«Wir hatten noch so viele gemeinsame Pläne – die britischen Meisterschaften in Birmingham, danach die Europameisterschaften in Dänemark», sagt Sylvia Gattiker. Während acht Jahren trainierte sie den erst letzte Woche verstorbenen Charles Eugster. Der 97-jährige Uitiker mit britischen Wurzeln wollte in England und Dänemark Höchstleistungen erbringen, doch sein Herz versagte. Nach einem Infarkt habe er noch einen Tag lang gekämpft, wie Gattiker sagt, und verstarb schliesslich am vergangenen Mittwoch (die Limmattaler Zeitung berichtete) in England.

Der Zahnarzt Eugster fand erst spät in seinem Leben zum Leistungssport. Wie er selber in mehreren Interviews sagte, habe dies vorwiegend mit seiner Eitelkeit zu tun gehabt. Er habe sich einen Beach-Body antrainieren wollen, da er mit seinem Spiegelbild nicht mehr zufrieden gewesen sei. In seinen Siebzigern fokussierte er sich erst aufs Rudern und nahm an Wettkämpfen teil. Dann legte er seinen Schwerpunkt auf die Leichtathletik.

Zeigte an der WM gute Leistungen trotz Jetlag.

Zeigte an der WM gute Leistungen trotz Jetlag.  

Hier stellte er den Hallen-Weltrekord in seiner Alterskategorie über 200 und 400 Meter auf. Doch nicht nur dank seiner sportlichen Leistungen wird der Uitiker in Erinnerung bleiben. Er bereiste die Welt und hielt Reden darüber, wie man auch im Alter aktiv sein kann, es nie zu spät ist, etwas Neues zu erlernen. Sein Ziel war es, seiner Generation – und jeder folgenden – als Vorbild zu dienen, dafür, wie man auch im hohen Alter mit gesunder Ernährung und viel Bewegung ein ausgeglichenes Leben führen kann. Ohne Einschränkung durch Krankheit oder Abnützungserscheinungen.

Herr Eugster und Frau Gattiker

Einzig eine Partnerin an seiner Seite habe er vermisst, wie Gattiker sagt. Hin und wieder habe er Frauen kennen gelernt, habe sein Herz jedoch nicht mehr verschenken können. «Erst im Februar sagte er, dass er nun so lange alleine sei, dass er sich womöglich in einer Beziehung gar nicht mehr wohl fühlen würde», sagt Gattiker mit einem Lächeln. «Obwohl wir ein sehr inniges Verhältnis hatten, haben wir uns stets gesiezt. Ich war Frau Gattiker und er Herr Eugster», sagt seine Trainerin. Eugster werde der Welt sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben.

Die persönliche Widmung an Sylvia Gattiker.

Die persönliche Widmung an Sylvia Gattiker.  

«Er hat die Menschen inspiriert, sie aufgeweckt und ihnen gezeigt, dass man sein Leben in die eigenen Hände nehmen kann. Altern kann etwas sehr Schönes sein», sagt Gattiker. Diese Inspiration lässt sich in den Klickzahlen seiner Rede an der Ted-X-Konferenz in Zürich (630 000 Menschen sahen sie) oder an seinen Facebook-Anhängern (3600 Fans) ablesen. Auch sein Anfang Jahr erschienenes Buch «Age is just a number» sorgte in Grossbritannien für Aufsehen und brachte Eugster diverse Auftritte in Radio und Fernsehen. In der persönlichen Widmung an Gattiker bedankte er sich bei ihr, weil sie sein Leben gerettet habe.

Asche kommt in die Schweiz

Für Gattiker kam die Nachricht von Eugsters Tod völlig überraschend. «An den Weltmeisterschaften in Südkorea war er noch wohlauf und hat trotz Jetlag gute Leistungen gezeigt.» Doch nicht nur sportliche Ziele verfolgten sie gemeinsam. So erarbeiteten die beiden ein Fitnesskonzept für Menschen, die 60 und älter sind. Bald wird Gattiker ein Trainingscenter eröffnen, in welchem dieses zur Anwendung kommt. Zudem wird sie zu Ehren seiner Lebensphilosophie demnächst eine Stiftung gründen, die Eugsters Namen trägt.

Kremiert wird Charles Eugster in England. Seine Asche soll in den kommenden Wochen jedoch in die Schweiz gebracht werden, so laute sein Wille.