Dietikon
Bildungs- und Begegnungszentrum öffnet zum Jubiläum die Türen

Das Dietiker Bildungs- und Begegnungszentrum bietet Blinden und Sehbehinderten seit zehn Jahren eine Struktur.

Zoe Iten
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Mit viel Optimismus geht Roberto Frijia mit seinem Schicksal um. Auch die Familie gibt ihm grossen Halt.

Mit viel Optimismus geht Roberto Frijia mit seinem Schicksal um. Auch die Familie gibt ihm grossen Halt.

Zoe Iten

Immer um zwölf Uhr wird im Bildungs- und Begegnungszentrum in Dietikon, das zum schweizerischen Sehbehinderten und Blindenverband gehört, das Mittagessen serviert. Gegessen wird gemeinsam am grossen schwarzen Tisch. «Die weissen Teller auf dem dunklen Holz sollen einen Kontrast bilden. Denn einige von den Benutzern sehen schemenhafte helle und dunkle Flecken. Durch den scharfen Kontrast können sie erkennen, wo genau sich ihr Mittagessen befindet», sagt Martin Bühler, der seit fünf Jahren das Begegnungszentrum leitet.

Das und weitere Informationen über den Alltag von Blinden und Sehbehinderten werden heute am Tag der offenen Tür vermittelt, der zur Feier des zehnjährigen Jubiläums des Zentrums organisiert wird. Ziel ist es, aufzuzeigen, was Blinde und Sehbehinderte alles können. Das Programm bietet viel Abwechslung: Demonstrationen mit Blindenstöcken und Führhunden, ein blinder Klavierspieler ist zu Gast und einige der Benutzer machen Führungen mit Interessierten. «Wir möchten auch die Angehörigen blinder und
sehbehinderter Menschen einbinden», sagt Bühler.

Überall im Zentrum, das auch Atelier genannt wird, entsteht etwas. Da ist eine grosse Werkstatt mit Werkbänken. Daneben Drechsel- und Bohrmaschinen und allerlei Werkzeug. Drei Töpfertische komplementieren die Ausrüstung. Dann gibt es eine Ecke, um Seifen zu giessen und Kerzen herzustellen. Einen Web-Tisch, an dessen Arbeitsflächen drei noch unbeendete Teppiche auf die Fertigstellung warten. Gleich nebenan wird ein Holzschmetterling mit Farbe bemalt und verziert. Und beim Eingang sind viele kleine Kisten in einem langen Regal untergebracht – Unterlagen und diverse Utensilien für zukünftige Projekte werden dort bereits gehortet.

Joggen trotz Blindheit

Während den letzten Jahren sind die Besucherzahlen im Zentrum gestiegen. 37 Menschen gehen hier regelmässig ein und aus. «Jeder ist so lange hier, wie er möchte und kann dabei das tun, was er will. Der Ablauf ist individuell. Wir bieten den Benutzern einen Rhythmus. So entstehen gewisse Strukturen», so Bühler. Die Zunahme der Besucher sieht er in der gestiegenen Bekanntheit. Auch durch die Zusammenarbeit mit Sozialämtern und anderen Organisationen sei das Zentrum gut im Gedächtnis der Allgemeinheit verankert.

Einer, der den Besuchern heute eine Führung anbietet, ist der 23-jährige Roberto Frijia aus Spreitenbach. Er ist vier Tage in der Woche hier und das seit zwei Jahren. «Am Anfang habe ich mich für den Blindenstock geschämt», gibt er zu, «aber meine Mutter hat irgendwann gemeint, ich könne stolz sein, was ich bis jetzt alles geleistet habe. Und sie hat recht.» Hier im Zentrum freut er sich über den gegenseitigen Austausch und die Möglichkeit, kreativ zu sein. Gerade sitzt er an einem Teppich mit Zebramuster für seinen Onkel. «Es ist schon der Vierte, den ich selber webe.» Daneben schätzt er den sportlichen Ausgleich. Zusammen mit seinem Trainer der Laufgruppe Limmattal joggt er eine Distanz von rund 10 km pro Woche. Sein Ziel sind 300 geschaffte Kilometer in diesem Jahr. «Ich bin auf gutem Weg dahin.»

Es ist beeindruckend, mit welch positiver Energie Frijia im Alltag unterwegs zu sein scheint. Er sei ein sehr optimistischer Mensch und versuche, jeder Situation etwas Gutes abzugewinnen. So sagt er zum Schluss: «Ich habe beim Verlust meiner Sehkraft damals einen guten Ort verloren. Und hier einen neuen guten Ort gefunden.»

Den Humor nicht verloren

Dieser Ansicht ist auch Mario Bärtsch. Die Vielseitigkeit war ausschlaggebend für sein Bleiben. Mittlerweile ist er eineinhalb Jahre hier und besucht das Zentrum Dietikon mit öV und Blindenstock jeden Montag und Donnerstag. Auf die Frage, ob er nicht häufiger herkommen möchte, gab er zu bedenken, dass er auch noch einen Haushalt führen müsse. Dies sei mit höherem zeitlichem Aufwand verbunden. Fast dreimal so lang müsse man rechnen im Vergleich zu einer nicht sehbehinderten Person. In seiner Freizeit ist er gerne mit Bus und Bahn unterwegs und unternimmt kleine Reisen. Mit dem Smartphone sei das gut möglich.

Mittels Einstellung werden sämtliche Texte laut vorgelesen. So wird man auch über Verspätungen und allfällige Gleiswechsel informiert; die Gleise finde man mittels angeschraubten Metallplättchen am Perron in Brailleschrift. Und die meisten Menschen seien sehr aufmerksam und bieten eine helfende Hand. Zudem nutzt er häufig die Ausflugsangebote, die das Zentrum macht.

Das kann ein Museumsbesuch oder eine Tandemfahrt sein. Es sei wichtig, aktiv zu bleiben. Neben der Aktivität ist auch sein Humor nicht verloren gegangen. Auf die Frage, ob seine anderen Sinne stärker geworden sind, antwortet er: «Man hört nicht besser, das Gehör wird nur besser geschult. Beim Geruchssinn ist es genauso, das ist besonders bei der Suche nach einer Bäckerei hilfreich.»

10 jähriges Jubiläum und Tag der offenen Türe, Samstag, ab 10 Uhr, Programm unter www.sbv-fsa.ch