Tag des Schweizer Bieres
Bierboom im Limmattal: Bereits im 19. Jahrhundert wurde fleissig gebraut

Im 19. Jahrhundert wurde in der Region fleissig Gerstensaft gebraut – die Qualität liess oft zu Wünschen übrig.

Sandro Zimmerli
Merken
Drucken
Teilen

Biertrinker können sich freuen. Nicht nur, weil heute der Tag des Schweizer Bieres gefeiert wird, sondern auch wegen des Umstandes, dass es derzeit landesweit über 600 Brauereien gibt. Das erinnert an die Situation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es in der Schweiz schon einmal einen Bierboom gab und praktisch jede Gemeinde über eine eigene Brauerei verfügte, wie Wirtschaftshistoriker Matthias Wiesmann in seinem Buch «Bier und wir» schreibt. Schlechte Traubenernten sorgten für erhöhte Weinpreise und liessen damals viele auf das günstigere Bier umsteigen.

Auch im Limmattal wurde im 19. Jahrhundert fleissig gebraut. Zu Beginn mit mässigem Erfolg, wie das Beispiel des «Linden»-Wirts in Dietikon zeigt. Dort an der Badenerstrasse begann Joseph Wiederkehr-Rösler 1865 in einem Nebengebäude der «Linde» sein eigenes Bier herzustellen. Damit konnte er den Bedarf seines Restaurants decken, wie Hans Peter Truttmann im Dietiker Neujahrsblatt 2013 schreibt. Es dauerte allerdings nicht lange, ehe Kritik laut wurde an dem Gebräu. Das «Wiederkehr-Bier» steige schnell in den Kopf, hiess es. Es führe bald zu Räuschen und Kopfschmerzen, so die Klagen. Der Hobby-Brauer wurde daraufhin von der Gesundheitskommission ermahnt, «dem Übelstand abzuhelfen».

Eine Brauerei in Dietikon

Ob ihm das gelungen ist, darf bezweifelt werden. Die Brauerei und die Wirtschaft liefen schlecht, sodass Wiederkehr 1880 Konkurs ging. Ersteigert wurde die Wirtschaft samt Brauereigebäude von Caspar Wiederkehr. Dieser führte den Betrieb bis 1884. Dann übernahm der gelernte Bierbrauer Johann Fleisch. Er liess neben der «Linde» eine neue Brauerei erstellen und das Sudwerk auf 32 Hektoliter ausbauen. Zudem wurden eine Mälzerei und ein Eiskeller gebaut.

Dem Vernehmen nach liess Fleisch auch eine Art Rutschbahn vom Egelsee nach Spreitenbach erstellen, um im Winter Eisplatten hinuntergleiten zu lassen. Diese wurden eingelagert und dienten im Sommer der Kühlung des «Lindenbräus». Üblich war es in Dietikon zu jener Zeit jedenfalls, im Winter Eis aus der Reppisch zu sägen und für den Sommer in einem Eiskeller aufzubewahren. Fleisch stieg später auf die künstliche Eisherstellung um. Sein Geschäft jedenfalls florierte. Im ersten Betriebsjahr produzierte er 1000 Hektoliter, vierzehn Jahre später brachte er es bereits auf 14 000 Hektoliter. Das Bier wurde im ganzen Limmattal und in Zürich abgesetzt. Trotzdem musste sich auch Fleisch Kritik wegen der Qualität seines Biers gefallen lassen. Im Volksmund wurde es unter anderem «Fleischbrühe» genannt.

Streit mit Weinbauern

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Dietiker Bier mit Pferdewagen transportiert, danach mit der Limmattaler Strassenbahn. Fleisch gehörte denn auch zu den Initianten der Bahn, deren Endstation sich vor seiner Brauerei befand. 1902 verkaufte Fleisch seine Brauerei an die «Löwenbräu Dietikon AG». Mitte der 1920er-Jahre wurde diese schliesslich vom «grossen Bruder» in Zürich geschluckt und ging in der «Löwenbräu Zürich AG» auf. 1925 wurden die stillgelegten Gebäude der Brauerei von den Gebrüdern Cattaneo übernommen und als Salamifabrik genutzt.

