Yorkshire Terrier Gipsy verlässt das Haus nur ungern. Er mag es nicht unter Fremden zu sein, und beginnt dann zu zittern, wird gar bissig. Lotti Diarra-Hugentobler lässt sich von derartigem Verhalten nicht aus der Ruhe bringen. Nebst dem, dass von Gipsy wenig Gefahr ausgeht – er kann gut auf einer Hand balanciert werden – hat sie auch viel Verständnis für seine Situation. «Er ist bereits 15-jährig. Wie Menschen werden auch Hunde im Alter eigen», sagt die Besitzerin des Hundesalons Blacky in Dietikon. Nach 30 Jahren wird Hugentobler der Stadt den Rücken kehren und ihren Salon in Wettingen weiterführen.

Die 54-Jährige packt das nervöse Haarbüschel Gipsy und stellt es behutsam in die Vorrichtung im Badezimmer, wo sie ihre Kunden im Stehen duschen kann. Als Gipsy wenige Minuten später mit lauwarmem Wasser und schonendem Hundeshampoo übergossen dasteht, verstärkt sich seine Nervosität. Seit zehn Jahren geht er einmal alle acht Wochen zu Hugentobler. Hat er sich denn noch nicht an sie gewöhnt? «Zu Beginn hat er ab und zu nach mir geschnappt», sagt sie und spült ihm die Pflegeprodukte wieder aus dem Fell.

Vergesslichkeit startete Hundeliebe

Der Hundesalon Blacky befindet sich noch bis April im ersten Geschoss eines unauffälligen Hauses an der Florastrasse im Dietiker Stadtzentrum. Diarra-Hugentoblers Liebe zu Vierbeinern geht weit zurück. Den ersten Hund kaufte sie sich auf eigene Faust im zarten Alter von 12 Jahren. Ein Gast der Wirtschaft ihrer Eltern in Münchenbuchsee habe einen kleinen Hund gehabt, den er loswerden wollte. So sehr, dass er ihn einmal im Restaurant vergass. «Ich rief ihn an, um das Tier zurückzugeben. Der Mann bot mir an, das Tier für 50 Franken zu behalten. Da konnte ich nicht Nein sagen», so Diarra-Hugentobler und reibt Gipsy mit Pflegespülung ein, diese verbreitet einen blumigen Duft im Bad.

Der Hundesalon ist im Zuhause der Hundecoiffeuse und ihren vier Spitzern beheimatet. Einer davon, Shakuri, lugt hinter dem Türrahmen hervor. Farblich ist die kleine Haarkugel kaum vom braunen Linoleumboden zu unterscheiden. Er wäre nicht der erste Zwergspitz, dem ein tragisches Schicksal zuteil wird. «Heute ist Shakuri der kleinste Spitz der Schweiz, doch sein Vorgänger hatte einen Sitz-Unfall», so Diarra-Hugentobler. Einen Sitz-Unfall? «Ja. Ich habe im Internet erfahren, dass sich jemand auf das Tier draufgesetzt hat. Kein unüblicher Tod bei derart kleinen Hunden. Dies ist jedoch nicht die einzige gesundheitliche Gefahr, die auf Shakuri lauert. Wegen seiner abnormal kleinen Grösse hat er viele Gebrechen. Regelmässige epileptische Anfälle sind das grösste Problem. «Ich muss ihn mindestens zwei bis drei Mal im Jahr wiederbeleben, weil sein Herz den Geist aufgibt», sagt Diarra-Hugentobler mit einem gewissen Stolz in der Stimme, aber einer Traurigkeit im Gesicht. Sie weiss, dass sie irgendwann nicht rechtzeitig zu seiner Rettung eilen können wird.

Gipsy ist inzwischen in der Föhnstation angelangt. Auf einem kleinen Holztischchen sitzt der begossene Yorkshire Terrier, noch immer zitternd. Hugentobler zieht ein mit Putztüchern umwickeltes Rohr aus einer an der Wand angebrachten Eigenkonstruktion – man glaubt, eine Stossstange zu erkennen – und klemmt es zwischen Kopf und Schulter. «Es ist wichtig, dass die eine Hand das Tier halten, während es die andere pflegen kann», sagt sie während Gipsy von der warmen Luft an die – ebenfalls mit Linoleum abgedeckte Wand – gedrängt wird.

Warum heisst der Salon Blacky?

Mit der Namensgebung hat Hugentobler nicht viel zu tun. Was es mit dem Ursprung von «Blacky» auf sich hat, darüber kann sie nur spekulieren. Zur Gründungszeit des Salons Mitte der 1960er Jahre durch ihren Vorvorgänger seien schwarze Pudel en vogue gewesen, sagt sie. Stimmig wäre aber auch die Erklärung, dass sich die Hundecoiffeuse auf die Behandlung von Black Skin Disease (BSD) bei Spitzern spezialisiert hat. Das Wissen darüber habe sie sich über Jahre angeeignet. Kahle Hautstellen und Verdauungsstörungen seien die häufigsten Symptome. Den Besitzern empfiehlt sie dann gewisse Pflegeprodukte und eine Umstellung der Nahrung für den Spitz.

Inzwischen ist Gipsy auf einem anderen Tisch inmitten des mit Auszeichnungen und Andenken an Hundeschauen geschmückten Raums an eine Stoffleine gekettet. Hugentobler versucht ihn zu positionieren, dabei machen seine ausgestreckten Krallen auf den Plastiklammelen der Schutzdecke ein klimperndes Geräusch. Mit der Zeit ergibt er sich jedoch den Umständen, sodass die Hundecoiffeuse flink seinen Schwanz heben und die darunterliegende Haarpracht stutzen kann. Dass er damit nicht einverstanden ist, signalisiert sein Gesichtsausdruck mit der rechts heraushängenden Zunge. Wurde Diarra-Hugentobler schon oft von Hunden gebissen? «Ja. Sehr oft. Als ich mit der Ausbildung begann, biss mir ein aggressiver Berner Sennenhund fast den Arm ab», sagt sie mit schalkhaftem Unterton. Aber mit der Zeit lerne man, wie man Hunde richtig zu lesen habe, fügt sie weitaus ernsthafter an.

Zwar verlässt Hugentobler Dietikon nur schweren Herzens. Aber in Wettingen habe sie eine Wohnung gefunden, wo ihr mehr Platz und mehr Parkplätze zur Verfügung stünden. Sicher ist, dass ihr Stammkunden, wie die Besitzerin von Gipsy, auch nach Wettingen folgen werden.