24 Stunden in...
Birmensdorf: Hier wird der Imbiss zum Treffpunkt

24 Stunden in Birmensdorf zeigen, wohin sich der Stammtisch nach der Schliessung des letzten Gasthofs verschoben hat. Beim Einkaufen heisst es für manche Einwohner aber bewusst nur Bio, während andere ihren Kaffee in Pulverform trinken – gezwungenermassen auch noch lauwarm.

Anina Gepp
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Rita Müller verkauft seit vier Jahren biologische Produkte in ihrem Laden
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Tanja Schuler arbeitet im Alterszentrum und betreut sechs Zimmer.
So sieht das Morgenessen in der Kaserne Birmensdorf aus
Obwohl es noch früh am Morgen ist, sind einige der Soldaten gut gelaunt
Wer genau hinschaut, entdeckt unter den vielen jungen Militärmännern sogar eine Frau
Am besten läuft das Geschäft am Sonntag
Fritz Baur wohnt seit 80 Jahren in Birmensdorf - also schon sein ganzes Leben lang
Birmensdorf

Rita Müller verkauft seit vier Jahren biologische Produkte in ihrem Laden

Alex Spichale

Der Weg vom Bahnhof Birmensdorf nach unten ins Zentrum führt vorbei an hübschen Schrebergärten. Das Grün wird an diesem Morgen grosszügig bewässert, die Wetterprognosen versprechen einen heissen Sommertag. Das Einzige, was die Idylle zu trüben vermag, ist der Baustellenlärm. Die Migros befindet sich derzeit im Umbau – das Scheppern der Maschinen breitet sich im gesamten Dorfkern aus.

Der Imbiss Freihof befindet sich direkt gegenüber, die Baustelle ist auch hier nicht zu überhören. Die Tische vor dem Lokal sind trotzdem gut besetzt. «Das ist noch der einzige Ort in Birmensdorf, wo man sich treffen kann», sagt Fritz Baur und nimmt einen grosszügigen Schluck Bier. Der 80-Jährige deutet in Richtung der «Sonne», die nur etwa 100 Meter weiter steht. Ende 2014 musste der Gasthof schliessen, seither findet sich kein neuer Käufer. Das Restaurant sei für die Gemeinde Birmensdorf von historischer Bedeutung, so Baur.

Das Restaurant samt Gästezimmern wurde über 50 Jahre lang von der Aescher Wirtefamilie Ramseyer betrieben. Für Baur, der schon sein Leben lang in Birmensdorf wohnt, ist mit der Schliessung der «Sonne» auch ein Stück Lebensqualität verlorengegangen. Woanders zu leben, habe er sich trotzdem nie vorstellen können. «Wer einmal in Birmi gewohnt hat, will hier nicht mehr weg», sagt er. Gearbeitet hat der Pensionär ebenfalls in der Gemeinde. Ganze 47 Jahre war er für den Familienbetrieb der Spenglerei Baur tätig.

Wussten Sie schon?

- Birmensdorf hat mit 213 Liter pro Kopf pro Tag den tiefsten Wasserverbrauch im Bezirk Dietikon.

- In den letzten drei Jahren von 2012 bis 2015 wurden in der Gemeinde immer jeweils 64 Kinder geboren.

- In Birmensdorf wohnen 6235 Personen und 643 Rinder und Kühe.

- Mit 51,4 Prozent Stimmbeteiligung bei den letzten Kantonsratswahlen liegt Birmensdorf über dem nationalen Durchschnitt von 48,5 Prozent.

Bio als Lückenfüller der Grossen

Während man Baur durchaus als waschechtes Birmensdorfer Urgestein bezeichnen kann, ist Rita Müller eher ein Neuankömmling. Nur zwei Lokale neben dem Imbiss Freihof betreibt sie zusammen mit ihrem Bruder Benny Schaufelbühl seit vier Jahren die Bio Panetteria. Es bleibt kaum Zeit für die Begrüssung, Kundschaft betritt den Laden. Ein Bio-Zopf für den nächsten Sonntag wird vorbestellt. Das Hauptgeschäft mache sicher die Bäckerei aus, sagt Müller und drückt gleichzeitig die Taste der Kaffeemaschine. Natürlich auch hier: Der Kaffee ist Bio.

