Dietikon
Bund vermiest Getränkehändler das Cider-Geschäft

Die Hitze beschert einem Dietiker Apfelwein-Importeur eine riesige Nachfrage – doch wegen der Bürokratie geht ihm der Nachschub aus

Florian Niedermann
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Das schwedische Cider-Getränk «Rekorderlig», das die Dietiker Crushed Ice GmbH importiert, verkauft sich im Sommer besonders gut. Derzeit kämpft die Firma aber mit bürokratischen Hürden. fni

Das schwedische Cider-Getränk «Rekorderlig», das die Dietiker Crushed Ice GmbH importiert, verkauft sich im Sommer besonders gut. Derzeit kämpft die Firma aber mit bürokratischen Hürden. fni

Florian Niedermann

Hitze macht durstig: Wer sein Geld mit dem Verkauf von Getränken verdient, hat deshalb dieser Tage Hochsaison. Auch Sabine und Dominik Suter könnten mit ihrer Crushed Ice GmbH in Dietikon den Umsatz des Jahres erwirtschaften – könnten. Denn gerade jetzt ist es ihnen und ihren Partnern nicht mehr möglich, ihre Kunden zuverlässig zu beliefern – der Vorrat des alkoholischen Cider-Getränks «Rekorderlig», das die Firma für den Schweizer Markt aus Schweden importiert, ist ausgegangen. Das Problem: Nachschub zu beschaffen lohnt sich nicht.

Alkoholgesetz

Ob ein Obstweingetränk unter das Alkoholgesetz (AlkG) fällt, entscheidet die eidgenössische Alkoholverwaltung. Als ausschliesslich durch Vergärung gewonnene alkoholische Erzeugnisse gelten in der Gesetzgebung Getränke wie Obstwein oder verdünnter Obstwein, wenn sie einen Alkoholgehalt unter 15 Volumenprozenten aufweisen. Wenn dem Obstsaft vor der Vergärung allerdings Zucker zugesetzt worden ist, muss es nach Artikel 2 Absatz 1 des AlkG als gebranntes Wasser qualifiziert werden. Solche Produkte unterliegen bei der Einfuhr – wie auch Alcopops – einer Monopolgebühr von 29 Franken je Liter 100 prozentigen Alkohol. (fni)

Damit muss die Crushed Ice GmbH bei der Einfuhr in die Schweiz eine sogenannte Monopolgebühr von über
50 Rappen pro Dose à 3,3 Deziliter bezahlen. Wirtschaftlich mache das den Import für ihre Firma unmöglich, sagt Sabine Suter: «Damit es für uns rentiert müssten wir die Einheiten so für etwa Fr. 2.50 an unsere Partnervertriebe abgeben. Und welcher Konsument ist schon bereit, 5 Franken für eine Dose Cider zu bezahlen?»

Es bleibt ihr und ihren Partnern also nichts anderes übrig, als abzuwarten – nun schon fast sechs Monate lang. Doch der Zeitpunkt der Import-Durststrecke ist denkbar schlecht: Seit Mai habe sich die beste Verkaufssaison seit der Firmengründung abgezeichnet, sagt Suter: «Wir haben zum Glück vor der zweiten Überprüfung des Getränks durch das EAV noch 30 000 Dosen ohne Monopolgebühr importiert. Doch in den letzten zwei Monaten verkauften wir so gut, dass unser Lager bald leer ist.» Gerade jetzt im Hochsommer bedeute jede Verzögerung schnell einmal Umsatzeinbussen im Tausenderbereich, erklärt .

Gängelung zum Schutz des Markts?

Die 30-Jährige ist sich sicher, dass die EAV auch bei der zweiten Kontrolle zum Schluss kommen wird, dass «Rekorderlig» als Obstwein importiert werden kann – und nicht unter das Alkoholgesetz fällt. Dass der Bund für die Analyse aber derart lange braucht, ist für sie nicht verständlich. Die Jungunternehmer werden das Gefühl nicht los, dass die Behörden mit solchen Gängelungen versuchen, den inländischen Obstwein-Markt zu schützen. Denn die hiesigen Produzenten haben eine starke Lobby.

Und dass diese über die Konkurrenz ausländischer Apfelweine gar nicht erfreut sind, zeigte sich bereits 2010. Damals erlaubte das Bundesamt für Gesundheit der Brauerei Feldschlösschen, den dänischen, stark mit Wasser verdünnten Apfelwein der Marke «Somersby» hier zu verkaufen.

Darauf legte der Schweizer Obstverband beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde ein. Er monierte, dass verdünnter Apfelwein nach Schweizer Recht maximal 30 Prozent Wasser enthalten dürfe. Für den dänischen Cider könne deshalb nicht die Bezeichnung «Apfelwein» verwendet werden. Stattdessen sei eine Bezeichnung wie etwa «alkoholhaltiges Getränk auf Basis von Äpfeln» zu verwenden. Die Richter in Bern wie auch jene des Bundesgerichts in zweiter Instanz sind auf die Beschwerde aber gar nicht erst eingetreten. Gemäss den Urteilen ergibt sich kein Beschwerderecht aus den möglichen Nachteilen, die den vom Obstverband vertretenen Schweizer Apfelwein-Produzenten entstehen könnten.
Bund streitet Protektionismus ab

Versucht die Obstlobby also stattdessen, Einfluss auf die Bundesverwaltung zu nehmen und über das Alkoholgesetz ausländischen Obstwein-Produzenten das Geschäft zu vergällen, wie dies die Jungunternehmer der Crushed Ice GmbH vermuten? Die eidgenössische Alkoholverwaltung weist den Vorwurf, sich instrumentalisieren zu lassen, zurück: «Vertiefte Abklärungen sind oft nötig, um importierte alkoholische Getränke korrekt zu besteuern. Das hat nichts mit Protektionismus zu tun», sagt Pressesprecher Nicolas Rion auf Anfrage.

Auch dass ein Getränk im Verlauf einiger Jahre mehrfach analysiert werde, wie dies etwa beim «Rekorderlig» der Dietiker Firma geschehen ist, gehöre zum Standardprozedere. «Die Zollverwaltung lässt alkoholische Produkte bei der Einfuhr überprüfen, wenn sie Zweifel hat», so Rion. Die Erfahrung habe gezeigt, dass sich die Rezeptur etwa im Bereich der Alkoholbasis auch bei Getränken ändern könne, die über Jahre regelmässig importiert würden.

Dass die Analyse des schwedischen Ciders sich nun bereits sechs Monate hinzieht, begründet die EAV damit, dass die Rezepturunterlagen und Herstellungsprozess-Nachweise unvollständig gewesen seien. «Wenn alle erforderlichen Informationen aus den Dokumenten ersichtlich sind, dauert eine Abklärung eines Produkts samt chemischer Analyse rund 20 Arbeitstage», so Rion.

Marcel Jost, Geschäftspartner des Ehepaars Suter und Betreiber des Drink-Shops Zürich im Kreis 3, sagte gestern, dass er ein Schreiben der EAV erhalten habe. Dieses lasse darauf schliessen, «dass eine erfreuliche Lösung betreffend die Klassifizierung von Rekorderlig in Aussicht ist». Bis der Entscheid definitiv ist, kann es allerdings noch einige Wochen dauern. Wochen, welche die Jungunternehmer viel Geld kosten.