Jedes Dorf kennt sie: Geschichten, die seit Generationen weitergegeben werden, ohne dass deren Wahrheitsgehalt jemals untersucht wurde. In Weiningen könnte sich nun bald eine solche Legende überprüfen lassen. Dann nämlich, wenn die vom Kanton geplanten Strassenprojekte umgesetzt werden, konkret jenes an der Lindenkreuzung. Die alte, mittlerweile kranke Linde soll entfernt und durch eine neue ersetzt werden. In diesem Fall würde sich nun endlich klären, ob unter dem Baum tatsächlich Weinflaschen vergraben sind, wie man sich seit Alters her im Dorf erzählt.

 Vielleicht würde man dann auch erfahren, wer diese Flaschen vergraben haben soll. Darüber ist bislang nichts bekannt. Auch wann dies geschehen sein soll, entzieht sich heutiger Kenntnis. Denn dazu müsste man zuerst wissen, wie alt die Linde im Dorfzentrum überhaupt ist. Das herauszufinden, erweist sich jedoch als schwierig. Sowohl bei der Gemeinde als auch beim Kanton lassen sich keine Unterlagen finden, die Auskunft über das Alter des Baums geben.

Vermutet wird, dass die Linde noch aus der napoleonischen Zeit stammt, also um 1800 gepflanzt wurde. Ganz abwegig ist dies nicht. In vielen Gemeinden wurden sogenannte Freiheitsbäume während der Besetzung der Schweiz durch die Franzosen 1798 errichtet oder gepflanzt. Sie galten als Symbol der neuen Ordnung. Jener von Ellikon an der Thur etwa, eine 44 Meter hohe Platane, steht heute noch mitten im Dorf.

Baum hatte grosse Bedeutung

Sollte die Weininger Linde also aus jenen Jahren stammen, dann wäre der Wein mehr als 200 Jahre alt. Fraglich ist dann jedoch, ob die Franzosen die Pflanzung des Baums angeordnet haben oder Dorfbewohner von sich aus aktiv wurden.

Gegen diese Ursprungsgeschichte spricht jedoch, dass bereits auf einem Gemeindeplan von 1732 ein stattlicher Baum im Ortszentrum verzeichnet ist. Ob es sich dabei um eine Linde handelt, lässt sich jedoch nicht sagen. In diesem Fall scheint es nun plausibel, dass Dorfbewohner den Wein unter dem Baum vergraben haben – falls die Geschichte mit den Flaschen überhaupt stimmt.

Sicher ist hingegen, dass der Baum schon früh eine grosse Bedeutung für die Dorfbewohner hatte. Das geht aus einer Episode aus der Weininger Chronik hervor, die sich 1859 zutrug. Nach dem Bau der Verbindung von Weiningen nach Regensdorf war eine Anpassung der Strasse durchs Dorf geplant. Dafür hätte die Linde entfernt werden sollen. Die Weininger setzten sich jedoch für den Erhalt des Baumes ein, da dieser zum Dorfbild gehöre. Und so mussten die Pläne für die Anpassung nochmals überarbeitet werden. Hier wird also eine Linde genannt.

Dass der Lindenplatz schon seit früher Zeit ein zentraler Ort im Dorf war, zeigt sich auch darin, dass dort bereits 1757 einer von drei Dorfbrunnen erstellt wurde. Dieser, das legt der Plan von 1732 nah, befand sich unter oder zumindest neben einem Baum.

Der Vermerk einer Linde in der Dorfchronik und auf verschiedenen Karten heisst freilich noch lange nicht, dass es sich dabei um den heutigen Baum handelt. Möglich ist auch, dass die Pflanzen im Laufe der Zeit ersetzt wurden. Dann könnte der Wein also doch aus der Zeit Napoleons stammen – oder aber auch wesentlich jünger sein.

Gesichert ist hingegen, dass bei der Neugestaltung der Hauptstrassen in Weiningen in den 1970er-Jahren beim Lindenplatz drei Linden entlang der Strasse gepflanzt wurden. Unter einem der drei Bäume wurden Weinflaschen vergraben. Denn beim Ausbau der Schlüechtistrasse im Jahr 2002 musste eine Linde gefällt werden. Wein fanden die Bauarbeiter darunter jedoch nicht.
Ob das dieses Mal anders sein wird? Irgendwann zwischen Mitte 2018 und Frühjahr 2019 dürften wir es wissen.