Im Mai, als Brigitta Johner ihre letzte Sitzung als Zürcher Kantonsratspräsidentin leitete, die den Schlusspunkt ihrer knapp dreissigjährigen Politkarriere setzte, war noch nicht viel bekannt darüber, was die Urdorferin künftig machen würde. Nur Ferien auf Teneriffa, wo sie ihr geliebtes Spanisch wieder anwenden konnte, waren geplant.

Heute blickt die 64-Jährige auf eine reichhaltige zweite Jahreshälfte 2015 zurück. Wie sie selber sagt, hat die ehemalige FDP-Kantonsrätin kein Heimweh nach dem Rathaus. «Ich hatte während des letzten Jahres als Kantonsratspräsidentin eine grosse Verantwortung zu tragen, es galt, vielen Ansprüchen gerecht zu werden.» Diese Verantwortung konnte sie im Rathaus am Zürcher Limmatquai zurücklassen. Doch auch langatmige Budgetdebatten und gelegentlich unfaire, gar harte Schlagabtausche im Rat wünsche sie sich überhaupt nicht zurück. Einzig die anregenden Diskussionen mit den Ratskollegen aller Parteien vermisse sie bisweilen.

Dankbar für Demokratie

Nach den entspannenden Ferien in der spanischen Sonne vollzog Johner einen Szenenwechsel, der krasser wohl nicht sein könnte: Sie machte mit ihrem Mann eine Reise durch das diktatorisch regierte Nordkorea. Eines der eindrücklichsten Erlebnisse in diesem Jahr, wie sie sagt. «Das Kennenlernen anderer politischer Systeme faszinierte mich stets.» So habe sie zu Zeiten des Eisernen Vorhangs bereits Ost-Berlin und vor rund 40 Jahren Kuba besucht. Doch Nordkorea habe sie besonders betroffen gemacht. «Zwei nordkoreanische Reiseleiter waren immer bei der Reisegruppe, alles war perfekt orchestriert, nie war man allein oder fühlte sich unbeobachtet.» Die gewonnenen Eindrücke hätten sie vor allem sehr dankbar gemacht: «Dankbar für die Demokratie, für die Pressefreiheit und die freie Meinungsäusserung, die bei uns hochgehalten werden und für die es sich stets zu kämpfen lohnt.» Ein besonderes Ereignis sei die grosse Militärparade zum 70. Gründungstag der Arbeiterpartei in Nordkorea gewesen: «Keiner der Tausenden von Menschen machte in der Darbietung auch nur eine falsche Bewegung.»

Zurück in der Schweiz genoss die gelernte Übersetzerin erst die freie Zeit. Während ihres Jahres als höchste Zürcherin absolvierte sie repräsentative Aufgaben an rund 200 Anlässen: Händeschütteln, Lächeln, Small-Talk. Zwar geht Johner all dies leicht von der Hand, kräfteraubend ist es trotzdem. «Ich geniesse es enorm, spontan etwas unternehmen oder Freunde einladen zu können», sagt sie. Diese neue Freiheit mache sich auch in ihrer Wahl an Lesestoff bemerkbar. Heute lese sie ein Buch nach Lust und Laune – und nur noch wenig Pflichtlektüre.

Auch rückte Johner ihr Engagement in verschiedenen Vereinen und Institutionen, vornehmlich aus dem Bildungsbereich, wieder in den Mittelpunkt. Darunter die Schulkommission der Kantonsschule Limmattal, der «Freundeskreis Musik» der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), der Verein «Impulsis» oder der «Verein Idee Reppisch»: «Das musste während meines Präsidialjahres etwas hinten anstehen.» Der Tag der Reppisch im September, ein Benefizanlass zugunsten von bedürftigen ZHdK-Studierender, und eine Bettagspredigt in der reformierten Kirche Urdorf markierten dabei Johners Highlights. Letztere habe sie besonders gefreut: «Ich sprach schon oft in Kirchen anlässlich von Ehrungen oder Diplomfeiern. Doch eine Predigt als Gastrednerin halten zu dürfen, war speziell». Darin sei sie auf gesellschaftliche Werte eingegangen, die ihr wichtig sind: Respekt und Fairplay. Die beiden Grundwerte, zu denen sie auch die Mitglieder des Kantonsrats während ihres Amtsjahres als höchste Zürcherin angehalten hatte.