Dietikon

Charles Füglister AG nach über 100 Jahren vor dem Aus

Sein Urgrossvater legte den Grundstein für das Familienunternehmen: Markus Füglister, Geschäftsleiter der Charles Füglister AG. Hae

Sein Urgrossvater legte den Grundstein für das Familienunternehmen: Markus Füglister, Geschäftsleiter der Charles Füglister AG. Hae

Die Charles Füglister AG stellt demnächst den Betrieb ein. Geschäftsleiter Markus Füglister spricht über das Ende des Familienunternehmens.

Die Lastwagen mit dem grossen, roten Apfel sind eine bekannte Erscheinung im Limmattaler Strassenverkehr: Seit Jahrzehnten liefert die Charles Füglister AG mit ihnen von Dietikon aus Äpfel, Birnen und andere Früchte in die ganze Schweiz. Nun werden sie von den Strassen verschwinden: Am ersten April wird die Firma, die seit 1910 im Obsthandel tätig ist, ihre Tätigkeit einstellen. Die Thurgauer Tobi Seeobst AG, die den Limmattaler Traditionsbetrieb 2012 übernommen hat, schliesst den Betrieb in Dietikon.

Herr Füglister, nach über 100 Jahren Geschäftstätigkeit verschwindet die Charles Füglister AG. Was bedeutet das für Sie?

Markus Füglister: Die Aussicht, das Unternehmen für immer schliessen zu müssen, ist für mich als Füglister sehr emotional und natürlich nicht einfach zu bewältigen. Ich war über 30 Jahren im Familienbetrieb tätig, die letzten vier Jahre als einziger Geschäftsleiter. Ich bedaure das Ende, insbesondere auch wegen der über 40 Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verlieren.

2012 wurde die Charles Füglister AG von der Tobi Seeobst übernommen. Damals hiess es, der Standort in Dietikon bleibe erhalten. Wieso wird er nun trotzdem aufgelöst?

Der Hauptgrund dafür war, dass hier Investitionen in Millionenhöhe nötig geworden wären – vor allem in neue Sortieranlagen. Die gleichen Anlagen sind in Bischofszell aber nicht gänzlich ausgelastet. Aus ökonomischer Sicht macht es deshalb Sinn, wenn die Früchte künftig alle dort sortiert und aufbereitet werden.

Sie sagen, der Hauptgrund für die Schliessung waren Investitionen, die man in Dietikon nicht tätigen wollte. Was waren die anderen Gründe?

Dazu beigetragen haben die zunehmende Konzentration und der damit verbundene Druck auf die Margen in der Branche. Die Migros etwa hat in den vergangenen Jahren ihre Lieferanten zu Plattformen zusammengeschlossen, um kostengünstiger einkaufen zu können. Das hat die Margen für die Händler gedrückt und dazu geführt, dass sie effizienter und kostengünstiger arbeiten müssen. Dies war vor vier Jahren der Auslöser für den Zusammenschluss mit der Tobi Seeobst AG und ist nun auch einer der Gründe für die Schliessung des Betriebs in Dietikon: Mit der Konzentration auf einen Standort kann ungefähr ein siebenstelliger Betrag eingespart werden.

Trotz des schwierigen Marktumfelds: Hat Sie der Entscheid überrascht?

Überrascht, aber auch enttäuscht. Denn als mein Bruder und ich das Unternehmen 2012 an die Tobi Seeobst verkauft haben, wurde uns zugesichert, dass der Standort Dietikon bestehen bleibt. Mein Stellvertreter und ich haben über mehrere Monate gegen die Schliessung gekämpft. Denn es gäbe gute Gründe dafür, den Betrieb hier weiterzuführen. So liegt der Markt hauptsächlich im Grossraum Zürich, weshalb wir strategisch gut gelegen sind. Aber so ist das heutzutage: Nichts ist wirklich sicher und beständig. Insbesondere in unsere Branche nicht, für die es auch ein entsprechendes Sprichwort gibt: «Handel ist Wandel.»

Was geschieht mit den Angestellten des Unternehmens?

Ich konnte gegenüber der Tobi Seeobst durchsetzen, dass allen in Bischofszell eine neue Stelle angeboten wird. 13 der rund 45 Mitarbeiter haben dieses Angebot angenommen. Sie werden ab Anfang April jeden morgen mit einem Shuttle-Bus in den Thurgau und am Abend zurückgefahren. Für ein Jahr wird dabei die Hälfte der Reisezeit als Arbeitszeit vergütet. In Bischofszell erhalten sie ausserdem den gleichen Lohn wie hier.

Und was ist mit den anderen Angestellten, haben diese eine neue Stelle in der Region gefunden?

Ein Grossteil hat einen neuen Arbeitgeber gefunden. Einige sind bei Kunden von uns, beispielsweise bei Coop oder Migros, untergekommen. Für fünf, sechs Angestellte wurde noch keine Lösung gefunden, ich bin aber zuversichtlich, dass dies bis im Sommer geschehen wird. Wir haben uns professionelle Hilfe geholt, um für jeden ein sauberes Bewerbungsdossier zusammenzustellen. Eine grosse Herausforderung bei der Vermittlung sind teilweise aber fehlende Sprachkenntnisse. Wir haben viele portugiesische Mitarbeiter, von denen einige nur rudimentär Deutsch sprechen.

Wie geht es für Sie persönlich weiter?

Mein jetziger Arbeitsvertrag bei Tobi Seeobst läuft bis Ende Jahr weiter. Mir wurde aber für sechs Monate ein Sabbatical zugesichert. Im Juli werde ich deshalb auf dem Jakobsweg von den Pyrenäen bis nach Kap Finisterre wandern. Danach widme ich mich ein paar Monate meiner Leidenschaft, dem Segeln: Ich werde mich zum englischen Yachtmaster ausbilden lassen. In dieser Auszeit möchte ich auch auf die Firmengeschichte der Charles Füglister AG zurückblicken. Ich hoffe, so mit der Ära abschliessen zu können. Ob mir das gelingt, kann ich aber erst beurteilen, wenn ich zurückkomme. Was danach passiert, ist noch unsicher. Ich bin in Verhandlungen mit der Tobi Seeobst, gewisse strategische Aufgaben zu übernehmen.

Wie sehen die letzten Tage im Unternehmen aus?

Wir packen noch bis Ende März Früchte und liefern sie aus. Der Betrieb läuft also bis zum letzten Tag normal weiter, wenn auch in geringerem Umfang. Weil ein Teil unserer Angestellten bereits eine neue Stelle angetreten hat, haben wir einige unserer Kunden schon ans Mutterhaus abgegeben. Was an Früchten ab April noch übrig ist, wird nach Bischofszell transportiert. Anfang April findet ausserdem eine Industrieauktion statt, an der das versteigert wird, was nicht zur Tobi Seeobst geht oder bereits verkauft wurde: Mobiliar, Maschinen, Fahrzeuge. Ab April werden die Hallen der Charles Füglister AG gereinigt und zurückgebaut, damit sie bis im Sommer für neue Mieter bereit sind.

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