Birmensdorf
Birmensdorf ohne Netflix und Facebook: Ein Dorf wird 20 Jahre zurückgeworfen

Kein Internet und kein Festnetztelefon-Zugang: Was hierzulande bereits seit Ende der Neunzigerjahre kaum mehr denkbar ist, erleben seit Montag rund 1600 Birmensdorferinnen und Birmensdorfer, die solche Dienstleistungen von der Swisscom beziehen.

Florian Niedermann
Drucken
Teilen
Vor dem Wüerizentrum können sich Dorfbewohner über den Stand der Reparaturarbeiten der Swisscom informieren. fni

Vor dem Wüerizentrum können sich Dorfbewohner über den Stand der Reparaturarbeiten der Swisscom informieren. fni

Kein Internet und noch nicht einmal einen Festnetztelefon-Zugang. Was hierzulande bereits seit Ende der Neunzigerjahre kaum mehr denkbar ist, erleben seit Montag rund 1600 Birmensdorferinnen und Birmensdorfer, die solche Dienstleistungen von der Swisscom beziehen. Der Grund: Die lokale Telefonzentrale des Anbieters an der Zürcherstrasse 24 wurde infolge des Unwetters von Sonntagnacht durch einen Kurzschluss und einen anschliessenden Kabelbrand lahmgelegt. Neben Internet-, TV- und Festnetzdiensten fiel auch die Handyantenne für Stunden aus.

Todesfall: Mann stirbt an einem Stromschlag

Beim Auspumpen einer überschwemmten Waschküche hat am Montagnachmittag in Schlieren ein Mann einen Stromschlag erlitten und ist dabei getötet worden. Der 49-Jährige wohnte im Haus gegenüber der Liegenschaft an der Zürcherstrasse, in der sich der Unfall ereignete und war dort für Hauswartungen zuständig. «Als er gesehen hat, dass es im Haus vis-à-vis eine Überschwemmung gegeben hat, wollte er helfen. Er war so ein hilfsbereiter Mensch», sagen die Eltern des Verstorbenen. Der Unfallhergang wird durch die Kantonspolizei, die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis sowie das Eidgenössische Starkstrominspektorat (ESTI) abgeklärt. (rue)

Das brachte einige Dorfbewohner in unangenehme Situationen, wie eine Umfrage auf dem Wüeriplatz zeigt. Alt Gemeinderat Reto Derungs musste etwa aus dem Haus, um seine Versicherung anrufen zu können. «Weil das Festnetz nicht funktionierte und ich zu Hause keinen Handyempfang hatte, musste ich auf den Chilehügel. Dort hatte ich Zugang zu einem anderen Signal», erklärt er.

Erst am Montagabend ab 19.30 Uhr hatten die Birmensdorfer Swisscom-Kunden zumindest wieder Handy-Empfang – Angestellte des Kommunikationsanbieters konnten die Antenne in Betrieb nehmen. Derzeit arbeiten sie rund um die Uhr daran, auch die restliche Infrastruktur zu ersetzen. Internet, Festnetz oder TV-Services werden wohl aber erst kommenden Montag wieder in Betrieb sein.

Teenager Cindy Kündig findet es «schon komisch», auf einmal nicht mehr aufs Netz zugreifen zu können. Leidtragender sei in ihrer Familie aber vor allem der Vater, erklärt sie: «Er kann nun nicht mehr von zu Hause aus arbeiten und muss immer ins Büro fahren, was einige Zeit in Anspruch nimmt.»

Ernste Gedanken gingen Severin Hug durch den Kopf, als er feststellte, dass weder Festnetz noch Handy funktionieren. Sonntagnacht weckten ihn Nachbarn, weil die gemeinsame Garage mit Wasser vollgelaufen war, und er versuchte vergeblich, die Feuerwehr zu alarmieren. «Es ist schon ein beklemmendes Gefühl zu merken, dass man niemanden alarmieren könnte, falls man in eine brenzlige Situation gerät», sagt Hug. Es sei aber auch jetzt, da das Unwetter längst vorbei ist, noch unangenehm, dass er nicht auf das Internet zugreifen kann: Hug muss für die Abschlussprüfung einer Zusatzausbildung lernen. «Da bin ich darauf angewiesen, ab und zu auf dem Netz recherchieren zu können», sagt er. Da zumindest das Handy wieder funktioniere, nutze er dieses derzeit als Internet-Quelle für seinen Computer. Hug gewinnt dem Totalausfall der Swisscom aber auch Gutes ab: «So sieht man einmal, wie der Alltag früher war.»

Die Birmensdorfer müssen also wohl noch bis Anfang nächster Woche mit dieser Situation leben. Dass die Wiederinbetriebnahme der Internet-, TV- und Festnetzservices noch andauert, hat laut Andres Fleischli, dem lokalen Kommunikationsbeauftragten der Swisscom logistische und bauliche Gründe. «Bevor wir in der Telefonzentrale die beschädigte Infrastruktur ersetzen können, müssen wir das Untergeschoss baulich instand stellen.» Alleine das Besorgen der neuen Gerätschaften, der Kabel und des Mobiliars habe schon einige Zeit in Anspruch genommen, sagt er.

Noch gestern roch es in der Telefonzentrale im Untergeschoss des Gebäudes an der Zürcherstrasse 24 beissend nach verbranntem Plastik. Wände und Decken sind zur Hälfte mit Russ beschmutzt. Der andere Teil des Raumes war bereits frisch gestrichen worden. In diesem Bereich sind nun neue Serverregale mit neuen technischen Geräten installiert. Bis zu vierzehn Personen arbeiten in der Telefonzentrale rund um die Uhr, bis sie vollkommen instand gestellt sein wird, wie Stefano Bani, der lokale Verantwortliche der Swisscom, sagt: «Services, die wieder funktionieren, werden fortlaufend aufgeschaltet.»

Bis es soweit ist, können sich die Dorfbewohner an einem eigens eingerichteten Infostand der Swisscom vor dem Wüerizentrum über den Stand der Reparaturarbeiten und mögliche technische Alternativen informieren. So werden dort etwa gratis Geräte verteilt, die an den Computer angeschlossen und per Handynetz als mobile Internetquelle genutzt werden können. «Wir haben das Mobil-Netz deswegen als erstes wieder in Betrieb genommen», erklärt Fleischli.

Am Infostand zählten die Swisscom-Mitarbeitenden alleine am Montag 300 Kundenkontakte. Gestern dürften es weitere 70 gewesen sein, wie der Kommunikationsbeauftragte schätzt. Diese Begegnungen seien «im Grossen und Ganzen entspannt» verlaufen. Es sei verständlich, dass sich die Kunden ärgern. Viele würden aber schätzen, dass die Swisscom vor Ort informiere, so Fleischli.

Einen vergleichbaren Totalausfall erlebte die Swisscom zuletzt 2013 in Bern. Dort hatte ein Bagger bei einer Baustelle unabsichtlich die Glasfaserleitung des Telefonieanbieters gekappt. 2000-3000 Personen waren laut Fleischli vom Netz abgeschnitten.

Aktuelle Nachrichten