Bezirksgericht Dietikon

Brandstiftung in einem Café: Waren es die Besitzer, Erdogan-Kritiker, Konkurrenten oder Einbrecher?

Ist das Paar, welches das Café in einem bekannten Limmattaler Geschäftsgebäude betrieben hatte, ein Betrüger-Paar oder sind sie Opfer der Justiz? Der Fall ist voller Fragezeichen.

Ist das Paar, welches das Café in einem bekannten Limmattaler Geschäftsgebäude betrieben hatte, ein Betrüger-Paar oder sind sie Opfer der Justiz? Der Fall ist voller Fragezeichen.

Eine Brandstiftung in einem Limmattaler Geschäftsgebäude sorgt für Fragezeichen.

Es war Brandstiftung, damals am 18. Dezember 2014 in einem bekannten Geschäftsgebäude im Limmattal. Darin sind sich alle einig. Aber wer Zündhölzer, Papier und Karton im Café verteilt hatte, ist umstritten. Waren es Anhänger des türkischen Staatsoberhaupts Recep Tayyip Erdogan, die Rache nehmen wollten an politischen Gegnern? War es ein einfacher Einbrecher? Oder zündete nicht doch das Ehepaar sein Lokal an, um sich von der Versicherung viel Geld zu erschleichen?

Für die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis ist klar: Das Ehepaar soll hinter Gitter. Es handelt sich um eine türkischstämmige Schweizerin und einen Türken, der 2008 illegal in die Schweiz eingereist war und dann ihr Gatte wurde. Die beiden haben ein Kind. Die Verteidigerin und der Verteidiger gaben gestern am Bezirksgericht Dietikon zu verstehen, die Staatsanwaltschaft habe schludrig gearbeitet und sich von Beginn weg auf das Paar eingeschossen.

Ein Café für Regierungskritiker

Doch der Reihe nach: Als das Ehepaar im Frühling 2014 sein Lokal eröffnete, wählten sie dafür einen politisch motivierten Namen. Dieser machte der türkischen Gemeinschaft im Limmattal klar, dass die Besitzer gegen Erdogan sind. Erdogan sei ein «Diktator», liess der Angeklagte auch gestern via Gerichtsdolmetscher verlauten. Selbiger bestätigte die politische Aussage hinter dem Namen der neuen Gaststätte.

WM 2014: Zoff unter Gastronomen

Das Geschäft verlief zu Beginn harzig, bis die Fussball-WM in Brasilien kam: Das Lokal wurde bekannter, die Umsätze stiegen fortan. Als das Ehepaar vor dem Café Sitzgelegenheiten platzierte, damit die Gäste ebenfalls auf die Leinwand der benachbarten Gaststätte schauen konnten, war es mit der bisher guten Nachbarschaft vorbei. Dann kam die Polizei und machte das Paar auf die fehlende Bewilligung für die Aussenbestuhlung aufmerksam. Waren es die Nachbarn, die die Polizei riefen? «Davon gingen wir aus», gab die Frau zu Protokoll. Und nach dem Brand hätten die Nachbarn als erstes gefragt, ob das Café wiedereröffnet werde oder nicht – Mitgefühl sähe anders aus. Die Nachbarn hätten jedenfalls von den Ermittlern befragt werden müssen, findet der Verteidiger des Mannes, Matthias Rupp. Ebenso hätte abgeklärt werden müssen, ob nicht eine Erdogan-freundliche Täterschaft den Brand gestiftet hatte, findet Rupp. Überhaupt kritisierten er und Tanja Knodel – die Verteidigerin der Frau – die ganze Untersuchung. «Wieso hat man den Mann nicht vernommen, der den Brand gemeldet hat? Oder den Hauswart, die Verwaltung und die Feuerwehr? Diverse Fragen hätten sich aufgedrängt», sagte Rupp. Zudem sei die Argumentation der Staatsanwaltschaft sinnwidrig und unlogisch: «Sie hat sich auf die unprofessionelle Einschätzung des fallführenden Polizisten verlassen.» Selbiger sagte, ein Einbruch sei «unwahrscheinlich» gewesen.

Den Brand gemeldet hatte ein Mann, der die Nacht durch bis um 5 Uhr in einer anderen Étage des Geschäftsgebäudes arbeitete. «Diese Nachtarbeit wirft doch Fragen auf», sagte Rupp. «Nichts ist bewiesen», sagte Knodel. In der Tat ist der Fall ein Indizienprozess. Die Verteidigungsplädoyers dauerten total über zwei Stunden.

Schon den Zoll haben sie belogen

Unter den Sachwerten, die beim Brand beschädigt wurden, ist auch eine speziell angefertigte Theke, die das Paar als Occasion im Ausland für 5500 Euro gekauft hatte. Beim Zoll legten die beiden aber einen Kaufvertrag über 1700 Euro vor, um Steuern zu sparen. Das diesbezügliche Verfahren endete mit einem Strafbefehl. Nach dem Brand erhöhte das Ehepaar den Preis im Kaufvertrag auf 31 700 Euro, bevor dieser zur Versicherung gelangte.

In der Verhandlung befragten neben dem vorsitzenden Bezirksrichter Benedikt Hoffmann auch seine beiden Richterkollegen das angeklagte Paar. Das kommt selten vor und zeigt umso mehr, dass die Brandstiftung für Fragezeichen sorgt. «Wir wollen das Urteil nicht übers Knie brechen. Es ist im Interesse aller, dass wir uns genug Zeit lassen», sagte Hoffmann gestern zum Schluss. Heute Mittag wird der wohlberatene Entscheid verkündet.

Beschuldigte arbeitet beim Staat

Staatsanwältin Anette Schmidt fordert für die Beschuldigten je ein Jahr Haft plus zwei Jahre bedingt. Ein Indiz für die Täterschaft des Ehepaars sind die Finanzen des Cafés: Es reichte nicht für den Lebensunterhalt. Via Whatsapp schrieb die Beschuldigte einer Verwandten: «Der Scheiss-Laden wirft kein Geld ab. Wir versinken in den Schulden und sehen keinen Ausweg.» Die Nachricht sei aus dem Kontext gerissen, erklärte die Frau. Sie habe der Verwandten ein schlechtes Gewissen machen wollen. Die Verteidiger fordern Freisprüche sowie Entschädigungsgelder für das Unrecht, das die Ermittlungen verursacht hätten.

Beide Beschuldigten arbeiten, die Frau ist heute Kantonsangestellte. Wo 2014 das Café war, wirtschaftet heute ein anderes KMU.

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