Spital Limmattal
Chefarzt Basil Caduff: «Uns fehlen die Männer in der Medizin»

Das Spital Limmattal konnte keine Nachfolge für die medizinische Leitung des Pflegezentrums finden. Leitender Chefarzt Basil Caduff sieht eine Lösung in der Schaffung eines geriatrischen Kompetenzzentrums.

Florian Niedermann
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«In den letzten Jahrzehnten stieg der Personalbedarf in Spitälern stark an» – Chefarzt Basil Caduff. Florian Niedermann

«In den letzten Jahrzehnten stieg der Personalbedarf in Spitälern stark an» – Chefarzt Basil Caduff. Florian Niedermann

Herr Caduff, das Spital Limmattal bekundet Mühe dabei, die ärztliche Leitung des Pflegezentrums zu besetzen. Ist das ein derart unattraktiver Job?

Basil Caduff: Es scheint so. Bisher war die Aufgabe von Regula Stengel, der leitenden Ärztin des Pflegezentrums, derjenigen eines Heimarztes in einem Pflegeheim sehr ähnlich. Viele erachten es wohl als zu wenig attraktiv, die 136 Patienten des Pflegezentrums hausärztlich zu betreuen. Auch wenn diese Stelle mit einer Abklärungspraxis für Demenzerkrankungen und der Palliativstation gekoppelt ist, ist der Anreiz anscheinend nicht gross genug.

Hat man vielleicht auch das Anforderungsprofil etwas zu hoch gesteckt?

Anfänglich vielleicht: Wir suchten nach einem Internisten mit zusätzlicher Ausbildung in der Geriatrie. Als sich niemand meldete, haben wir das Anforderungsprofil so geändert, dass bereits geriatrische Erfahrung als Zusatzqualifikation ausreichte. Grundsätzlich sollte die medizinischen Anforderungen auch ein gut ausgebildeter und interessierter Hausarzt mitbringen. Mit Ausnahme der Tätigkeit in der Memory-Sprechstunde und der Palliativstation unterscheiden sich die Erkrankungen der Patienten kaum von denen einer Grundversorgerpraxis.

Grundsätzlich könnte also ein Hausarzt die vakante Stelle übernehmen. Suchte man nach einer Nachfolge auch in diesen Kreisen?

Die Stelle wurde breit ausgeschrieben und hätte auch einen Hausarzt angesprochen, falls er Interesse an der Stelle gehabt hätte.

Besteht überhaupt eine Chance, eine geriatrisch ausgebildete Person zu finden?

Ja, diese Hoffnung habe ich nicht aufgegeben. Es ist allerdings wichtig, dass wir einen Weg finden, die Stelle attraktiv zu machen.

Wie könnte man das erreichen?

Etwa indem man im Spital ein Kompetenzzentrum für geriatrische Medizin unter der Leitung eines Chefarztes schafft. Dessen Team würde künftig auch die medizinische Behandlung der Bewohner anderer Pflegeheime des Limmattals übernehmen. Diese Idee trugen Hausärzte aus der Region im Rahmen eines gemeinsamen Treffens an uns heran.

Auch bei einer solchen Lösung stellt sich aber das Problem der personellen Besetzung.

Ich denke, eine Stelle, die den Aufbau des Kompetenzzentrums beinhaltet und allenfalls als Chefarztstelle ausgeschrieben wäre, würde auf grösseres Interesse stossen.

Welchen Nutzen bringt das den Hausärzten?

Sie sind zeitlich meist sehr stark belastet. Da sinkt die Attraktivität von Hausbesuchen und Visiten in Pflegeheimen natürlich massiv. Meist sind diese Einsätze auch nicht adäquat bezahlt. Ich weiss aber nicht, ob wirklich alle Hausärzte der Region diese Strategie unterstützen würden.

Was halten Sie von dieser Idee?

Ich finde den Ansatz sehr gut. Das Problem dabei ist, dass ein Kompetenzzentrum viel Geld kosten würde. Wer bezahlt das?

Das wäre wohl Aufgabe der Trägergemeinden des Spitals.

Richtig. Aber sie müssten uns erst den Auftrag dazu geben. Organisatorisch wären wir auf jeden Fall bereit, ein solches Kompetenzzentrum zusammen mit den Gemeinden aufzubauen.

Wer leitet die medizinische Abteilung des Pflegezentrums, bis die Nachfolge geregelt ist?

In der Zwischenzeit übernimmt Roland Kunz die Leitung mit einem 20-Prozent-Pensum. Er hatte die Stelle vor Frau Stengel inne und arbeitet jetzt im Bezirksspital Affoltern. Herr Kunz wird in dieser Zeit wie bisher durch einen Assistenzarzt oder eine Assistenzärztin der medizinischen Klinik unterstützt.

Das heisst, dass eine 100-Prozent-Stelle zwischenzeitlich durch eine 20-Prozent-Stelle ersetzt wird. Reicht denn das?

Derzeit muss das einfach ausreichen. Der betreffende Assistenzarzt kann rund 95 Prozent der Fälle selbst behandeln. Und natürlich sind die Ärzte des Akutspitals bei Notfällen auch hier und würden jederzeit einspringen, wenn es nötig wäre.

Haben Sie Ihre Suche auch schon über die Landesgrenzen hinaus ausgedehnt?

Ja, nachdem wir die Stelle zum zweiten Mal in der Schweiz ausgeschrieben hatten und keine Rückmeldung erhielten, schrieben wir sie in Deutschland aus. Doch auch da war der Rücklauf sehr bescheiden.

Selbst in Deutschland gibt es also nicht ausreichend Fachkräfte auf dem Gebiet der Geriatrie?

Nein. Wenn wir sonst Kaderstellen ausschreiben, dann bewerben sich jeweils sehr viele deutsche Ärzte.

