Frau Rutz, Cheerleading ist in der Schweiz weitgehend unbekannt, in den USA jedoch sehr beliebt. Gewinnt das Anfeuern von Sportteams auch hierzulande an Boden?

Nathalie Rutz: Das hoffe ich doch. Ich bin Mitglied des schweizerischen Cheerleader- und Cheerdance-Verbands. Die Mitgliederzahl steigt stetig. An den letzten Europameisterschaften in Bonn nahmen rund 3000 Athletinnen teil. In den USA ist die Beliebtheit grösser, da man die Sportart bereits in der Schule wählen kann. Dort ist die Akzeptanz von Cheerleaderinnen dementsprechend auch deutlich höher, man respektiert sie, wie man hier einen Spieler des FCZ oder GC respektiert.

Vielleicht trägt der vierte Platz, den Sie – gemeinsam mit Ihrem Team der Zürcher Formation Eurodancers – an den Cheerleading-Europameisterschaften erzielt haben, zu einer grösseren Akzeptanz bei. Herzliche Gratulation zum Triumph. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf?

Wir konnten es alle kaum fassen. Die gute Platzierung kam sehr überraschend, aber das harte Training hat sich definitiv ausgezahlt.

Was würden Sie sagen, wie viel Prozent von Cheerleading ist Leistungssport und wie viel ist Unterhaltung?

Ich denke diese beiden halten sich in etwa die Waage. Treten wir an einer Sportveranstaltung auf, dann wollen die Zuschauer etwas technisch Anspruchsvolles mit Figuren und Tricks sehen. Bucht man uns aber für einen Firmenanlass zu einem bestimmten Thema, dann liegt der Fokus eher auf der Unterhaltung, wobei Technikelemente trotzdem nicht fehlen dürfen.

Also 50 Prozent zu 50 Prozent? Wie würde der Durchschnittsschweizer, der sich mit Cheerleading nicht auskennt, diese beiden Prozentzahlen verteilen?

Schwierig zu sagen. An vielen unserer Auftritte stelle ich jedoch fest, dass die Zuschauer überrascht sind von der Athletik der Show. Dass Cheerdance bedeutet, auf der Bühne leicht bekleidet mit den PomPoms zu wackeln, ist ein hartnäckiges Klischee. Wir von den Eurodancers haben jedoch einen hohen athletischen Anspruch.

Wie arbeiten die Eurodancers? Einerseits nehmen Sie an Wettkämpfen teil, man kann die Gruppe aber auch für Anlässe buchen. Finanzieren sich diese beiden Sparten quer?

Schön wäre es, wenn dies so klappen würde. Wettkämpfe sind jedoch teuer. Anreise, Teilnahmegebühren und Outfits sind kostspielig. Einen Teil davon finanzieren die Cheerleaderinnen selber, der andere Teil wird durch Auftritte finanziert. Für die Zukunft sind wir auf der Suche nach einem Kooperationspartner, der uns die Teilnahmen an nationalen und internationalen Wettkämpfen ermöglicht.

Wie viele Auftritte haben Sie und Ihre Gruppe im Durchschnitt?

Über das ganze Jahr haben wir verschiedene Auftritte in der ganzen Schweiz und in den Nachbarländern. Dabei ist im Sommer dank vieler grosser Events Hochsaison. Wir treten zum Beispiel als Seat Girls an der Coop Beachtour oder als Suzuki Dancers bei der Suzuki Beachsoccer Tour auf.

In Ihren Shows sind Sie und Ihre Kolleginnen manchmal leicht bekleidet und machen lasziv anmutende Bewegungen: Wo liegt die Grenze zwischen sexy und obszön?

Unsere Shows sind immer sportlich und sexy, aber nicht lasziv. Grundsätzlich gilt es, das Outfit und die Choreografie dem Publikum anzupassen. Bei einem Auftritt im Altersheim beispielsweise tanzten wir im Catsuit eine Musical-Tanzshow. Bei der Coop-Beach-Tour ist der Bikini jedoch okay, schliesslich tragen die Spielerinnen und Spieler ja dasselbe Outfit.

Und der Tanzstil?

Auch hier gibt es grosse Unterschiede. Es ist abhängig davon, wo wir auftreten und wer das Publikum ist. Die Choreografie kann sexy und zugleich elegant sein, oder powervoll und mitreissend. Wir haben in dieser Hinsicht eine sehr sensible Choreografin.

Wurde Ihnen schon eine Choreografie oder ein Outfit vorgeschlagen, das Ihnen zu gewagt war?

Nein. Die Cheerleaderinnen haben viel Mitspracherecht. Bereits in einem frühen Stadium können wir uns einbringen. Klar ist nicht immer allen gleich wohl bei allem, was wir tun. Aber wir finden als Team immer einen gemeinsamen Nenner.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf diesen Sport? War Ihre Grossmutter schon an einer Aufführung und sagte im Nachhinein, dass ihr das ein wenig zu aufreizend war?

Überhaupt nicht. Sie war bei der Meisterschaft im Publikum. Es hat ihr sehr gut gefallen. Meine Mutter und mein Freund sind ebenfalls begeistert und unterstützen mich glücklicherweise voll und ganz.

Wie viel Zeit wenden Sie auf?

Zwei bis vier Mal die Woche trainieren wir zwischen 18 und 21.30 Uhr. Dann kommen noch die Auftritte hinzu.

Eindrücklich. Wie reagieren Hochleistungssportler auf Cheerleader? Werden Sie als Kolleginnen wahrgenommen oder eher belächelt?

Das ist sehr interessant. Menschen, die selber viel Sport treiben, wissen, was es heisst, hart zu trainieren und dann eine Performance abzuliefern. Von diesen werden wir ernst genommen. Dass es beim Cheerleading keinen klaren Leistungsnachweis gibt, wie Tore schiessen im Fussball oder 42 Kilometer rennen wie beim Marathon, bewirkt, dass es für das ungeschulte Auge locker und einfach wirkt, aber es steckt sehr viel hartes Training und Arbeit dahinter.

Wo ist Ihnen wohler: auf Wettkämpfen oder bei Auftritten gegen Geld?

Das kann ich nicht sagen. An Wettkämpfen steht die Leistung und nichts als die Leistung im Vordergrund. Bei Auftritten hat man weniger Leistungsdruck und muss nicht gegen andere Gruppen kämpfen, sondern kann einfach Shows zeigen, was mir auch sehr viel Spass macht.

Diese Woche veranstaltete Ihre Cheerleading-Gruppe ein Casting. Was geht da vonstatten?

Nach einer lockeren Aufwärmphase lehren wir den Kandidatinnen eine kurze Choreografie. Diese wird dann vorgetanzt und bewertet. Wir wollen schauen, wie schnell die Bewerberinnen eine Choreografie aufnehmen können und wie gut ihre Ausdauer ist. Zudem braucht man aber auch Talent, um bei uns mitzumachen.

Muss man zudem gertenschlank und hübsch sein, um von den Eurodancers aufgenommen zu werden?

Nein. Klar muss man eine gewisse Sportlichkeit und Ausdauer mitbringen. Dies hat in der Regel zur Folge, dass man auch eine eher sportliche Figur hat. Aber wir haben weder Gewichts-, Alters- oder Körpermasslimiten.