Spreitenbach
Breakdance: Tanzender Lucky Luke will hoch hinaus

Trotz einer Verletzung überzeugte der 16-jährige Breakdancer Luciano Titaro, dessen Künstlername nicht zufällig gewählt wurde. Seine frühere Tanzlehrerin meinte, er bewege sich ebenso punktgenau und flink. So wurde Titaro zum «Lucky Lu».

Darina Schweizer
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Schneller als sein Schatten packt er den Colt, zielt präzise und trifft mitten ins Ziel: Lucky Luke und Luciano Titaro haben einiges gemeinsam. «Meine frühere Tanzlehrerin fand, dass ich mich ebenso flink und punktgenau bewege. Deshalb nannte sie mich ‹Lucky Lu›», so der 16-jährige Spreitenbacher über seinen Künstlernamen.

Der aufgeweckte und kommunikative Bezirksschüler tanzt erst seit drei Jahren Breakdance. Doch er ist schon weit gekommen: An der Urban Dance Competition «The Dance» gewann er im März als jüngster Teilnehmer die Vorausscheidungen. Was jetzt auf ihn wartet, weckt das Feuer erst so richtig in ihm: Er darf am 30. April mit dem bekannten Tänzer Burim Jusufi sowie den übrigen Gewinnern der Vorausscheidung im Hallenstadion auftreten.

Aufgeben ist keine Option

Jemals die Chance zu haben, auf einer so grossen Bühne zu stehen, daran zweifelte Luciano noch vor rund einem Monat. Ausgerechnet er, für den das Aufgeben gewöhnlich «nie eine Option» sei. Der Grund: Bei einem «Hollowback», einer Art Brücke, bei der die Beine den Boden aber nicht ganz berühren, hat er sich einen Muskel im Rücken angerissen. «Ich konnte plötzlich nicht mehr aufstehen. Zuerst hatte ich einen riesigen Schock, denn ich dachte, ich könne mir das Hallenstadion aus dem Kopf streichen», sagt Luciano.

Um diese einmalige Gelegenheit zu erhalten, musste er zuvor ein Video einschicken, in dem er zum Remix des Songs «Nobody wants to dance» von Seven tanzte. Schon damals war sein Rücken nicht in bestem Zustand, das hielt ihn aber nicht zurück. Er habe einfach Elemente eingebaut, bei denen er den Rücken nicht durchstrecken musste, erzählt er. Und es zeigte sich: Auch mit leichtem Handicap überzeugte sein Talent, und er gewann die Vorausscheidungen.

The Dance

«The Dance» ist eine Urban Dance Competition, an der zwölf renommierte Tanzcrews aus der ganzen Welt am 30. April im Zürcher Hallenstadion gegeneinander antreten. Mit dabei sind unter anderem die japanische Gruppe «OGS» und die österreichische Gruppe «Prodigy Crew». Die Schweiz wird vom «Swiss All Star Team» vertreten. Als Vorgruppe dieser Künstler stehen junge Schweizer Breakdancer auf der Bühne. Sie konnten sich mit einem eigens gedrehten Video zum Remix von Sevens Song «Nobody wants to dance» bewerben. Die besten Tänzer erhielten die Möglichkeit, an der «Swisstour» in verschiedenen Einkaufscentern schweizweit vorzutanzen. Wer diese Vorausscheidung gewann, wird nun im «Team Rot» der bekannten Tänzerin Sarah Keusch oder im «Team Weiss» von Burim Jusufi auf den Auftritt im Hallenstadion vorbereitet.

Bevor sein Arzt ihn später über den Muskelanriss aufklärte, hat sich Luciano selbst im Internet über seine Symptome informiert. Das sei typisch für ihn: «Seit ich klein bin, interessiere ich mich für alle möglichen Krankheiten. Da der Schmerz nicht nach unten verlief, wusste ich schnell, dass es kein Bandscheibenvorfall oder Hexenschuss sein konnte», so Luciano.

