Limmattal
Care-Migrantinnen droht Verdrängung in Schwarzmarkt

Nicht nur Spitäler sind auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen, auch andere Gesundheitsinstitutionen könnten ihre Leistungen mit inländischem Personal alleine nicht bewältigen.

Sophie Rüesch
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Bei Annahme der Einwanderungsinitiative droht Personalmangel im Gesundheitswesen. (Symbolbild)

Bei Annahme der Einwanderungsinitiative droht Personalmangel im Gesundheitswesen. (Symbolbild)

Keystone

Das Haus für Betagte Sandbühl in Schlieren müsse zwar nicht aktiv im Ausland rekrutieren, trotzdem sind rund die Hälfte der rund 100 Angestellten zumindest ausländischer Abstammung, wie Christof Langhart, Leiter Pflege und Betreuung, erklärt. Einige von ihnen seien jedoch mittlerweile eingebürgert. Auch Langhart sieht den Pflegebetrieb durch Einwanderungs-Kontingente gefährdet. Er erinnert sich an die Zeit vor der Personenfreizügigkeit: «Das Warten auf Kontingentsplätze war manchmal ein grosses Hindernis bei der Suche nach Personal.»

Weniger Sorgen um das Abstimmungsresultat macht sich Christoph Schwemmer, Leiter des Dietiker Alters- und Gesundheitszentrum (AGZ). Auch im AGZ arbeiten zwar einige Ausländerinnen und Ausländer, sowie auch einige eingebürgerte Angestellte. Doch das Anstellungskriterium, Deutsch aktiv und Mundart passiv zu beherrschen, sorge bei ihnen automatisch für einen Ausländeranteil, «der sich im Rahmen hält».

Wettbewerb würde stärker

Präsident Jürg Brändli befürchtet, dass eine Annahme der Initiative auch auf den Betrieb der Regiospitex Limmattal negative Auswirkungen haben könnte. Zurzeit seien bei ihnen einige Mitarbeiter mit Migrationshintergrund angestellt, genaue Angaben, wie viele von ihnen eingebürgert sind, hat Brändli jedoch nicht. «Mit einer Kontingentierung würde die Personalrekrutierung sicher schwieriger. Es stellt sich schon die Frage, ob wir unseren Versorgungsauftrag noch wahrnehmen könnten», sagt Brändli. Denn: Würden Kontingente den Fluss von ausländischen Arbeitskräften regeln, werde der Wettbewerb unter allen Gesundheitsdienstleistern verstärkt. «Doch wir werden natürlich auch als gemeinnützige Organisation im Rahmen unserer Möglichkeiten versuchen, ein attraktiver und interessanter Arbeitgeber zu bleiben», sagt er.

Verschiebung auf Privathaushalt

Immer wichtiger wird auf dem Betreuungsmarkt zudem die sogenannte Care-Migration. Als Care-Migrantinnen werden Frauen beschrieben, die wochenweise oder für ein paar Monate Pflegebedürftige in deren Privathaushalt betreuen – oft bis zu deren Tod. Die Nachfrage nach ausländischen Privatbetreuerinnen ist unter anderem im Rahmen der Bewegung weg von der stationären und hin zur ambulanten Pflege gestiegen. Ein grosser Teil der Care-Migrantinnen stammt zudem aus Osteuropa; entsprechend ist deren Zahl seit der Erweiterung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2011 gestiegen.

Erhebungen zur Anzahl der Care- Migrantinnen gibt es auf kantonaler oder regionaler Ebene zwar keine, weil viele von ihnen entweder schwarz arbeiten oder aufgrund ihres befristeten Arbeitsaufenthalts durch die statistischen Maschen fallen. Laut Expertin Jasmine Truong, die im Auftrag der Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung die Informationsplattform www.careinfo.ch aufgebaut hat, gehen Fachleute jedoch davon aus, dass es in der Schweiz mittlerweile mehrere tausend Care- Migrantinnen gibt.

Zumindest die Meldepflichtigen wären von einem Ja zur Initiative zwar nicht direkt betroffen. Truong warnt aber, dass die Betreuerinnen, die heute eine Aufenthaltsbewilligung besitzen, durch die Kontingentierung in den Schwarzmarkt verdrängt werden könnten. Zudem: Die heute schon praktizierte Strategie der Betreuungsagenturen, die Frauen nur befristet anzustellen, könnte bei einer Annahme verstärkt verfolgt werden. «So behalten die Vermittlungsagenturen sehr kurze Kündigungsfristen und können gleichzeitig die Kontingentvorschriften umgehen. Das bedeutet grosse Arbeitsunsicherheit für Care-Migrantinnen», sagt Truong.

Die Nachfrage nach Care-Migrantinnen werde aber durch eine Kontingentierung nicht abnehmen, ist sich Truong sicher. Denn der Kundenwunsch nach intensiverer und persönlicherer Betreuung, als das etwa die zunehmend unter Zeitdruck stehenden Spitex-Pflegefachleute gewährleisten können, bleibe bestehen. Und gerade im Hinblick auf die noch jungen Enttabuisierungsbestrebungen auf regionaler und nationaler Ebene fände Truong «es kontraproduktiv, wenn die Care-Migrantinnen mit einem Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative weiter kriminalisiert würden».

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