Die Limmat
Brücken waren im Tal während Jahrhunderten ein rares Gut

Wer zwischen Zürich und Baden trockenen Fusses über die Limmat wollte, war während Jahrhunderten auf Fähren angewiesen.

Sandro Zimmerli
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Brücken Limmat
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Die Holzbrücke beim Kloster Wettingen anno 1912
Die Holzbrücke Kloster Wettingen anno 1912
Die Holzbrücke beim Kloster Wettingen heute
Die Holzbrücke mit Landvogteischloss in Baden
Die Autobahn bei Würenlos
1845 liessen die Brüder Heinrich junior und Rudolf Bebié das Fahr über die Limmat in Turgi durch eine hölzerne Privatbrücke ersetzen
Der Ampère-Steig ist ein junges Beispiel für eine Brücke über die Limmat

Brücken Limmat

Limmattaler Zeitung

Von einer auf die andere Limmatseite zu wechseln, ist heutzutage keine Kunst. Ob zu Fuss, mit dem Auto oder dem Zug – alleine zwischen Zürich und Baden existieren 58 Brücken, Stege und Wehre. In vergangenen Jahrhunderten war es da wesentlich mühsamer, den Fluss zu queren. Im Spätmittelalter bestanden lediglich in Zürich und in Baden Brücken über die Limmat.

Der Grund für diesen Mangel an Querungsmöglichkeiten ist in Zürich zu suchen. Die Stadt hatte Angst, ihre Vormachtstellung als Verkehrsknotenpunkt zu verlieren. Deshalb schloss sie im Jahr 1257 mit den Herren von Schönenwerd einen Vertrag ab, wonach jeglicher Brückenbau über die Limmat verhindert werden sollte. Denn auf dem der Wasserburg Schönenwerd in Dietikon gegenüberliegenden Limmatufer schickten sich die Regensberger an, ihren Einfluss unter anderem durch den Bau einer Brücke über den Fluss zu vergrössern. Ausgangspunkt für dieses Bestreben war die wohl um 1040 erbaute Burg Glanzenberg, die sich oberhalb der heutigen Überlandstrasse neben dem Kieswerk Hardwald auf Unterengstringer Boden befand. 1267 zerstörten die Zürcher mithilfe von Graf Rudolf IV. von Habsburg die Burg.

Ein befahrbarer Übergang

Einer der Übergänge unter Zürcher Kontrolle aus jener Zeit befand sich beim Hardturm. Er wurde jedoch 1343 durch ein Hochwasser zerstört und nicht wieder aufgebaut, wie Karl Heid im Dietiker Neujahrsblatt von 1962 schreibt. Ähnlich weit zurück reicht die Geschichte der Rathausbrücke, im Volksmund auch Gemüsebrücke genannt. Erste bekannte Verbreiterungen datieren aus dem Jahr 1375. Bis ins 19. Jahrhundert war die Rathausbrücke der einzige befahrbare Übergang über die Limmat in der Stadt Zürich. Ihr heutiges Gesicht erhielt sie im Jahr 1972.

Bereits 1809 wurde in Baden die heute noch existierende Holzbrücke beim Landvogteischloss erstellt. Sie dürfte mindestens fünf Vorgängerinnen gehabt haben, die entweder durch Naturkatastrophen oder kriegerische Akte zerstört worden sind. Denn schon im 13. Jahrhundert existierte an jener Stelle eine Brücke.

Bis ein erster Übergang über die Limmat zwischen Zürich und Baden erstellt wurde, der sich nicht in einer der beiden Städte befand, dauerte es weit ins 18. Jahrhundert hinein. 1764 erteilte der damalige Abt des Klosters Wettingen den Auftrag, eine Brücke über den Fluss zu bauen. Ein Jahr später wurde das Projekt realisiert. Allerdings wurde sie 1799 nach der ersten Schlacht von Zürich von französischen Truppen zerstört, um den Rückzug der Soldaten zu sichern. Die heutige Holzbrücke wurde schliesslich 1818 erbaut.

Erste Brücke in Unterengstringen

Im zürcherischen Limmattal dauerte es bis Mitte des 19. Jahrhunderts, ehe eine Brücke die beiden Flussufer verband. Gebaut wurde sie 1844 zwischen Unterengstringen und Schlieren. Mit ein Grund für die Erstellung der Brücke war das neu organisierte Schulwesen. Seit 1832, als das erste kantonale Schulgesetz verabschiedet wurde, mussten die Sekundarschüler der rechtsufrigen Limmattaler Gemeinden in Schlieren den Unterricht besuchen. Weil es dauernd Probleme mit dem Fährmann beim Kloster Fahr gab, kamen die Schülerinnen und Schüler jedoch oft zu spät, was den Wunsch nach einer Brücke nährte. Der aus Holz erstellte Übergang wurde 1935 durch die heutige Betonbrücke ersetzt.

Die Militärische Bedeutung der Limmat

2. Schlacht von Zürich
General Masséna gelingt eine Meisterleistung
Am 25. September 1799 spielte sich im Limmattal geschichtsträchtiges ab. Damals überquerten französische Truppen unter der Führung von General André Masséna bei Dietikon die Limmat, um die bei Unterengstringen stationierten Russen zu bekämpfen. Die russischen Truppen wurden zum Rückzug gezwungen und damit die Entscheidung bei der zweiten Schlacht von Zürich herbeigeführt. Der Flussübergang gilt als militärische Meisterleistung. Auch weil sich Masséna einer List bediente. Zwei Tage vor seinem Angriff befahl der General, das Gerücht zu streuen, man habe Vogelsang bei Brugg zum Flussübergang vorgesehen. Die Täuschung verfehlte ihre Wirkung nicht. Vor Unterengstringen lagen nur ein Bataillon russischer Grenadiere und ein Kosakenregiment mit einer lockeren Vorpostenkette an der Limmat.

