Zeit ihres Lebens kann Anna Bühlmann, geborene Bucher, nicht vergessen, was sie an diesem Morgen im Spätsommer des Jahres 1928 ansehen musste. Erzählen aber wird sie lange niemandem können, dass an diesem Tag ihre Schwester Berta, damals 13 Jahre alt, von der jähzornigen Nonne Ursula so schwer misshandelt wurde, dass sie Tage später an ihren Verletzungen starb. Ohne ein Krankenhaus von innen gesehen zu haben. Und ohne Schuld, die, selbst wenn vorhanden, das Ausmass der Strafe nicht gerechtfertigt hätte.

Nichts kann die Vorkommnisse, die sich in der Luzerner Erziehungsanstalt Rathausen ereigneten, rechtfertigen. Nicht die Ereignisse selbst; noch viel weniger die folgende Vertuschung der wahren Begebenheiten. Zumindest verstehen aber will sie Erica Brühlmann-Jecklin. Sie hat mit dem historischen Roman «Rosenkind» die Wunde der Bucher-Kinder noch einmal geöffnet und in ihr herumgestochert, in der Hoffnung, dass sie danach geschlossen werden kann.

«Das war ein grosses Unrecht»

Aus akribischer Archivrecherche und Gesprächen mit Betroffenen und Nachkommen fügt Brühlmann-Jecklin die Geschichte der Familie Bucher zusammen, die in einer Zeit vor einheitlichen Sozialversicherungen nach dem Tod des Familienvaters von den Behörden auseinandergerissen wird. Die sieben Kinder werden in Anstalten gesteckt, die Mutter von ihnen ferngehalten. Die Geschichte traf bei der Schlieremer Autorin, die als Jüngstes von sieben Kindern von der alleinstehenden Mutter grossgezogen wurde, auch einen persönlichen Nerv. «Das war ein grosses Unrecht», sagt sie. «Und wenn ich Unrecht sehe, muss ich etwas dagegen unternehmen.» So wagte die Autorin den Versuch, die Buchers zumindest nachträglich zu rehabilitieren.

Sie tat es auch stellvertretend für alle anderen Opfer, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinter den hohen Mauern der «Verpflegungs- und Erziehungsanstalt für arme Kinder» in Rathausen missbraucht wurden – psychisch, physisch, sexuell. Anders als andere Kantone hat Luzern die Geschichte seiner Kinderheime aufgearbeitet – wohl nicht zuletzt, weil ein SRF-«Dok»-Film von Beat Bieri das Leiden von ehemaligen Rathausen-Zöglingen ans Licht brachte. Der Film schlug ein wie eine Bombe: 2012 lag ein Bericht von Kanton und Katholischer Kirche vor, zusammen mit einer gemeinsamen Entschuldigung.

Der Dokumentarfilm «Das Kinderzuchthaus» von Beat Bieri (Quelle: SRF)

Der Dokumentarfilm «Das Kinderzuchthaus» von Beat Bieri (Quelle: SRF)

Guten Abend, Gut Nacht - Gesungen von Erica Brühlmann-Jecklin, Monika Maurer von Matt, Annafried Widmer-Kessler

Erwähnt wurde im Film auch das Schicksal von Berta Bucher, die nach einer besonders gehörigen Pracht Prügel am 2. September 1928 an den Folgen einer Hirnverletzung in Rathausen starb. Brühlmann-Jecklin wollte mehr wissen über das Kind, von dessen Existenz heute einzig eine vergilbte Fotografie zeugt, die es auf seinem rosengesäumten Totenbett zeigt. «Die eineinhalb Sätze im Film werden Bertas Schicksal noch nicht gerecht», dachte sie sich und machte sich an die Recherche.

Sie hatte Glück: Die meisten der damals zuständigen Behörden sowie die Nachfahren von Bertas Schwester Anna waren an einer Aufarbeitung interessiert. Sie gaben der Autorin bereitwillig Auskunft und Zugang zu Annas Nachlass, darunter auch das Tagebuch, das nach ihrem Tod auf dem Estrich entdeckt wurde. In sauberer Schnürlischrift hielt Anna, mittlerweile zweifache Mutter, hier fest, woran ihre Schwester damals wirklich starb. Und wie ihr die Oberin nach zwei Nächten im Karzer ein Schweigegelübde aufzwingen konnte, das sie noch ein Leben lang belasten sollte.