Auf die Frage, weshalb sie darauf so viel Wert lege, weiss die Aargauerin sofort eine Antwort. «Man schmeckt den Unterschied.» Sie sei davon überzeugt, dass uns natürliche Nahrungsmittel besser tun würden. Gewissermassen sei sie bereits mit diesem Bewusstsein aufgewachsen, so Müller. Es gebe immer mehr auch junge Leute, die gerade deshalb bei ihr einkauften.

Die oft gehörte Aussage, dass Bio gerade im Trend sei, findet Müller aber trotzdem schwierig. «Bereits vor dreissig Jahren, als wir unser Hauptgeschäft in Bremgarten eröffneten, sprach man von einem Trend.» Deshalb müsse sie oft etwas schmunzeln, wenn sie das höre. Über zu wenig Kundschaft könne sie sich aber gewiss nicht beklagen. Man schliesse gewissermassen die Lücke. «Alles, was die Grossverteiler im Dorf nicht anbieten, finden die Leute bei uns», sagt sie.

Es ist mittlerweile früher Nachmittag, die Bio Panetteria schliesst um 14 Uhr. Zeit, sich weiter im Dorf umzusehen. Im Zentrum ist nicht viel los. Selbst die Bauarbeiter haben für kurze Zeit ihr Werkzeug niedergelegt und machen an einem schattigen Plätzchen Siesta. Nun ist es wirklich ruhig im Dorf.

Wer die Ohren spitzt, hört sogar das leise Rauschen der Reppisch. Auf ihrem Weg zur Mündung schlängelt sich der 25 Kilometer lange Nebenfluss der Limmat durch das naturbelassene Reppischtal und wird dabei nur von Ufergehölz und Wiesen eingesäumt. Der Abschnitt in Birmensdorf ist etwas dichter bebaut. Doch der sechs Kilometer lange Teilabschnitt zwischen dem Weiler Gamlikon in Stallikon und Birmensdorf konnte seinen naturnahen Flusslauf beibehalten.

Zwischen Birmensdorf und Dietikon durchquert der Fluss ein enges Tal. Ideal für einen Nachmittagsspaziergang. Doch weil dieser Abschnitt ebenfalls von den in der Militärkaserne stationierten Truppen der Schweizer Armee als Schiessplatz verwendet wird, endet der Ausflug bereits nach ein paar hundert Metern. An Wochentagen ist dieser Teil des Reppischtals stellenweise gesperrt, da das Militär Übungen durchführt.

Grund also, wieder umzukehren. Kurz bevor die Reppisch in Richtung Dorfzentrum abbiegt, führt ein Weg links weg. Er endet beim Schwimmbad Geeren. Und hier, endlich: Die halbe Dorfbevölkerung scheint gefunden zu sein. Gross und Klein tummelt sich an diesem heissen Sommertag in der Badi. Bei angenehmen 23 Grad Wassertemperatur eine willkommene Abkühlung, obschon das Becken für passionierte Schwimmer mit nur 25 Metern Länge etwas kurz geraten ist.

Das Alterszentrum schläft nie

Das Element Wasser bleibt bis zum frühen Abend ein Begleiter. Denn auch das Alterszentrum heisst passend zur Lage «am Bach». Tanja Schuler arbeitet hier in der geschützten Wohngruppe. Obwohl die Senioren Schulers Namen nicht kennen und oftmals nicht wissen, wer sie ist, liebt die Pflegerin ihren Beruf. «Die Menschen geben mir so viel. Manchmal nehmen sie mich einfach in den Arm. Dann weiss ich, dass es uns gelungen ist, eine tragende Beziehung aufzubauen.»

Schulers Schicht dauert an diesem Tag bis um 22 Uhr, sie ist für alle sechs Zimmer verantwortlich. Die Bewohner haben soeben fertig gegessen und Schuler bringt die Küche wieder auf Hochglanz. Danach führt sie die ersten müden Bewohner ins Bett. Dank ihrer ruhigen und geduldigen Art vertrauen ihr die Senioren und nehmen dankend ihre Hand. Schuler hilft ihnen beim Putzen der Zähne, beim Ausziehen und beim Hinlegen. Soweit es geht, lässt sie die Bewohner das selbst erledigen.

