Der 1.-August-Rede vom Yvonne Apiyo Brändle-Amolo in Oberengstringen könnte ein prominenter Gast lauschen. Im «Club» des Schweizer Fernsehens vom Dienstag versicherte Slam-Poetin Hazel Brugger, dass sie im Publikum sitzen werde, wenn Brändle-Amolo bei der Rede einen Apfel auf ihren Kopf platziert. «Das würde ich gerne sehen», so Brugger in Anspielung auf die imposante Frisur der Weiningerin.

Gemeinsam mit drei anderen Gesprächspartnern machten sich Brändle-Amolo (Wurzeln in Kenia) und Brugger (deutsche Wurzeln) im «Club» auf die Suche nach dem guten Schweizer. Mit ihnen diskutierten Daniel Strassberg, Philosoph und Psychoanalytiker (polnisch-jüdische Wurzeln), CVP-Nationalrat Markus Ritter (italienische Wurzeln) und – der einzige ohne bekannte Ursprünge im Ausland – Anton Guzinger, ETH-Professor.

Moderator Thomy Scherrer liess der Gesprächsrunde grosse Freiräume. Dies machten sich vornehmlich Guzinger und Strassberg zunutze und besprachen politisch aktuelle Fragen. Die Energiewende, grosse Infrastrukturprojekte, die Dienstpflicht für Frauen, aber auch gemeinnützige Arbeit wurde am Rande behandelt. Doch auch eine philosophische Auseinandersetzung darüber, was die Schweizer zusammenhält, bot Interessantes. Als Wertegemeinschaft oder Willensnation existiere diese nämlich nicht, erklärte Strassberg. Viel eher würde sie durch ihre Institutionen wie Schulen, Sozialwerke, aber auch SBB oder Post definiert. Dass dabei die rund 20 Prozent Ausländer zwar kein Mitbestimmungsrecht an Wahlen und Abstimmungen haben, wohl aber via Steuern ihren finanziellen Beitrag leisten, taxierte er als skandalös. Die Schweiz sei längst eine Patchwork-Gesellschaft, deren Bestandteile so gut wie möglich miteinander auskommen müssen. Dieses Miteinander verschiedener Kulturen unterstrich Brändle-Amolo als einen der grossen Vorzüge der Schweiz und sprach sich ebenfalls für das Ausländerstimmrecht aus.

Dass dies nicht reibungslos funktioniert, musste Brändle-Amolo jedoch erst vor wenigen Wochen erfahren. Wegen ihrer bevorstehenden 1.-August-Rede wurde sie rassistisch angefeindet. «Worüber werden Sie in Oberengstringen sprechen?», fragte Moderator Scherrer. «Am besten kommen sie vorbei», so die SP-Politikerin schlagfertig. Auf Nachhacken gab sie dann aber preis, dass sie die Schweiz, wie sie sie durch ihre Augen sehe, vorstellen werde: «Eine vielfältige, solidarische Schweiz, die keine Angst vor Fremdem hat.»

Von verschiedenen Seiten wurde vorgebracht, dass die Schweizer zu wenig Wertschätzung für das gute Leben hier hätten. «Es gibt so viele Dinge, die hier gut laufen», sagte Brändle Amolo und zog den Vergleich zu ihrem Geburtsland Kenia. «Wenn dort etwas perfekt funktioniert, sind alle überrascht und froh. Hier ist man erzürnt, wenn etwas nicht perfekt funktioniert.» Die grosse Zufriedenheit der Bevölkerung sei wohl auch einer der Gründe, warum sich die Stimm- und Wahlbeteiligung – weit unter dem europäischen Durchschnitt – bei rund 40 Prozent eingependelt hat, warf Guzinger ein. Hazel Brugger ortete den Grund auch beim strikten Links-Rechts-Schema der Politik, das die multidimensionale Schweiz auf einer Geraden abzubilden versuche.

Eine einhellige Antwort, was denn nun ein «guter Schweizer» ist, blieb die Gesprächsrunde bis zum Schluss schuldig. Für Brändle-Amolo war es dennoch ein Erfolg: Noch nie dürfte eine 1.-August-Feier im Bezirk auf so viel mediales Interesse gestossen sein.