Limmatstellung
Dietikon wird zur Festung ausgebaut
Bis heute zeugen unter anderem Teile einer Festungsmauer hinter dem Zentralschulhaus in Dietikon vom 2. Weltkrieg. Der heutige Bezirkshauptort spielte zu Beginn des Kriegs eine wichtige Rolle. So sollte die Armee gerüstet sein für das wahrscheinlichste Szenario eines deutschen Einmarsches, eines Angriffs von Norden her. Die Verteidigungsfront verlief entlang einer Linie, die sich von Sargans quer durchs Mittelland bis nach Basel zog. Wichtiger Teil dieses Verteidigungsdispositivs war die Limmatstellung. Und so wurde aus Dietikon in kurzer Zeit eine Festung. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich 1940 entstand für die Verteidigung der Schweiz eine völlig neue Situation: Die Armee zog sich ins Réduit zurück. Die Festung, die zu Kriegszeiten sieben Bunker und 900 Meter Festungsmauer umfasste, war nun kein strategisch wichtiger Stützpunkt mehr.

Linthstellung
Trockengelegtes Land sollte geflutet werden
Die Militärstrategen hatten während des Zweiten Weltkrieges auch für den «Oberlauf» der Limmat – also entlang der Linth – ihre Planspiele gemacht: Die Taktik sah ab 1940 vor, bei einem Einfall von Norden die eben erst für die Nahrungsmittelproduktion trockengelegte Linthebene dank verschiedenen Stauanlangen wie Wehren und Erdpfropfen auf einer Breite von 15 Kilometern wieder zu fluten – und so den Einmarsch fremder Soldaten im Sumpf zu verlangsamen. (zim/og)

Ebenfalls bereits im 19. Jahrhundert existierte das «Gasibrüggli» zwischen Oberengstringen und Schlieren. So ist bekannt, dass der hölzerne Transportsteg im Januar 1899 bei einem Hochwasser weggeschwemmt wurde. Ab den 1960er-Jahren wurden schliesslich mit dem Bau der Autobahnen auch die ersten Autobahnbrücken über die Limmat erstellt.

Wegen des relativ spät einsetzenden Brückenbaus im Limmattal waren die Bewohner während Jahrhunderten auf Fähren angewiesen, um über den Fluss zu setzen. Die älteste betrieb das Kloster Fahr. Es wird angenommen, dass eine Fähre bereits vor der Gründung des Klosters 1130 existierte. Der Name Fahr oder «Vare» respektive «Var», wie es in der Stiftungsurkunde heisst, deutet darauf hin, dass sich bereits zuvor eine Fährstelle an diesem Ort befand. Allerdings wird vor 1569 kein Fährmann urkundlich erwähnt.

Neben Bauern aus den rechtsufrigen Dörfern nutzten wohl auch Pilger aus dem Schwarzwald die Fähre auf ihrem Weg nach Einsiedeln. Mit dem Bau der Unterengstringer Brücke verlor sie ihre Bedeutung.

Eine weitere Übersetzmöglichkeit existierte beim Kloster Wettingen. Die Fähre wurde 1274 zum ersten Mal urkundlich erwähnt, dürfte jedoch ebenfalls schon vorher existiert haben. Auch bei Dietikon sind Fährbetriebe dokumentiert. Der älteste von ihnen wurde 1456 erstmals erwähnt. Es handelt sich um jene Fähre, die zwischen Dietikon und Oetwil verkehrte. Sie ging 1939 ein, als der damalige Besitzer für ein neues Schiff Beiträge von den Gemeinden Dietikon und Oetwil verlangte, diese jedoch nicht gewährt wurden. Zwei weitere Fähren befanden sich weiter flussaufwärts, eine bei der heutigen Limmatbrücke, die andere oberhalb des heutigen Bahnhofs. Beide gingen mit dem Bau der Limmatbrücke 1897 ein.

Reminiszenz an den Fährbetrieb

Für kurze Zeit bestand auch zwischen Schlieren und Oberengstringen eine Fährverbindung. Den Oberengstringern war die Fähre beim Kloster Fahr zu wenig leistungsfähig für den Transport grosser Güter. Das Kloster wiederum sah die Konkurrenz nicht gerne, weil es befürchtete, dass der Taverne Gäste verloren gehen könnten. Trotzdem wurde die Fähre 1830 in Betrieb genommen. Zu überzeugen vermochte sie jedoch nie. 1844 wurde sie abgebrochen, als die Unterengstringer Brücke errichtet wurde.

Heute erinnert noch die Fähre «Maurizius» beim Kloster Fahr an jene Zeiten, als Brücken über die Limmat ein rares Gut waren. Seit 1981 betreiben der Wasserfahrverein Schlieren und die Seepfadi Zürich mit viel Engagement einen Fährdienst zwischen Schlieren und dem Kloster. Jeweils an Sonn- und Feiertagen bei guter Witterung transportiert die «Maurizius» zwischen 13 und 17 Uhr Spaziergänger über den Fluss.