Würden Sie Schweizer Ärzte bei der Besetzung bevorzugt behandeln?

Bei gleicher Qualifikation und gleicher sozialer Kompetenz ja.

Woran liegt es denn, dass Stellen in der Schweiz nicht mit Schweizer Ärzten besetzt werden können?

Dabei handelt es sich um ein grundsätzliches strukturelles Problem, das nicht nur die Geriatrie betrifft. In den letzten Jahrzehnten stieg der Personalbedarf in Spitälern stark an, gleichzeitig waren immer weniger ausgebildete Fachkräfte bereit, Kaderpositionen zu übernehmen.

Wodurch wird der erhöhte Personalbedarf bedingt?

Einerseits sind in den letzten 20 Jahren sehr viele neue Stellen geschaffen worden in den Spitälern. Durch den Fortschritt in der Medizin hat eine Spezialisierung eingesetzt, was einen Stellenausbau mit sich bringt. Zudem begrenzte das Arbeitsgesetz vor einigen Jahren das Pensum der Assistenten auf 50 Arbeitsstunden. Und schliesslich sind die Patienten, verglichen mit vor 20 Jahren, heute nur noch einen Drittel so lange im Spital. Das bedeutet einen grösseren Durchlauf und somit auch mehr Arbeit.

Das erklärt aber noch nicht, warum offene Stellen nicht mit Medizinstudenten besetzt werden können, die an Schweizer Universitäten abgeschlossen haben.

Nein, dabei spielt ein anderer Faktor eine sehr grosse Rolle: die Feminisierung der medizinischen Studiengänge in der Schweiz. Uns fehlen die Männer in der Medizin. Als ich studierte, hatten wir etwa 25 Prozent Frauen an der Fakultät. Heute machen sie rund 70 Prozent aus.

Wieso soll diese Feminisierung Auswirkungen auf den Stellenmarkt haben?

Der Zeitpunkt, zu dem eine Ärztin die Facharztausbildung absolviert hat und eine Stelle in einer Praxis oder als Oberärztin in einem Spital antreten kann, fällt oft mit der Familiengründung zusammen. Das führt meist zu einer längerfristigen Reduktion des Arbeitspensums. Teilzeitstellen sind in der Medizin aber nicht immer gerne gesehen, weil eine gewisse Kontinuität in der Betreuung der Patienten wichtig ist. Auch deshalb fehlen danach viele Ärzte für Stellen an Schweizer Spitälern. Wahrscheinlich wird es unvermeidlich sein, dieser Entwicklung Rechnung zu tragen und vermehrt Teilzeitstellen zu schaffen.

Wie kommt es zu dieser Feminisierung?

Die Geschlechterverteilung bei den Anmeldungen für einen Studienplatz kenne ich nicht. Aber es scheint so zu sein, dass Frauen beim Numerus clausus einen Vorteil haben. Es wird dabei vor allem die Konzentrationsfähigkeit getestet. Und diese ist offensichtlich bei Frauen besser als bei Männern.

Es gibt also schlicht mehr Stellen als Fachkräfte, die bereit sind, diese zu besetzen. Wie lässt sich das ändern?

Auf Bundesebene ist man sich dieser Problematik bewusst. Man hat vor, die Studienplätze in der Medizin an Schweizer Unis von 700 auf 900 aufzustocken. Der Bedarf liegt bei etwa 1100 Abschlüssen pro Jahr.

Gäbe es auch Dinge, die sich auf der Ebene der Spitäler verbessern liessen?

Sicher. Mit mehr Uniabgängern müssen die regionalen Spitäler auch mehr Ausbildungsfunktionen wahrnehmen. Das Problem ist aber auch hier die Finanzierung: Die Fallpauschalen decken die Assistentenausbildung nicht ab. Man klärt derzeit ab, wie man solche Ausbildungen auf anderem Weg vergüten kann.

Gibt es bereits Vergütungsmodelle, die in Kraft sind?

Ja, hier im Kanton Zürich. Allerdings sind wir Chefärzte sehr verärgert über die Politik der Gesundheitsdirektion: Der Kanton bezahlt dem Universitätsspital, dem Kinderspital und dem Triemli-Spital Unterstützungsbeiträge für die Assistentenausbildung. Die regionalen Spitäler gehen aber leer aus. Dabei leisten wir viel Ausbildungsarbeit bei den Anfängern, die zeitintensiv ist. Zum Vergleich: Der Kanton Graubünden zahlt pro Assistenzarzt 22000 Franken pro Jahr. Bei 50 Assistenten im Spital Limmattal würde das rund eine Million ausmachen. Eine riesige Summe ...

... die das Limmi aber nicht erhalten wird.

Die Hoffnung habe ich noch nicht aufgegeben. Ab 2014 ist eine bundesweite Lösung geplant. Bis dahin stehen die Chancen eher schlecht, dass wir für unsere Ausbildungsarbeit entschädigt werden.

Viele Spitäler im Kanton werden also nicht bereit sein, die Ausbildungstätigkeit zu erhöhen, damit mehr Schweizer Ärzte ausgebildet werden können?

Der Wille dazu wäre sicher sehr gross. Aber ohne die entsprechende Finanzierung wird es zu keiner Steigerung in diesem Bereich kommen.

Sie sind am Limmi auch für das Personalwesen zuständig. Werden Sie nun zu einer Art Headhunter?

Nein, wir haben eine eigene Personalabteilung. Ich bin lediglich bei der Rekrutierung gewisser Kaderarztstellen stark involviert. Es ist für ein Spital essenziell, dass man die Schlüsselpositionen mit guten Leuten besetzen kann. Ich gehe deshalb auch gezielt auf Fachkräfte zu, die wir gerne in unserem Team hätten.