Versucht hat sie es im Laufe ihres wie durch ein Wunder doch noch glücklichen Lebens zwar mehrmals, wie Brühlmann-Jecklin bei der Tagebuch-Lektüre herausfand. Die Bilder plagten sie ein Leben lang: Wie Berta im Unterricht im falschen Moment ihren Kopf nach hinten dreht und sich erdreistet, ihre Schwester anzulächeln. Wie die psychisch wohl schwer angeschlagene Nonne Ursula die Stirn des Mädchens darauf mit voller Wucht auf das Pult schlägt. Noch einmal. Und noch einmal. Bis Berta nichts mehr erwidert, nur noch den Wänden entlang auf die Toilette taumelt und sich dort übergibt. Einige Tage später sollte sie tot sein.

Guten Abend, Gut Nacht

Rosenkind: Lieder zum Buch

Guten Abend, Gut Nacht - Gesungen von Erica Brühlmann-Jecklin, Monika Maurer von Matt, Annafried Widmer-Kessler

Doch so richtig zuhören wollte Anna niemand, zuletzt der sadistische Anstalts-Direktor Gottfried Leisibach, den sie Jahre später damit konfrontierte. Mit ihm hat das Terrorregime in Rathausen begonnen, dank ihm hiess es ab 1925: «Wer sein Kind liebt, züchtigt es.» Gezüchtigt wurden die Kinder fortan in solchem Masse, dass der aufdeckende Bericht von Foltermethoden spricht. Bettnässer – «die Faulen» – wurden systematisch erniedrigt, die Buben für kleinste Vergehen grün und blau geprügelt.

Erklärbar – niemals entschuldbar

Auch heute sind noch nicht alle gleich fest an einer Aufarbeitung interessiert, wie die Autorin und Liedermacherin während ihrer umfassenden Recherche feststellen musste. «Die Ingenbohler Schwestern haben natürlich keine Freude, dass dieses Buch erscheint», so Brühlmann-Jecklin. Denn obwohl die Kongregation Ingenbohl, deren Schwestern für die Rathausen-Kinder zuständig waren, einen eigenen Bericht über die Zustände in der Anstalt erstellen liess, «sind sie immer noch zu fest damit beschäftigt, die Vergangenheit zu vertuschen – obwohl sie das gar nicht müssten. Sie waren ja nicht selber an den Misshandlungen beteiligt».

Obwohl sie nichts beschönigt, legt die Psychotherapeutin Brühlmann-Jecklin auch Verständnis für die Täter an den Tag. Für die Schwestern, die in Rathausen tagein, tagaus ohne Lohn und mit äusserst knappem Budget die Aufsicht über Hunderte von Kindern hatten. Für den pädophilen Direktor, «mit dem man eigentlich Mitleid haben sollte, hätte er seine Neigungen nicht an den wehrlosen Heimkindern ausgelassen», ja gar für die jähzornige Ursula, die mit 16 in die Schwesterngemeinschaft kam und als Kind vielleicht selbst Gewalterfahrungen machte. «Ich wollte nicht reisserisch schreiben», sagt die Autorin. «Denn viele der Ereignisse sind erklärbar – wenn auch niemals entschuldbar.»

«Rosenkind», nach «Sofia» und «Alice singt» das dritte einer Trilogie von Frauenschicksalen, dürfte Brühlmann-Jecklins letztes solches Werk sein. Zu stark ist ihre Sehbehinderung mittlerweile fortgeschritten, als dass sie die dafür notwendige Archivarbeit noch machen könnte. «Ich bin schon dankbar, dass dieses Projekt mit meinem auf nun drei Prozent reduzierten Sichtvermögen noch funktionierte.» Doch wer weiss, ob Brühlmann-Jecklin wirklich untätig bleiben kann, wenn sie auf die nächste Ungerechtigkeit aufmerksam wird.

Erica Brühlmann-Jecklin, «Rosenkind»: Zytglogge Verlag 2014, 256 Seiten, mit 15 Liedern zum Buch, ISBN: 978-3729608788