Es ist der 5. September 2012, 20 Uhr. Der Schlieremer Feuerwehrkommandant Beat Ernst sitzt im Feuerwehrdepot bei einer Sitzung, als sich die Einsatzleitzentrale «Manesse» meldet: «Im Briefzentrum Mülligen wurden zwei Couverts mit einem weissen Pulver gefunden. Verdacht auf Anthrax.»

Sofort rücken Ernst und seine Kollegen von der freiwilligen Feuerwehr aus. «In so einem Moment geht einem einiges durch den Kopf», sagt er rückblickend. Priorität habe immer die Sicherheit aller Beteiligten.

Fast gleichzeitig mit der Feuerwehr trifft auch die Stadtpolizei Schlieren-Urdorf, der Rettungsdienst und die Kantonspolizei in Mülligen ein. Von diesem Moment an verläuft der Einsatz nach einem klaren Schema: In regelmässigen Abständen treffen sich die Einsatzleiter der Blaulichtorganisationen, besprechen die Lage und verteilen die Aufgaben.

Um 22 Uhr sind alle Postmitarbeiter evakuiert und werden von den Sanitätern betreut. Schliesslich die Entwarnung: Bei dem weissen Pulver handelt es sich weder um eine biologische noch um eine chemische Substanz - sondern um Maizena. Nach drei Stunden bangen Wartens gibt die Kantonspolizei Entwarnung.

Der Fall Mülligen habe gezeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen den Blaulichtorganisationen hervorragend funktioniere, sagt Marco Weissenbrunner, der Chef der Stadtpolizei Schlieren-Urdorf. Dieses Zusammenspiel der Einsatzkräfte werden die Sicherheitsorganisationen am kommenden Samstag am «Tag der Sicherheit» auch der Bevölkerung demonstrieren (siehe Box).

Die Gefahr des Unterschätzens

Ist es nicht frustrierend, wenn sich wie in Mülligen ein Erstfall als Lappalie herausstellt? «Nein», Weissenbrunner. «Wir gehen zunächst immer vom Schlimmsten aus. Es gibt nichts Gefährlicheres, als ein Ereignis zu unterschätzen.» Und potenzielle Gefahrenherde gibt es im Raum Schlieren genug: Neben Haus- und Waldbränden nennt Weissenbrunner etwa das Gaslager der Erdgas Zürich im Fall einer Explosion, die stark frequentierten Bahnlinien und Strassen, einen grösseren Stromausfall oder die Bio-Tech-Labors, in denen teilweise gefährliche Erreger und Chemikalien gelagert sind.

Hätte sich an jenem 5. September letzten Jahres herausgestellt, dass es sich nicht um Maizena handelt, so hätte der Einsatz weit länger gedauert. In diesem Fall wäre auch der 255 Mitglieder zählende regionale Zivilschutz hinzugezogen worden. «Wir hätten dann unsere Manpower zur Verfügung gestellt und die Verpflegung organisiert», sagt der Kommandant der Zivilschutzorganisation Limmattal-Süd, Urs Kümmerli. Neben der Unterstützung der Einsatzkräfte bei Grosseinsätzen übernimmt der Zivilschutz etwa auch Aufräumarbeiten nach Naturereignissen.

Vernetzung über Pager

Am Beginn eines Einsatzes steht meist ein Notruf, der über die Nummer 118 bei der Einsatzleitzentrale «Manesse» oder über die 117 bei der Einsatzzentrale der Kantonspolizei eingeht. Diese alarmieren anschliessend die Blaulichtorganisationen. Bei einem Grossalarm wird der Zivilschutzkommandant per Pager ebenfalls informiert. Während der Einsätze sind die Zuständigkeiten und Kompetenzen klar - und oft per Gesetz - geregelt. Es sei auch schon vorgekommen, dass die Feuerwehr bei einem Autobrand eingetroffen sei und die Polizei das Feuer bereits selbstständig gelöscht hatte, sagt Ernst: «Auch das ist ein Zeichen dafür, wie sehr bei uns das ‹Miteinander› im Zentrum steht.»