Bildung
«Ohne Bildung ist man nichts»: Geflüchtete wünschen sich mehr Ausbildungschancen

Sara Azar und Amine Diare Conde haben an einer Kundgebung des Komitees «Bildung für alle – jetzt!» in Zürich teilgenommen. Sie erzählen, weshalb sie sich für einen einfacheren Zugang zur Bildung einsetzen.

Lydia Lippuner
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Sara Azar (31) und Amine Diare Conde (23) wünschten sich, dass Flüchtlinge und Sans-Papiers es leichter hätten, eine Lehre zu machen.

Sara Azar (31) und Amine Diare Conde (23) wünschten sich, dass Flüchtlinge und Sans-Papiers es leichter hätten, eine Lehre zu machen.

zvg

Sara Azar (31) und Amine Diare Conde (23) flüchteten in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Schweiz. Bislang konnten sie hier noch keine dreijährige Ausbildung abschliessen. So sei ihnen auch der Zugang zu einem selbstständigen Leben verbaut. Deshalb setzen sie sich nun für das Anliegen von «Bildung für alle – jetzt!» ein. Hinter dem Anliegen stehen unter anderem die Gewerkschaft VPOD, der Verein Solidarité sans frontières, der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) sowie weitere Einzelpersonen. Sie fordern, dass der Zugang zu Bildung für alle vereinfacht wird. Dabei wird moniert, dass geflüchtete Menschen, die in der Schweiz eine Ausbildung absolvieren und arbeiten wollen, oft unüberwindbaren Hindernissen gegenüberstünden.

In einer von über 19'000 Menschen unterzeichneten Petition verlangte das Komitee von Bundesrat und Parlament, das Recht und den Anspruch auf Bildung für alle zu gewährleisten, «unabhängig vom Aufenthaltsstatus und entsprechend dem jeweiligen Potenzial». So sollen Kinder sowie Erwachsene eine Chance auf ein Bildungsangebot erhalten. Stellvertretend für andere Geflüchtete erzählen Sara Azar und Amine Diare Conde, welche Hindernisse zwischen ihnen und einer Berufsbildung stehen.

Sara Azar (31) flüchtete vor dem Krieg in Syrien

Engagement der ganzen Familie: Sara Azar (31) nahm mit ihren Kindern an der Kundgebung in Zürich teil.

Engagement der ganzen Familie: Sara Azar (31) nahm mit ihren Kindern an der Kundgebung in Zürich teil.

zvg

«Ich nahm an der Kundgebung von «Bildung für alle – jetzt!» in Zürich teil, da ich sehe, wie wichtig berufliche Bildung in der Schweiz ist. Diese brauche ich, wenn ich meine Familie mit den drei Kindern selbst über die Runden bringen will. In der Schweiz arbeitete ich ein Jahr als Freiwillige in einem Alterszentrum. Ich will in der Pflege arbeiten, deshalb absolvierte ich einen Kurs als Pflegehelferin. Nun suche ich eine Stelle. Sobald es möglich ist, möchte ich die Lehre als Fachfrau Gesundheit absolvieren, um meine Familie besser zu unterstützen. Mein Mann kann nur wenig helfen, da er vor sechs Jahren, als wir nach unserer Flucht in der Schweiz ankamen, einen Zusammenbruch erlitt. Denn die Flucht war eine enorme Anstrengung und die anfängliche Abweisung durch die Behörden eine grosse Enttäuschung. Er erlebte im Krieg schreckliche Dinge. Auch meine Kinder leben noch mit den Erinnerungen an den Krieg. Einmal explodierten an einem Tag drei Bomben in der Nähe unseres Hauses, mein ältester Sohn redete danach nicht mehr – bis heute braucht er Logopädie. Angesichts aller Hürden wollte ich auch schon aufgeben. Doch ich entschied mich, nicht zu resignieren. Ich möchte keinen Luxus, nur unabhängig leben, meine Wohnung, Krankenkasse und das Essen selbst bezahlen.»