Durch sein medizinisches Interesse fällt ihm auch die Biologie in der Schule leichter. Später könnte er sich vorstellen, einmal als Fachmann Gesundheit zu arbeiten. Aber zurzeit dreht sich bei ihm alles nur ums Tanzen. «Nichts anderes sehe ich an meinem Zukunftshorizont», sagt er. Es erstaunt deshalb nicht, dass ihm der Sportunterricht sehr liegt. Seine Note rutscht dort nie unter die 5,5. «Mein Turnlehrer hat mir deshalb erlaubt, während der Sportlektion meine Dancemoves zu üben», sagt er.

Weswegen Luciano sich also auf dem Hallenboden neben seinen Schulkollegen tanzend in alle möglichen Richtungen dreht. Und das auch ab und zu in eng anliegenden Jeans. «Die sind mir oft schon gerissen», lacht er. «Aber meistens tanze ich ja in Trainerhosen.» Zu Hause wendet der Spreitenbacher wöchentlich 12 bis 15 Stunden fürs Tanzen auf. Alkohol zu trinken und zu rauchen, wie es bereits einige in seinem Alter tun, könne er sich nicht leisten, sagt er.

Beweglichkeit dank Kung-Fu

Seine Beweglichkeit und das Körperbewusstsein hat Luciano auch den Karate- und Kung-Fu-Stunden zu verdanken, die er als Kind genommen hat. Auf seine heutige Tanzrichtung «gluschtig» gemacht hat ihn schliesslich die «Red Bull BC One», eine Breakdance Competition.«Als ich sie mit 10 Jahren im Fernsehen sah, musste ich einfach mit Breakdance beginnen», sagt er.

Mittlerweile ist sein Trainer und «grosser Motivator» der Mexikaner Gil Adan Hernandez Candelas, auch bekannt als «Dr. Hill skills», der an Breakdance Battles weltweit internationale Titel holt. «Von einer solchen Legende zu hören, dass ich dranbleiben soll und man stolz auf mich sei, motiviert mich immer enorm», sagt er. Gil habe ihn zu dem geformt, was er heute sei, sagt Luciano. Auch wenn er natürlich seinen eigenen Stil besitze, könne man schon erkennen, dass er sein Schüler sei. «Ich bin quasi mit seinen Moves gewürzt», lacht Luciano.

An Tanzrichtungen hat der junge Tänzer schon fast alles ausprobiert. Darunter Salsa oder italienischer Volkstanz. Aktuell trainiert er sogar Ballett: «Im Ballett kann ich jeden einzelnen Muskel trainieren, das hilft mir auch beim Breakdance.» Die Begeisterung seiner Kollegen habe sich aber zuerst ziemlich in Grenzen gehalten. «Sie bezweifelten, dass ich es können würde», sagt er. Doch dann habe er ihnen vorgetanzt, und die Vorbehalte lösten sich in Luft auf.

Spontane Tanzeinlage

«Es freut mich immer, wenn die Leute mich tanzen sehen und mir Komplimente machen», sagt Luciano und lächelt. Auch als er auf dem Sechseläutenplatz für die Limmattaler Zeitung ein paar seiner Dancemoves zum Besten gibt, kommen gleich einige Leute begeistert auf ihn zu. Darunter eine Mutter mit ihren Kindern, die völlig begeistert von Lucianos Tanzeinlage ist.

Wenn er aber an den kommenden Auftritt im Hallenstadion und die unzähligen Zuschauer denkt, wird er ein bisschen nervös. «Mit meiner Tanzgruppe ‹Dominance Crew› stand ich zwar auch schon auf der Bühne, aber das Hallenstadion ist doch ein anders Kaliber», sagt er. Daraufhin schaltet er seinen Ghettoblaster ein und beginnt zu tanzen: Die Schatten, die er auf den Sechseläutenplatz wirft, scheinen sich schneller als er selbst zu bewegen.