«Bitte hören Sie auf, westliche Kleidung wie Anzüge zu tragen oder Glühbirnen zu benutzen», musste Yvonne Brändle-Amolo, Präsidentin der SP Migranten Kanton Zürich, in den Kommentarspalten zu einem Artikel lesen. Doch damit nicht genug: Auch in den sozialen Medien wurde die Schlieremerin angefeindet. «Der Shitstorm hat wirklich ein ungeheures Ausmass erreicht», sagt sie auf Anfrage.

Was war geschehen? Brändle-Amolo gab der Pendlerzeitung «20 Minuten» Auskunft zum Thema Cultural Appropriation, also die Aneignung anderer Kulturen. Sie kritisierte darin, dass weisse Menschen Zeichen der afrikanischen Kultur benutzen und etwa Dreadlocks oder Cornrows als Frisur tragen, ohne etwas über deren Bedeutung zu wissen. Sie monierte: «Tragen wir Schwarzen einen Afrolook, gilt die Frisur als ungepflegt. Sobald aber Kim Kardashian Cornrows trägt, ist es ein Riesentrend.»

Mit diesen Aussagen schliesst sich Brändle-Amolo einer stetig wachsenden Gruppe von politischen Aktivisten, Künstlern und Philosophen an. Das soziologische Konzept der Cultural Appropriation besteht seit Jahrzehnten, gewann in den vergangenen Monaten jedoch mehr und mehr Aufmerksamkeit. Befeuert wurde die Diskussion jüngst durch Modedesigner Marc Jacobs, der bei der Präsentation seiner Frühlingskollektion weisse Models in Dreadlocks auf den Laufsteg schickte.

Das Modelabel Chanel lancierte einen Boomerang für 2000 Dollar und Modedesignerin Stella McCartney verwendete für ihre jüngste Kollektion Muster mit afrikanischer Tribal-Ästhetik – der Aufschrei kultureller Minderheiten blieb nicht aus. Sie kritisieren, dass die Nutzung von Kulturgütern, die nicht aus der eigenen Kultur entstammen, in einer respektlosen Art und Weise geschehe. Kritiker der Cultural Appropriation monieren hingegen, dass der kulturelle Austausch etwas Urmenschliches sei und letztlich auch etwas Positives.

Wohlstandsgefälle wird grösser

Brändle-Amolo fühlt sich missverstanden, obwohl sie die Zitate vor der Publikation abgesegnet hat: «Mir geht es nicht darum, jemandem das Spielen von Jazz oder das Tragen von Dreadlocks zu verbieten», sagt sie. Aber sie halte es für wichtig, dass eine Diskussion über das geistige Eigentum anderer Kulturen und die damit verbundene Gewinnverteilung geführt werde. «Finanzstarke Akteure aus der Ersten Welt bedienen sich an Kulturen der Dritten Welt, um ihre Gewinne zu steigern, unterlassen es aber oft, Teile der Gewinne in den Herkunftsländern zu reinvestieren», sagt Brändle-Amolo. Auch dies trage dazu bei, dass das Wohlstandsgefälle zwischen der Ersten und der Dritten Welt grösser werde. «Darüber müssen wir sprechen.»

Weisse Europäer, die Dreadlocks tragen, erachtet sie jedoch weder als rassistisch noch als Diebe von Kulturgütern. «Aus meiner Sicht bringen diese Menschen meiner Kultur viel Liebe entgegen. Doch sind gewisse Frisuren oder Kleidungsstücke mit grossem Leid verbunden. Den Nutzern sollte dies bewusst sein», so Brändle-Amolo. «Geschieht die Verwendung auf eine faire und respektvolle Art, habe ich nichts dagegen. Steht aber die Profitgier im Vordergrund, dann schon.»

Von den Kritikpunkten, die in den vergangenen Tagen an sie herangetragen wurden, stört sie einer am meisten. «Nämlich, dass die Leute denken, ich strebe eine Kultur-Apartheid an, bei der sich die unterschiedlichen Einflüsse nicht mischen sollen. Das ist abstrus», so Brändle-Amolo. Sie verweist darauf, dass sie selber mit Jodeln begonnen und eine Tracht gekauft hat, um sich in der Schweiz bei ihrer Ankunft vor 17 Jahren besser und schneller zu integrieren. «Die Menschen sollen sich integrieren und die verschiedenen Kulturen kennen lernen – das ist sehr wichtig.» Dass sie von nun an keine Glühbirnen benutzen oder Anzüge tragen soll, sei ein Argument, das den Diskurs ins Lächerliche ziehe. So seien Glühbirnen oder Anzüge nicht aus dem Leid hervorgegangen.

Bekanntheit erlangte Brändle-Amolo Ende der Nullerjahre, als die SRF-Sendung «Rundschau» sie bei Jodel-Auftritten begleitete. 2014 hielt sie die 1.-August-Rede in Oberengstringen, in deren Vorfeld sie rassistisch angefeindet wurde – auch aus den Reihen der SP-Ortspartei. Anschliessend kandidierte sie für den National- und Kantonsrat.

Kandidatur für Stadtparlament

Mitte Oktober konnte einem Tweet der SP Schlieren entnommen werden, dass Brändle-Amolo an den Gesamterneuerungswahlen vom kommenden Jahr für das Stadtparlament kandidieren wird. Steht die Partei noch immer hinter ihr? Es gebe keinen Grund, dies nicht zu tun, sagt Präsident Walter Jucker. Kulturelle Aneignung sei ein ganz natürlicher Vorgang, sobald ein Austausch zwischen verschiedenen Kulturen stattfinde. «Die SP Schlieren plädiert für einen respektvollen Umgang mit fremden Kulturen und steht klar zur Integration.»