Auch auf der anderen Limmatseite begannen Wirte im 19. Jahrhundert damit, ihr eigenes Bier zu brauen. Zu ihnen gehörte der Löwenwirt in Weiningen, der bereits in den 1830er-Jahren Gerstensaft herstellte. Von der Qualität des Gebräus ist wenig bekannt, dafür umso mehr über den Streit mit den Weinbauern. Diese hatten damals offenbar Probleme mit dem Absatz des Rebensaftes, wie Leo Niggli in seiner Weininger Chronik schreibt. Rund 200 Rebenbesitzer gab es damals im Dorf. Weil die wirtschaftlichen Aussichten nicht rosig waren und sich der Gemeinderat um die Existenz der Bauern sorgte, wandte er sich an den Regierungsrat. Seine Bitte: Dem Löwenwirt soll das Bierbrauen untersagt oder zumindest eine ordentliche Steuer erhoben werden. Zudem sollen aus dem Ausland importierte Produkte wie Bier, Wein oder Branntwein mit Zöllen belegt werden.

Der Regierungsrat ging nicht auf das Begehren ein. Es sei ein Irrtum, wenn die Gemeinde glaube, dass auf Bier keine Steuern erhoben würden, schrieb er dem Gemeinderat. Und so floss im «Löwen» das Bier weiter.

Zahl der Brauereien wächst munter weiter

Im Windschatten der beiden Biergrössen Carlsberg und Heineken hat die Zahl der Brauereien in der Schweiz massiv zugenommen. Alleine in den letzten drei Jahren sind hierzulande unter dem Strich 257 Brauereien entstanden. Gegenwärtig zählt die Schweiz 667 Brauereien, die biersteuerpflichtig (ab 400 Liter Ausstoss) sind, wie die Eidgenössische Zollverwaltung auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA bekannt gibt.
Am Ende des 19. Jahrhunderts erlebte die Branche eine Blütezeit mit vielen Brauereigründungen, an die sich ein Bereinigungsprozess anschloss, der die Anzahl Betriebe drastisch verringerte und nur die kapitalkräftigen Betriebe überleben liess. Durch den Eintritt der internationalen Brauereigrössen Heineken und Carlsberg ist der Kuchen im Schweizer Markt heute weitgehend verteilt. Die beiden Grossen dürften laut Schätzungen rund zwei Drittel des hiesigen Biermarktes beherrschen.
Die kleinen Brauereien profitieren dabei von einem Unbehagen in der Bevölkerung, das mit der Globalisierung der Wirtschaft einhergeht. Der solvente Konsument ruft wieder stärker nach lokalen Produkten, gerade bei Lebensmitteln. Obwohl auch Carlsberg und Heineken in der Schweiz produzieren, kommt dieser Effekt stärker den Regionalbrauereien und den «neuen» Brauereien zugute.
Trotz der vielen neuen Brauereien hinkt die Nachfrage der Konsumenten nach neuen Biersorten noch hinterher. Das helle Lagerbier beherrscht nach wie vor den Markt. Es macht gemäss den Angaben des Schweizer Brauerei-Verbandes im vergangenen Jahr 79,2 Prozent des Bierkonsums aus. Insgesamt wurden 2015 hierzulande 4,6 Millionen Hektoliter Bier getrunken – etwas weniger als im Vorjahr. Knapp drei Viertel davon sind Schweizer Biere, gut ein Viertel kommt aus dem Ausland. Der Durchschnittskonsum pro Kopf ist von 56,3 Litern auf 55,3 Liter pro Jahr gesunken. Das ist laut SBV der tiefste Wert seit zehn Jahren. 1990/91 waren noch 71 Liter pro Kopf getrunken worden. (sda)