In den 1990er-Jahren war sie eine der besten Leichtathletinnen der Schweiz. Schwarze Haare, schwarze Augen und Beine so leicht wie der Wind. Bereits im Jahr 1989 lief die damals 17-Jährige 100 Meter in 12,18 Sekunden und 200 Meter sogar in nur 25,40 Sekunden. Ein Jahr später war sie Drittbeste im 100-Meter-Hürdenlauf, im Jahr 1992 stand sie wieder auf dem dritten Platz im 400-Meter-Lauf-Ranking.

«Ich wollte einfach rennen», erinnert sich Daniela Quispe. Die Spontanität des damaligen Unterengstringer Schulmädchens wurde stets von Willensstärke begleitet. «Ich hörte schon als 12-Jährige die ganze Zeit vom LCZ, ich wollte einfach dorthin, auch wenn ich nicht wusste, was es bedeutete», sagt die 46-Jährige. Sie nahm an Limmatstafetten teil, auch an regionalen Wettbewerben.

Mit der Zeit und dem Erfolg wuchs auch ihr Ehrgeiz. Wie sich herausstellte, bedeutete LCZ Leichtathletik-Club Zürich. Und genau dorthin gelangte Daniela Quispe schliesslich. Bald trainierte sie im Letzigrund, in Magglingen und sogar im Ausland.

Quispe rannte schnell. So schnell, dass sie es ins Nationalteam schaffte. Mit dem Tempo des eigenen Aufstiegs konnte sie jedoch nicht mithalten. Auch in ihrem Privatleben musste sie Hürden überwinden. «Es ging mir alles zu schnell», sagt Quispe.

Mit 20 Jahren beendete sie endgültig ihre Leichtathletik-Karriere, die heute eine flüchtige Erinnerung bleibt. «Das war ja vor über 20 Jahren», so Quispe. Der Höhepunkt ihres Berufslebens sollte noch kommen.

Eine neue Leidenschaft entdeckt

Statt in ein Loch der Verzweiflung zu fallen, behielt Quispe die Fassung. Sie machte sich auf die Suche nach ihrem eigenen Weg. Dieser führte sie zu einer Tanzschule. «Ich habe schon immer gerne getanzt, durfte aber als Kind nicht, weil uns die Mittel dazu fehlten», erklärt Quispe. Früher sei das Angebot an Tanzkursen kleiner und teurer gewesen als heutzutage.

Sie liess sich aber trotz mangelnder Erfahrung nicht einschüchtern und fing bereits mit 17 Jahren eine Ausbildung als Bewegungspädagogin an. «Ich wollte Sicherheit, auch im finanziellen Sinn», sagt sie. «Und ich wollte die Beste sein.» Das gelang ihr gut, bis sie sich in New York als Tänzerin weiterbilden liess. «Dann merkte ich, dass ich nichts konnte. Es waren Jahre der Geborgenheit», sagt Quispe.

Sie fand sich schliesslich in der Rolle der Choreografin, die eine Ader für die Hip-Hop-Kultur hat. «Elemente dieser Kultur wie Graffiti, DJing, Rap und Breaking werden in ein schlechtes Licht gerückt, aber unsere Werte sind klar: Egal, wer du bist und von wo du kommst – du hast das Recht, mit uns zu tanzen», sagt Quispe. Weitere Grundpfeiler des Hip-Hops seien Werte wie Liebe, Frieden, Respekt und Gemeinschaft. Das will sie den Kindern und Jugendlichen im Tanzunterricht vermitteln. Bei Quispe lernen sie nicht nur neue Schritte, sondern auch eine neue Kultur kennen.

Nebst Auftritten für Tanzgruppen wie Culture Shock Switzerland und selbstentworfenen Choreografien – unter anderem für das Schweizer Fernsehen – engagiert sich Quispe als Bewegungs-Botschafterin der Zürcher Stiftung Schtifti. Das Gesundheitsförderungsprogramm Gorilla führt sie mit vier Workshop-Leitern. «Sie sind für mich wie meine Familie», sagt sie über ihre Arbeitskollegen.

Dank der Hilfe von guten Freunden und vom Lehrerteam konnte sie vor eineinhalb Jahren ihre eigene Tanzschule Tanzraum 6 unweit von Bucheggplatz und Milchbuck eröffnen. «Ein Kollege montierte die Spiegel, eine Kollegin gab mir die Sitzbänke», sagt Quispe. Die Zusammenarbeit trägt nun Früchte. Aber die Unterengstringerin ruht sich nicht auf Lorbeeren aus.

Ohne mehr zu verraten, sagt sie: «Bald lanciere ich ein neues Projekt, diesmal auf Freestyle-Sportarten wie Skateboarden fokussiert.»