Birmensdorf
«Das kann ich als Landwirt unmöglich bewältigen»: Stefan Gut spricht über die Gründe für seinen Rückzug aus dem Gemeinderat

Er wurde erst 2018 neu in die Birmensdorfer Exekutive gewählt. Aber bei den Gesamterneuerungswahlen 2022 tritt Stefan Gut (SVP) nicht wieder an. Im Interview erklärt der Landwirt, warum er sich aus der Politik zurückziehen will.

Lukas Elser
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Stefan Gut (SVP) ist seit 2018 im Birmensdorfer Gemeinderat.

Stefan Gut (SVP) ist seit 2018 im Birmensdorfer Gemeinderat.

zvg

Ihre erste Amtszeit als Gemeinderat ist noch nicht einmal abgeschlossen und doch haben Sie schon beschlossen, dass sie sich für die Gesamterneuerungswahlen 2022 nicht mehr aufstellen lassen. Wieso?

Stefan Gut: Ich habe in den vergangenen Jahren enorm viele Aufgaben und Vereinstätigkeiten übernommen. Und das neben meinem Beruf als Landwirt, für den ich über 70 Stunden pro Woche arbeiten muss. Dass ich mich auch noch als Gemeinderat aufstellen liess, erachte ich im Nachhinein als Fehler. Das enorme Pensum dieses Amts ist einfach zu viel in meiner Situation. Vor zwei bis drei Jahren hat sich die Mehrbelastung zum ersten Mal bemerkbar gemacht. Und mittlerweile befinde ich mich in einem regelrechten Erschöpfungszustand. Es fällt mir schwer, die anstehenden Aufgaben zeitig zu erfüllen. Die Folge ist, dass ich nur noch reagiere und nicht mehr agiere.

Wären Sie nicht Gemeinderat geworden, wäre es also nicht zu diesem Erschöpfungszustand gekommen?

Ich hätte Nebenämter und weitere Aufgaben neben dem Beruf frühzeitig beenden sollen, um mich voll und ganz auf das Gemeinderatsmandat zu konzentrieren.

Hat Ihr Entschluss, sich aus der Politik zurückzuziehen, nicht auch mit der neuen Einheitsgemeinde zu tun, zu der das Volk kürzlich an der Urne Ja gesagt hat?

Auch. Den Entscheid zum Zusammenschluss beider politischer Güter begrüsse ich. Der Gemeinderat, der bis jetzt aus sieben Mitgliedern bestand, wird sich neu nur noch aus sechs Gemeinderäten und dem Primarschulpräsidium zusammensetzen. Das wiederum führt dazu, dass künftig mehr Aufgaben für jeden einzelnen Rat anfallen. Und so wie die Dinge jetzt aussehen, wird mein jetziges Hochbauressort mit dem Bereich Tiefbau zusammengelegt. Das ist mir zu viel. Das Pensum wird sich von einem auf zwei Tage pro Woche verdoppeln. Das kann ich als Landwirt unmöglich bewältigen.

Können Sie dort in keiner Weise zwei Tage fehlen?

Nein. Meine Frau ist seit langer Zeit krank und leider hat sich ihr Zustand in den letzten zwei Jahren verschlechtert. Jedes Mal, wenn ich für die Gemeinde unterwegs bin, muss sie mich vertreten. Gesundheitliche Probleme hatte auch mein Sohn, hervorgerufen durch die Mehrbelastung auf dem Hof.

Böse Zungen könnten jetzt sagen, Sie seien einfach zu schwach für den Job und hätten das früher erkennen müssen.

Um im politischen Alltag zu bestehen, benötigt man besondere Charakterzüge: Überzeugungskraft, Durchsetzungsvermögen und Schlagfertigkeit – Charaktereigenschaften, die bei mir zu wenig ausgeprägt sind.

Nun nehmen Sie das ganze Problem auf sich. Wir haben aber auch schon anderes gehört - nämlich dass Ihnen der Umgang, der im Birmensdorfer Gemeinderat herrscht, nicht gepasst hat.

Das widerspricht dem Gesagten nicht: Wenn man die eben beschriebenen Charaktereigenschaften nicht hat, wird man eben angreifbar. Und das war nicht einfach für mich.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Primär besteht meine Aufgabe darin, die Geschäfte meines Ressorts zu vertreten und dafür im Rat Mehrheiten zu finden. Entscheidend ist dabei die Vorgehensweise, um die anderen Ratsmitglieder zu überzeugen. Nur wenn sie über die gerade erwähnten Eigenschaften verfügen, entscheiden sich auch die Diskussionen in ihrem Sinne.

