D. G.* betritt mit leichter Verspätung den Gruppenraum der Privatstation Belvedere im Sanatorium Kilchberg. Er komme direkt vom Yoga, sagt er, das heute etwas später begonnen habe. Sein Händedruck ist fest, seine Haltung aufrecht, aus dem Gesicht blicken freundliche Augen. Er wirkt entspannt, doch auch etwas müde. Als er sich hinsetzt, kommt er gleich zur Sache: «Mein Fall ist ein typischer», sagt er und beginnt zu erzählen, wie Stress für ihn zur Krankheit wurde.

G. ist einer von zehn Patienten, die in Kilchberg wegen eines Burnouts behandelt werden (siehe Box). Es ist bereits seine achte Woche hier und damit seine letzte. Wenn der mehrfache Familienvater sich an die Zeit, die zu seinem Zusammenbruch führte, erinnert, spricht er mit klaren Worten und ruhiger Stimme.

«Burnout kommt selten aus heiterem Himmel»

Seinen Anfang nimmt alles vor zwei Jahren, als eines seiner Kinder schwer erkrankt. «Ein traumatisches Erlebnis» nennt D. G. die Situation, die rund zwei Jahre andauert und ihm «enorm viel Energie» abverlangt. Unter der Belastung leidet die ganze Familie. Doch beim Akademiker D. G. kommt noch ein volles Arbeitspensum hinzu. Und eine psychische Prädisposition: Bereits in der Vergangenheit litt er unter depressiven Episoden. «Das geht den meisten Patienten hier so – ein Burnout kommt selten aus heiterem Himmel.»

Sobald es dem Kind besser geht, fällt G. in ein tiefes Loch. «Man versucht, alles zusammenzuhalten, man gibt und gibt und gibt, und sobald die Belastung von aussen abnimmt, bricht man selber zusammen.» Er kann nicht mehr schlafen, ist ständig übermüdet, auch die Schlafmittel, die er «viel zu lange» zu sich nimmt, nützen nicht mehr. Im März merkt er, dass es so nicht mehr weitergeht. Er liefert sich selbst in die Burnout-Station ein.

Ärztlich verordnete Ruhe

Er hat das Glück, dass er im ausgebuchten «Belvedere» den Platz eines Patienten übernehmen kann, der es sich noch mal anders überlegt hat. Denn eine ambulante Therapie kommt für ihn nicht infrage. «Vor dem Zusammenbruch wendete ich meine letzte Kraft dafür auf, meine Erschöpfung zu verdrängen. Als ich das nicht mehr aufrechterhalten konnte, fühlte ich mich vollkommen leer», erinnert er sich. Ihm wird klar, dass es länger dauern würde, um wieder in die Gänge zu kommen.

Für G. beginnt eine Zeit des Heilens. Mit der ärztlich verordneten Ruhe, die ihn aus seinem Dauerstresszustand herausholen soll, hat er am Anfang jedoch noch schwer zu kämpfen. Zu fest ist er sich gewohnt, stets etwas leisten zu müssen. «Ich litt unter den vielen Leerzeiten», gesteht er. Einfach nur ein Buch zu lesen, kommt ihm seltsam vor. «Ich musste erst lernen, die Ruhe auszuhalten, um sie mit der Zeit geniessen zu können.»

Von der Kindergärtnerin bis zum Banker

Erst nach rund zwei Wochen hat er sich in der ungewohnten Situation eingelebt. «Der Alltag hier ist ziemlich strukturiert», sagt er. Seine Tage beginnen nun mit morgendlichem Yoga und gehen weiter mit Massagen, Physiotherapie und Entspannungsübungen. Es scheint, dass die Grenzen zum Wellnesshotel fliessend verlaufen. «Natürlich fühlt man sich sehr privilegiert hier», räumt G. ein. Er betont jedoch, dass unter den anderen Patienten von der Kindergärtnerin über den Hauswart bis zum Banker alle möglichen Gesellschaftsschichten und Berufsgattungen vertreten sind – «es ist also gar nicht so, dass Burnout ein Elite-Problem ist.»

Für die ausgebrannten Patienten ist zudem gerade das Regenerationsprogramm wichtig. «Es ist unglaublich, wie zentral der Körper für die Stressbewältigung ist. Mit Atemtechnik und Muskelentspannung kann man auch im Kopf viel erreichen», sagt G. Ausserdem gehören zum eigens für die Privatklinik entwickelten Therapieprogramm nicht nur Sauna und Yogamatte, sondern auch ärztliche Betreuung, Psychotherapie und Gruppenkurse wie Stressbewältigung am Arbeitsplatz, Kommunikation, Philosophie, Training emotionaler Kompetenzen und nicht zuletzt Medikamente.

«Man muss sein Leben ja wirklich ändern»

All das soll D. G. für einen Wiedereinstieg in die leistungsorientierte Welt rüsten. Nach acht Wochen Ruhe und Introspektion muss er nun beweisen, dass er auch ausserhalb des geschützten Rahmens der Klinik dem Stress standhalten kann. «Ich glaube, ich werde es schaffen. Aber ich weiss, dass es nicht einfach wird», sagt er. Vor dem Übergang hat er grossen Respekt. Jetzt, wo der Austrittstermin näher rückt, plagen ihn manchmal Zweifel, ob er es schaffe und vor allem: wie. «Man muss sein Leben ja wirklich ändern, wenn man nicht rückfällig werden will», gibt er zu bedenken. Klar ist für ihn, dass er im Beruf kürzertreten wird. «Ich habe vorher gut 150 Prozent gearbeitet. Das war zu viel.»

Es sei ihm bewusst, dass man nach einem Klinikaufenthalt nicht einfach wieder vollständig hergestellt sei. «Wenn man jahrelang Raubbau an seinem Körper und seinen Energieressourcen betreibt, bringt man die Folgen nicht in acht Wochen weg.» Vielmehr sei er nun mit einem Instrumentarium von Denkmustern und Verhaltensweisen ausgerüstet, das er im Alltag einsetzen kann, wenn der Stress überhandzunehmen droht. Dazu gehöre, sich Pausen zu gönnen. Immer wieder mal tief durchzuatmen. Sich in Erinnerung zu rufen, auch auf sich selbst und nicht nur auf andere zu achten. Und: «In Zukunft werde ich regelmässig ins Yoga gehen.»

*Name der Redaktion bekannt