Auch die Zeit, wann sie ins Bett gehen wollen, bestimmen die Senioren alle selber. «Es ist wichtig, dass die Senioren ihren eigenen Rhythmus beibehalten», sagt die Birmensdorferin. Mit dem Ins-Bett-Bringen ist der Job aber noch nicht erledigt. «Die Schlafphasen verändern sich durch die demenzielle Entwicklung zunehmend. Das führt dazu, dass unsere Bewohner durchaus auch nachts aufstehen, sich anziehen und frühstücken wollen», so Schuler.

An diesem Abend mit dem Rhythmus der betagten Menschen zu gehen und sich früh ins Bett zu legen, ist aber gar keine schlechte Idee. Denn bereits in wenigen Stunden wird der Wecker wieder klingeln. Und beim Militär zu spät anzutreten, ist wohl keine gute Idee.

600 Betten zu füllen

Die Armbanduhr zeigt 6 Uhr, auf die Minute genau. Die Wache des Waffenplatzes in Birmensdorf beäugt vor Einlass die Identitätskarte und zieht diese als Depot ein. Michael Haeringer, Chef der Waffenplatzverwaltung, ist ebenfalls schon auf den Beinen. Er ist weit und breit der Einzige, der ein weisses Hemd trägt und nicht den typischen grünen Tarnanzug. Das Morgenessen ist aber auch für ihn dasselbe. Es gibt Brot, Marmelade, Birchermüesli, Orangensaft und Kaffee, jeder bedient sich selbst.

Rund 600 Betten gibt es hier auf dem Areal des Militärs. Bis zu 1000 Leute gleichzeitig können von der eigenen Küchenmannschaft bewirtet werden. Haeringer vergleicht den Standort Birmensdorf gerne mit einer «Homebase». Denn von hier aus starten die unterschiedlichsten Einsätze. Einerseits sind Durchdiener untergebracht, andererseits ist hier ein Teil der Militärakademie stationiert.

Gleichzeitig Interview zu führen und zu essen, wäre in der Kaserne schwierig, die Zeiten für das Frühstück sind genau terminiert und auf eine Stunde festgelegt. Deshalb gibt es nur einen Kaffee. Wobei dieser aus einem eher geschmacklosen Pulver besteht, mit lauwarmem Wasser übergossen und aus dem Becher statt einer Tasse getrunken wird. Oder getrunken werden sollte. Denn als um 7 Uhr die Tische wieder geräumt werden, bleibt mindestens ein Becher halb voll stehen.

Waffenplatz Birmensdorf: Das Militärareal umfasst 301 Hektaren

Obwohl der Waffenplatz in Birmensdorf direkt an die Gemeinde angrenzt, wissen die wenigsten Bewohner, was genau auf dem militärischen Gebiet vor sich geht. Wenn geschossen werde, breite sich der Schall eher in Richtung Urdorf aus, sagt Michael Haeringer, Chef der Waffenplatzverwaltung. Man pflege aber zu beiden Gemeinden eine sehr gute Beziehung.


Auf der Ausbildungsanlage werden Absolventen der Militärakademie sowie Angehörige der Infanterie ausgebildet. «Der hiesige Waffenplatz ist mit 95 Prozent einer der am besten ausgelasteten Militäranlagen der Schweiz», sagt Haeringer. Er ist einer von 27 Angestellten des Kantons Zürich, die für den Standort zuständig sind. Nebst der militärischen Ausbildung werden 141 Hektaren Wald bewirtschaftet. Das gesamte Areal umfasst 301 Hektaren. 40 davon stehen unter Naturschutz. «Das hat den Vorteil, dass das Gebiet nicht überbaut werden und somit die Natur erhalten werden kann», so Haeringer.

Das viele Land bringe aber auch Herausforderungen mit sich. «Man muss darauf achten, das Militär, die Natur und die Bevölkerung unter einen Hut zu bringen und alle zufriedenzustellen«, so Haeringer. Das nicht militärisch oder landwirtschaftlich genutzte Gelände steht der Bevölkerung in der belegungsfreien Zeit als Erholungsraum zur Verfügung. Ein Radweg und markierte Wanderwege führen durch das teilweise unter Naturschutz stehende Reppischtal. Einige der Anlagen können auch für zivile Anlässe, wie zum Beispiel Sportevents, benützt werden. Zudem nutze die Polizei Räumlichkeiten für die Weiterbildung, so Haeringer. (GEP)