheitswesen, in der Beziehung zwischen Mann und Frau, und die grosse Masse der Bevölkerung lebe ein unsichereres Leben als zu Sowjetzeiten. «Es gibt Ausnahmen wie zum Beispiel Georgien, wo sich im Staatsapparat langsam eine Dienstleistungsmentalität einstellt.»
Insgesamt sei die Bilanz ernüchternd. Die Staaten hätten Zeit gebraucht, um eigene Wege zu finden. Grundsätzlich sehe man sehr viel Konfliktpotenzial in dieser Region, was sich in der Rolle des Islam, in Grenzverläufen und ethnischen Spannungen zeige. Der Weg zu einem demokratischen Modell sei steinig, meint Weisflog. Die Ukraine sei gescheitert, Usbekistan und Turkmenistan seien Diktaturen nach Sowjetvorbild, aber mit nationalistischen Ideologien. «Viele Leute sagen, die Sowjetunion sei der bessere und gerechtere Staat gewesen. Heute ist jeder auf sich alleine gestellt. Fast jede Familie hat zwei Mitglieder als Gastarbeiter in Russland, die sie über Wasser halten.»

Zurück zu den Wurzeln reicht nicht aus

Anlass zu Hoffnung gibt Christian Weisflog die Demonstrationsbewegung in Russland. «Das konnte man nicht voraussehen. Die einfachen Menschen wollen überall - wie beim Arabischen Frühling - ein lebenswertes Leben in einer gerechten Gesellschaft. Mit dem Zerfall der Sowjetunion Anfang der 90er-Jahre machte sich Desillusionierung bezüglich Demokratie breit. Man ging zurück zu den Wurzeln, zum Zarentum und der Sowjetunion, aber man fand in der eigenen Geschichte keine demokratischen Wurzeln.» Man verstehe langsam, dass nicht alles schlecht ist, was aus dem Westen kommt. Und jetzt merke man zumindest in Russland, dass ein blosses Zurück zu den Wurzeln nicht ausreiche, um eine gerechte Gesellschaft zu gründen.
Wie ist es ihm auf dieser Reise ergangen? «Wunderbar», antwortet der Urdorfer wie aus der Pistole geschossen. «Eine solche Abschlussreise zu unternehmen, ist bereichernd. Man lernt immer dazu. Es ist ja auch Arbeit: Man muss alles organisieren und man ist immer, ohne Wochenende, dran. Ich habe mich manchmal schon gefragt: ‹Weshalb mache ich das? Lesen die Leute mein Buch überhaupt?› Wenn man in Zentralasien auf einer Schotterpiste in den Abgrund schaut, ist das nicht angenehm. Auch Kabul ist nicht ungefährlich. Aber ich wollte alles sehen, damit die Leser mehr erfahren und damit ich sie mitnehmen kann auf die Reise.» Manchmal nahm Christian Weisflog trotzdem Risiken auf sich. In Tadschikistan habe er den Chauffeur auf einer Schotterpiste, die hierzulande nicht als Strasse durchginge, gefragt, ob hier jemals Autos abstürzen würden. Er habe geantwortet, dass dies öfters vorkomme.
Weisfloh wollte alles mit eigenen Augen sehen, und das sei mit der richtigen Vorbereitung zu verantworten gewesen. Er sei dadurch auch beschenkt worden: In Zentralasien habe er sehr herzliche Menschen erlebt. Obwohl sie in ärmlichen Verhältnissen lebten, luden sie ihn zur Übernachtung und zum Essen ein. «Das ist die Familienbande. Die gibt den Leuten dort Halt in Zeiten, die nicht einfach sind», meint er.
Der Orell-Füssli-Verlag hat den Buchvertrag mit ihm sofort unterzeichnet, als er den Verantwortlichen seine Idee präsentierte. «Orell Füssli ist einer der grössten Verlage der Schweiz. Es ist schön, dass sie dieses Buchprojekt mit mir realisieren wollten, obwohl ich als Moskau-Korrespondent nicht so bekannt bin wie andere Journalisten.»