Der Blick aus dem 15. Stock gibt die Sicht frei auf ein beschauliches Einfamilienhausquartier und einen sattgrünen Wald. Ein Zug fährt etwas unterhalb am Bahnhof Urdorf ein. Katharine Röthlisberger steht mit dem Rücken zur idyllischen Kulisse. In der Hand hält sie ein hautfarbenes, kleines Kissen. Sie lässt es in einem braunen BH, der an einer Büste angebracht ist, verschwinden. «Bei einigen Patientinnen ist eine Entfernung der Brust nötig. Mit dieser mit Watte gefüllten Erstversorgungsprothese können sie das Spital nach der Operation verlassen, ohne dass äusserlich eine Veränderung sichtbar ist», sagt sie.

Röthlisberger ist seit sechs Jahren Breast Care Nurse und arbeitet für das Brustzentrum Zürich West im Spital Limmattal. In ihrem Sprechzimmer empfängt sie Frauen, aber auch einige Männer, mit der Diagnose Brustkrebs.

«Ich betreue Patienten von der Diagnosestellung über die Therapie bis zur Nachsorge», sagt die 54-Jährige. Sie ist Teil eines Teams, das aus Gynäkologen, Onkologen, Radiologen und plastischen Chirurgen besteht. Während die Kollegen den medizinischen Bereich abdecken, kümmert sich Röthlisberger um das emotionale Wohl der Patienten. «Die Diagnose trifft eine Person oft unerwartet und löst Angst aus. Die Krebsbehandlung ist eine grosse Belastung», sagt die diplomierte Pflegefachfrau.

In dieser Zeit versuche sie, die Patienten zu begleiten. «Mit praktischen Tipps und emotionaler Unterstützung können Unsicherheiten und Ängste abgebaut werden.» In Gesprächen gebe sie den Patienten, die Gelegenheit, ihre Gefühle zu artikulieren.

Perücken und Prothesen

Röthlisberger koordiniert aber auch Termine. So etwa wenn Abklärungen im Partnerspital Triemli oder bei anderen Spezialisten gemacht werden müssen. Zu ihrer Aufgabe zählt zudem, den Patienten in einer verständlichen und weniger fachspezifischen Sprache die Therapiemöglichkeiten aufzuzeigen. «Nach einer Operation folgen oftmals weitere Behandlungen wie eine Chemo-, Hormon-, Antikörper- oder Strahlentherapie.» Je nach Diagnose falle die Therapie anders aus und damit auch die Beratung. «Ich führe zum Beispiel eine Perückenberatung durch, wenn Patienten eine Chemotherapie benötigen. So wissen sie, welche Möglichkeiten sie haben.»

Ähnlich verfährt Röthlisberger, wenn die Patientinnen nicht brusterhaltend operiert werden. «Dann kläre ich sie über Brustprothesen aus Silikon oder Eigengewebe auf.» Je nach Person falle die Betreuung intensiver oder weniger intensiv aus. «Einige Patienten sind froh um die Unterstützung, andere kommen gut zurecht ohne meine Hilfe», sagt Röthlisberger. Wichtig sei, dass die Patienten wüssten, dass es das Angebot gebe und sie gut aufgehoben seien.

Die Breast Care Nurse ist auch nach abgeschlossener Therapie für die Patienten da. «Ein wichtiger Schritt nach dem Ende der Behandlung ist der Weg zurück in den Alltag und in das Berufsleben.» Dabei steht Röthlisberger den Patienten nach Bedarf zur Seite. «Die Krankheit reisst Personen aus dem Alltag. Die Therapie kann bis zu einem Jahr dauern.» Einige Patienten benötigten Unterstützung, um ins alte Leben zurückzufinden. Zumal sich manchmal auch das Aussehen verändere. «Viele Patienten haben nach der Operation und der Therapie Probleme mit ihrem Körper», sagt Röthlisberger. Andere plagten Ängste, dass der Krebs zurückkommen könnte.

Lernen, loszulassen

Dass sie Menschen in einer schwierigen Phase des Lebens begleitet, gehört für Röthlisberger zum Alltag. Dennoch lassen sie die Schicksale ihrer Patienten nicht kalt. «Es ist ein Aushalten von Emotionen. Vor allem, wenn ich junge Frauen oder solche in meinem Alter betreue, geht es mir nahe.» Doch auch dann müsse man loslassen können, wenn man das Spital verlasse. «Man muss das lernen, sonst kann man diesen Beruf längerfristig nicht ausführen.»

Röthlisberger hat dafür ein Ritual entwickelt. «Wenn ich nach einem Arbeitstag an der Haltestelle auf den Bus warte, analysiere ich die Gespräche mit den Patienten und frage mich, wie sie verlaufen sind und was ich hätte besser machen können.» Auf diese Weise könne sie das Erlebte verarbeiten. Hilfreich beim Abschalten seien aber auch ihr gutes Umfeld und ihre Familie, mit der sie in Unterengstringen lebt.

Röthlisberger ist seit 25 Jahren im Spital Limmattal als Pflegfachfrau tätig. Sie arbeitete auf diversen Stationen wie der Gynäkologie, dem Ambulatorium und der Frauenklinik. 2012 kam ihr die Idee, sich zur Breast Care Nurse weiterzubilden. «Ich habe eine neue Herausforderung gesucht und gesehen, dass diese Ausbildung an der Fachhochschule in Winterthur angeboten wird.» Im Spital Limmattal stiess Röthlisbergers Vorhaben auf Zuspruch. «Die Pläne, ein Brustzentrum einzurichten, waren bereits vorhanden. Meine Idee liess sich damit gut vereinbaren», erzählt die dreifache Mutter.

Den Entscheid, diesen Kurs besucht zu haben, bereut Röthlisberger bis heute nicht. « Jedes Jahr erhalten mehr als 60 Patienten die Diagnose Brustkrebs im Spital Limmattal. Schweizweit erkranken jährlich rund 6'000 Personen.» Ihr Beruf sei ein Zeichen von Solidarität. «Die Krankheit geht uns alle etwas an.» Durch ihre Ausbildung könne sie den Betroffenen eine gute Betreuung bieten und ihnen zeigen, welche Optionen sie haben. Und ganz wichtig ist Röthlisberger, den Patienten die Botschaft zu vermitteln: «Brustkrebs ist kein Todesurteil.»

Röthlisberger erhält viel positives Feedback von ihren Patienten. Das sei schön, es bestätige sie in ihrer Arbeit. Den bisher schönsten Moment als Breast Care Nurse erlebte sie, als sie eine Patientin nach der Operation ganz fest umarmte. «Sie tat es aus Erleichterung, als sie von der Ärztin erfuhr, dass sie keine Krebsableger habe und keine weitere Therapie brauche.»

Aktuelle Veranstaltung des Brustzentrums: Mittwoch, den 16. Mai 2018, von 19 bis 20 Uhr referieren Ulrike Knödlstorfer, Leiterin des Brustzentrums, und Julia Ihrig, Oberärztin der Frauenklinik, zum Thema genetische Untersuchungen im Bühnensaal des Spitals Limmattal. Im Anschluss gibt es einen Apéro.