Dass sein erster öffentlicher Auftritt als Präsident des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» der Schweizer Bischofskonferenz derart hohe Wellen schlagen würde, hätte Toni Brühlmann-Jecklin nicht gedacht. Noch bis vergangenen Sommer amtete er als Stadtpräsident von Schlieren. Diese Woche nun war er in zahlreichen Medien zu sehen, zu hören oder zu lesen. Der Vorschlag des Gremiums, dass Bewerberinnen und Bewerber für Stellen im kirchlichen Dienst einen Sonderprivatauszug aus dem Strafregister vorlegen müssen, sorgt für grosses Aufsehen. Dieser enthält Urteile, in denen unter anderem Berufs- oder Kontaktverbote gegenüber schutzbedürftigen Personen wie Minderjährigen ausgesprochen wurden (die Limmattaler Zeitung berichtete).

In Schlieren war Brühlmann stets ein «normales» Mitglied der katholischen Kirche, wie er selber sagt. Doch ausserhalb der Stadt steht er bereits seit längerem in Kontakt mit katholischen Entscheidungsträgern, sprich: mit dem bischöflichen Ordinariat des Bistums Basel. «Nach einer mehrjährigen Anstellung in der katholischen Kirche organisierte und leitete ich während vielen Jahren Weiterbildungen zu unterschiedlichen Themen für Seelsorgerinnen und Seelsorger», sagt er.

Brühlmann, der studierter Theologe und Psychotherapeut ist, scheint für diese Aufgabe prädestiniert. Schon früher war er im Bistum Basel Ansprechperson für Opfer und Täter von sexuellen Übergriffen, um diese zu beraten. Die Nachfrage nach dieser Dienstleistung hielt sich in Grenzen: «In dieser Zeit kamen drei bis vier Anfragen auf meinen Schreibtisch», so Brühlmann.

Die Chemie passte

Im vergangenen Herbst habe der damalige Präsident des Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld», Giorgio Prestele, seinen Rücktritt bekannt gegeben. Es verging nicht
viel Zeit, bis Brühlmann für die Nachfolge in Betracht gezogen wurde. «Bischof Felix Gmür fragte mich an, ob ich das Amt übernehmen würde.»

Toni Brühlmann-Jecklin, ehemaliger Stadtpräsident Schlieren

«Wir sind auf strategischer Ebene tätig und haben keinen Kontakt mit Opfern.»

Toni Brühlmann-Jecklin, ehemaliger Stadtpräsident Schlieren

Brühlmann-Jecklin sagte jedoch nicht gleich zu, sondern liess sich die Sache noch ein wenig durch den Kopf gehen. Zudem besuchte er eine Sitzung des Fachgremiums. «Es ging mir darum, die Stimmung zu spüren und zu erkunden, ob die Mitglieder überhaupt offen sind für einen Präsidenten von ausserhalb.» Offenbar passte die Chemie. Das Gremium soll idealerweise zwischen fünf und elf Mitglieder aufweisen, aktuell haben zehn Personen Einsitz.

Die zentrale Aufgabe bestehe darin, die Bischofskonferenz in Fragen von sexuellen Übergriffen zu beraten. «Wir sind auf strategischer Ebene tätig und haben keinen Kontakt mit Opfern und Tätern», so Brühlmann.

Seine Funktion als Ansprechperson für Opfer und Täter von sexuellen Übergriffen legte er nach seiner Berufung zum Präsidium durch die Bischofskonferenz nieder. «Es wäre nicht zielführend gewesen auf operativer und strategischer Ebene tätig zu sein.»

Es bleibt spannend

Bei der Ausarbeitung des Vorschlags war Brühlmann nicht von Anfang an dabei. «Ich war nicht tief involviert, vertrete das Ansinnen nun aber in der Öffentlichkeit.» Es bleibt spannend. Ende Februar werden die Schweizer Bischöfe über den Vorschlag des Gremiums befinden.

Brühlmann-Jecklin ist zuversichtlich, dass der Änderung zugestimmt wird. Und wenn nicht? «Aus meiner politischen Tätigkeit bin ich es mir gewohnt, dass meine Vorschläge oder Anträge manchmal nicht auf Gegenliebe stossen.»

Seit Anfang Januar hat Brühlmann dieses Amt nun inne und fühlt sich wohl. Dass der SP-Politiker nun nach seinen acht Jahren im Stadtpräsidium in Schlieren wieder im Rampenlicht steht, stört ihn nicht. Generell ist er noch voller Tatendrang, wie es scheint. Obwohl er mit 72 das Pensionsalter schon längst überschritten hat, betreibt er noch immer seine psychologische Praxis in Schlieren. «So komme ich auf ein Arbeitspensum von zwischen 20 und 40 Prozent. Dies tut mir gut. Dennoch kann ich vermehrt meinen Hobbys nachgehen.» Wenn er also keine kulturellen Anlässe besucht, ist er oft auf dem Velo anzutreffen oder in ein gutes Buch vertieft, wie er sagt.