Bei der polizeilichen Einvernahme blieb der Blaufahrer auf die Frage, was und wie viel er getrunken hatte, schemenhaft. «Zum Mittagessen vielleicht zwei Gläschen Rotwein, nachmittags einen Pernod und abends erneut ein oder zwei Glas Rotwein.» Das Billett jedenfalls wurde auf der Stelle eingezogen.

Knapp vier Monate später verurteilte die Staatsanwältin den Mann per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe von 19'350 Franken, wobei, wie das Gesetz es will, die Höhe des Tagessatzes (430 Franken) dem Verdienst des Verurteilten entspricht. Dazu gesellten sich 3800 Franken Busse plus Verfahrenskosten – summa summarum zu berappende 4724 Franken.

Der Akademiker mit Doktortitel einer technischen Fakultät erhob Einsprache. Zu diesem Zweck nahm er sich keinen Anwalt. Vielmehr vertiefte er sich äusserst seriös in die in einem solchen Fall anwendbaren juristischen und prozessualen Vorgehensweisen. Nicht minder akribisch studierte er das Wesen und Umfeld der zur Ergründung des Blutalkoholgehaltes angewendeten Gerätschaften. Das Ergebnis war, dass er mit einem Beweisergänzungs-Antrag sowie einem Plädoyer in der Aktenmappe vor Gericht erschien.

Zweifel an Beweisfähigkeit

Stattlich gebaut, das grau melierte Haar kurz geschnitten, nahm er in schwarzen Jeans, hellem Hemd und taubenblauem Gilet vor Einzelrichter Bruno Amacker Platz. Ausgesprochen höflich, betont deutlich sprechend trug er seine Zweifel an der Beweisfähigkeit des vorliegenden Promille-Wertes vor und begründete diese detailliert.

«Die Abweichung vom Ergebnis vom ‹ins Röhrchen blasen›-Test zu jenem der Messung mit dem Gerät, welches vor rund zwei Jahren anstelle der Blutentnahme trat, war in meinem Fall grösser, als das laut Gesetz tolerierbar ist.»

Entsprechend stellte der Akademiker konkret folgende Begehren: «Erstens Einsicht in das Zulassungszertifikat des Messgeräts, zweitens Einsicht in die gespeicherten Daten dieses Geräts und drittens Einsicht in die Schulung der Polizeibeamten, welche sie zur Bedienung des Gerätes ermächtigt.»

Nach kurzer Beratung mit den Gerichtsschreibern teilte Bruno Amacker mit, er werde nun die Frage, ob den Beweisergänzungs-Begehren stattgegeben wird, gründlich prüfen und das Ergebnis schriftlich mitteilen.

Damit der Beschuldigte jedoch kein weiteres Mal vor Gericht erscheinen müsse, forderte der Richter diesen auf, sein Plädoyer «unter Vorbehalt» bereits vorzutragen, sodass – sollte das Begehren abgelehnt werden – allenfalls das Urteil auch schriftlich zugestellt werden könne.

«Liederlich und verwerflich»

Als Erstes entschuldigte sich der Akademiker in aller Form dafür, dass er an jenem Sonntag nicht darauf geachtet hatte, was er getrunken habe. «Das war liederlich und verwerflich.» Drei Monate ohne Führerschein seien ihm «als unbescholtener Vielfahrer» nicht leicht gefallen.

Dezidiert hielt er nochmals fest, dass die Werte von Test und Messung unbestrittenermassen weit auseinandergingen. «Die Polizisten hätten das feststellen, Zweifel haben und – wie in einem solchen Fall vorgesehen, auch noch eine Blutprobe anordnen müssen», schloss der Anwalt in eigener Sache, bevor er sich formvollendet verabschiedete.