Sie lassen anklingen, dass die Stimmung im Gemeinderat nicht die beste war. Glauben Sie, dass das nur in Birmensdorf der Fall ist?

Ich weiss nur, dass die Zusammenarbeit im Gemeinderat von Aesch sehr gut klappt. Grundsätzlich bestärken ähnliche Charaktere die Zusammenarbeit. Da Wählerinnen und Wähler aber die Zusammensetzung des Gemeinderates bestimmen, ist eine gute Zusammenarbeit nicht selbstverständlich.

Könnten andere Ratsmitglieder ihrem Beispiel folgen und ebenfalls abtreten?

Das glaube ich nicht. Es gibt immer verschiedene Rücktrittsgründe.

Was sagen die anderen Gemeinderäte über Sie?

Meine eher zurückhaltende Art stösst nicht immer auf Verständnis. Entscheidungen fälle ich immer erst in Rücksprache mit den zuständigen Verwaltungsmitgliedern. Eine seriöse Abklärung ist mir sehr wichtig. Auch ein aufgebrachter Bürger kann mich nicht gleich zu Schnellhandlungen verleiten.

Haben Sie Sitzungen verpasst?

In den vergangenen drei Jahren fehlte ich an einer Gemeinderatssitzung. Das stand im Zusammenhang mit den gesundheitlichen Problemen meines Sohnes. Zudem nahm ich aus zeitlichen Gründen für die anstehenden Projekte nur in wenigen Arbeitsgruppen Einsitz.

Hat Ihr Vater Jakob Gut Sie nicht über den für einen Landwirt unpässlichen Stundenplan in Kenntnis gesetzt?

Seit mein Vater Gemeindepräsident von Birmensdorf war, hat sich viel verändert. Die Gemeinderatssitzungszeiten finden in den frühen Abendstunden statt. Sämtliche Sitzungen mit Verwaltungspersonal und weiteren Fachpersonen finden tagsüber statt. Zu seiner Zeit wurden die Sitzungstermine dagegen bewusst ausserhalb der Arbeitszeit festgelegt.

Gibt es für Bauern in der Gemeindepolitik gar keinen Platz mehr?

Landwirtschaftliche Betriebe haben sich längst spezialisiert und meist auch vergrössert. Die anfallende Arbeit auf dem Betrieb lässt sich nur schwierig mit einem politischen Amt in Verbindung bringen. Die Sitzungstermine untertags machen es zeitlich noch schwieriger.

Einem Gerücht zufolge sollen Sie bereits zwei Wochen nach Amtsantritt gemerkt haben, dass das Amt nicht das richtige für Sie sei.

Diese Aussage kann ich nicht teilen. Störend ist schon, dass die Sitzungen ausschliesslich während der Arbeitszeiten stattfinden und nicht mehr, wie früher, in den Abendstunden. Die Entscheidung, mich nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stellen, fiel aber später. Und sie steht im engen Zusammenhang mit meinem gesundheitlichen Zustand.

Haben Sie ein Burn-out?

Von dem gehe ich nicht aus! Mittlerweile kenne ich meinen Körper gut und kann damit auch umgehen. Alle Körpersignale weisen aber darauf hin, dass ich mich von zusätzlichen Belastungen in absehbarer Zeit lösen sollte. Dieser Prozess ist im Gange.

Haben Sie das in eigener Regie entschieden, oder hat Ihnen jemand dabei geholfen?

Hilfe dafür möchte ich nicht in Anspruch nehmen. Ich hoffe, dass die Zeit die Wunden heilen wird.

Wie sehr leidet Ihre Familie unter Ihrer Krise?

Meine Frau leidet unter der zusätzlichen Arbeitsbelastung sehr. Mein depressiver Gemütszustand ist sowohl familiär als auch betriebsorganisatorisch hinderlich.

Gemäss Zeitungsberichten leiden Bauern häufiger unter Burn-outs, als man denkt. Wie viele Ihrer Berufskollegen kennen den von Ihnen beschriebenen Erschöpfungszustand?

In meinem persönlichen Umfeld kenne ich niemanden, der betroffen ist, zumindest wird nicht darüber gesprochen. Die ständig wechselnde Agrarpolitik, die kaum eine längerfristige Planung von grösseren Investitionen zulässt, und die permanente Anbindung an den Hof führen zwangsläufig zu Spannungen in einer Familie.

Vor Ihrem Amtsantritt kannten Sie keine schweren Zustände?

Nein. (und nochmals, mit Nachdruck) Nein. Eine Kandidatur unter diesen Umständen wäre nicht möglich gewesen.

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