Amine Diare Conde (23) flüchtete aus der Diktatur in Guinea

800 Franken im Monat müssen ausreichen: Amine Diare Conde (23) aus Guinea ist nun in der Ausbildung zum Hochbauzeichner.

800 Franken im Monat müssen ausreichen: Amine Diare Conde (23) aus Guinea ist nun in der Ausbildung zum Hochbauzeichner.

Lydia Lippuner

«Ohne Bildung ist man nichts. Deshalb unterstütze ich das Anliegen von ‹Bildung für alle – jetzt!›. Ich bin in der Lehre zum Hochbauzeichner. Diese will ich um jeden Preis abschliessen, auch wenn der Weg steinig ist. Vor acht Jahren kam ich alleine in die Schweiz, damals war ich 16-jährig und musste als Erstes Deutsch lernen. Bald wollte ich mehr lernen, doch das wurde mir verwehrt. So sammelte ich Geld bei meinen Freunden, um für rund 10'000 Franken einen Schulabschluss zu absolvieren. Daraufhin hätte ich eine Lehrstelle erhalten. Doch da mein Asylgesuch abgelehnt wurde, durfte ich die Lehre nicht antreten. Ich stellte ein Härtefallgesuch. Dieses kam durch und ich erhielt eine B-Bewilligung. Sobald ich diese in der Hand hatte, bewarb ich mich wieder um eine Lehrstelle und erhielt innert einer Woche einen Ausbildungsplatz. Jetzt verdiene ich 800 Franken Lehrlingslohn, davon zahle ich 700 Franken Miete, für die Wohnung in Zürich. Daneben muss ich auch die Krankenkasse sowie alle Bücher bezahlen. So bin ich wieder auf Hilfe von Freunden angewiesen, dabei möchte ich auf eigenen Beinen stehen. Immer noch hoffe ich auf eine Antwort auf mein Stipendiengesuch. Hätte ich mehr staatliche Hilfe für meine Ausbildung erhalten, wäre ich früher selbstständig geworden, hätte weniger Zeit verloren und wäre nun schon am Arbeiten und Steuernzahlen. »

Motion erhält Zuspruch von allen Parteien
ausser der SVP

Die Zürcher Nationalrätin und Präsidentin des VPOD Katharina Prelicz-Huber (Grüne) fordert in einer Motion, dass Geflüchtete und spät Zugewanderte länger Zugang zu Bildung erhalten.

Die Zürcher Nationalrätin und Präsidentin des VPOD Katharina Prelicz-Huber (Grüne) fordert in einer Motion, dass Geflüchtete und spät Zugewanderte länger Zugang zu Bildung erhalten.

zvg

Auch die Zürcher Nationalrätin und Präsidentin des VPOD Katharina Prelicz-Huber (Grüne) setzt sich für das Anliegen ein. Sie forderte ende September in einer Motion an den Bundesrat, dass Geflüchtete und spät Zugewanderte länger eine Chance auf Ausbildung erhalten. «Es ist oft illusorisch, dass die Geflüchteten innert einem Jahr Deutsch lernen und auch gleich noch eine Ausbildung beginnen», sagt sie. Es brauche eine längere Zeit, um die Leute ans Schweizer Bildungssystem heranzuführen. Ihr Vorschlag zu einer entsprechenden Gesetzesänderung stiess auf eine breite Zustimmung im Parlament. «Ich konnte Politiker aller Parteien ausser der SVP zu einer Unterschrift motivieren», sagt Prelicz-Huber. Dabei gehe es nicht nur darum, Geflüchteten und Spätzugewanderten eine Chance zu geben, sondern auch den Fachkräftemangel in der Schweiz zu beheben. «Wir haben rund einen Drittel hochqualifizierte Leute in unterqualifizierten Jobs», sagt Prelicz-Huber. Das sei ein Verlust für die Wirtschaft. Diese Leute seien meist auch sehr motiviert um in ihrem Fachbereich gute Arbeit zu leisten. Durch ein breiteres Bildungsangebot würden die Geflüchteten besser integriert und die Schweizer Unternehmen gleichzeitig gestärkt. «Ich bin zuversichtlich, dass die Motion dank der breiten Abstützung im Parlament weiterkommt», sagt Prelicz-Huber. So hofft sie, dass Personen, die in die Schweiz flüchten in den kommenden Jahren hier auch eine Lehre oder ein Studium absolvieren können, das ihnen entspricht.

Übergabe vor dem Bundeshaus: Die drei Co-Leiter der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!», Sophie Guignard (links), Sabine Zurschmitten (Mitte-rechts) und Johannes Gruber überreichten am 22. September 19'000 Unterschriften an den Bundesrat und das Parlament.

Übergabe vor dem Bundeshaus: Die drei Co-Leiter der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!», Sophie Guignard (links), Sabine Zurschmitten (Mitte-rechts) und Johannes Gruber überreichten am 22. September 19'000 Unterschriften an den Bundesrat und das Parlament.

Anthony Anex

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