Dietikon
Bezirksrat entscheidet im Streit um Schulweg zugunsten der Eltern

Fünf Elternpaare aus dem Quartier um die Mühlemattstrasse in Dietikon rekurrieren erfolgreich gegen die Zuteilung ihrer Kinder in die Kindergärten Zentral und Florastrasse. Sie fürchteten um deren Sicherheit auf dem Schulweg.

Florian Niedermann
Merken
Drucken
Teilen
Der Schulweg verlangt bei den Strassenübergängen von viereinhalbjährigen Kindern zu komplexe Entscheidungen und ist deshalb unzumutbar, so der Bezirksrat.fni

Der Schulweg verlangt bei den Strassenübergängen von viereinhalbjährigen Kindern zu komplexe Entscheidungen und ist deshalb unzumutbar, so der Bezirksrat.fni

Gleich mehrere stark befahrene Strassen — teilweise ohne den Schutz von Lichtsignalanlagen — müssten fünf Kinder aus der Gegend der Dietiker Mühlehaldestrasse ab Montag täglich überqueren, um in ihre Kindergärten zu gelangen. Zu gefährlich, sagten sich ihre Eltern. Sie baten die Schulpflege deshalb, ihre Kinder einem anderen, näher gelegenen Kindergarten zuzuteilen.

Weil die Behörden ihre Bedenken nicht teilten und ihr Gesuch ablehnten, rekurrierten die fünf Familien schliesslich vor dem Bezirksrat gegen die Kindergartenzuteilung. «Unzumutbar», lautet auch dessen offizielles Urteil zum Schulweg. Die Schulpflege muss die fünf Kinder nun in den Kindergärten Lachen oder Bergstrasse unterbringen. Dazu trägt sie auch die Verfahrenskosten von rund 3600 Franken.

Unkooperatives Verhalten?

Die Eltern werfen den Behörden vor, dass sie die Gefahren dieses Schulwegs für die Kindergärtler verkannt und sich bei der Suche nach einer besseren Lösung unkooperativ verhalten hätten. Der Vater eines der fünf Kinder, Bernhard Schmidt, sagt: «Weil die Schulpflege nicht mit uns zusammenarbeiten wollte, setzt die Stadt mehrere tausend Franken Verfahrenskosten in den Sand, die der Steuerzahler berappen muss.»

Doch nun der Reihe nach: Eigentlich wären vom Quartier um die Mühlehaldestrasse aus gesehen die Kindergärten Lachen, Bergstrasse und Guggenbühl die naheliegendsten. Jener an der Guggenbühlstrasse wird aber auf das Schuljahr 2014/15 wegen eines Neubauprojekts vorübergehend geschlossen. Dadurch bestand die Möglichkeit, dass die fünf befreundeten Kinder weiter entfernten Einheiten zugeteilt würden, um die zu erreichen sie sich teils gefährlichen Verkehrssituationen aussetzen müssten. Laut Schmidt suchten die fünf Elternpaare deshalb im März und April mehrmals den Kontakt zur Dietiker Schulpflege, um zu erreichen, dass ihre Kinder im am nächsten gelegenen Kindergarten Lachen untergebracht werden.

«Die Schulpflege zeigte sich erst bereit zu Gesprächen, als Gemeinderat Ernst Joss (AL) auf unser Bitten hin Druck aufsetzte», sagt er. Bei einem Treffen mit Schulvorstand Jean-Pierre Balbiani (SVP) und der Zuteilungsverantwortlichen für den Kindergarten schilderten die fünf Elternpaare Ende April schliesslich ihr Problem, man wurde sich allerdings nicht einig.

Anfechtbaren Entscheid verlangt

Die besorgten Eltern richteten deshalb Ende April in einem Brief die Bitte an die Schulpflege, ihre Kinder gemeinsam oder zumindest in zwei Gruppen entweder in den Kindergarten Lachen oder die etwas weiter entfernte Einheit Bergstrasse einzuteilen. Ende Mai erhielten sie aber den Bescheid, dass stattdessen zwei Kinder im Kindergarten Zentral an der Schulstrasse und drei an der Florastrasse eingeschult werden sollen. Schmidt bat darauf die Schulpflege in einem Wiedererwägungsgesuch abermals darum, seinen Sohn gemeinsam mit einem der Nachbarskinder in einen der zwei bevorzugten Kindergärten unterzubringen und zur Zuteilung einen anfechtbaren Entscheid zu fällen (das Schreiben liegt der Limmattaler Zeitung vor).

In mehreren Punkten begründete das Elternpaar, weshalb sein Sohn nicht in die Einheit Zentral I eingeteilt werden soll: Auf einer Strecke von über 1100 Metern bis zur Schulstrasse stehen die stark befahrene Bremgartenstrasse, das parallel dazu verlaufende Bahntrassee der Bremgarten-Dietikon-Bahn, die Guggenbühlstrasse und die Schöneggstrasse im Weg. Zwar sind Schmidt und seine Frau durchaus bereit, ihren Sohn in der ersten Zeit zu begleiten, um den Weg zu üben. «Doch diese Route ist zu lange und zu gefährlich, um ihn alleine gehen zu lassen», so der Vater. Die Eltern hätten ihn daher regelmässig zum Kindergarten und zurück nach Hause bringen müssen. Dadurch würde auch die Mittagssituation für den Rest der Familie stark beeinträchtigt, schrieb Schmidt in seinem Gesuch.

Die Schulpflege lehnt ab

Ende Juni lehnte die Schulpflege dieses Gesuch ab. Die Begründung: Der Schulweg in den Kindergarten Zentral könne einem viereinhalbjährigen Kind zugemutet werden. Ausserdem sei mit der Aufteilung der fünf Kinder auf die zwei Kindergärten der gemeinsame Schulweg nach wie vor gewährleistet. Und schliesslich führt die Schulpflege auch das Argument an, dass bei der Zuteilung neben dem Schulweg auch auf die Ausgewogenheit der Klassen geachtet werde.

Alle fünf Elternpaare fochten den Entscheid vor dem Bezirksrat an. Und dieser gab ihnen recht: Im Urteil zum Fall von Schmidts Sohn (liegt der Limmattaler Zeitung vor) schreibt der Bezirksrat etwa, in seiner Gesamtheit sei der Weg zur Schulstrasse «für ein Kind im Kindergartenalter» nicht zumutbar. Neben der Länge von 1100 Metern liess ihn vor allem der Umstand zu diesem Schluss kommen, dass die zwei zu überwindenden Gefahrenstellen unterschiedliche Verhaltensweisen und somit eine komplexere Verkehrserziehung erforderten. Während nämlich an der Bremgartenstrasse auf der Höhe der Bahnhaltestelle Bergfrieden ein Fussgängerstreifen mit Lichtsignal besteht, müssten die Kinder bei der Guggenbühl- und Schöneggstrasse selbst beurteilen, wann das Betreten der Fahrbahn sicher genug ist. Aus diesen Gründen sei «die Zuteilung zum Kindergarten Zentral I aufzuheben», schreibt der Bezirksrat.

«Es geht um Leben und Tod»

Schmidt ist über den Entscheid des Bezirksrats erleichtert. Er macht den Behörden aber grosse Vorwürfe: «Es erschreckt uns, dass die Schulpflege das Sicherheitsbedürfnis unserer Kleinsten so anders beurteilt. Es geht hier schliesslich um Leben und Tod», sagt er. Die Stadt habe ausserdem schon seit Jahren vom Bauprojekt an der Guggenbühlstrasse gewusst, es aber versäumt, sich frühzeitig um eine quartiernahe Standortalternative des dortigen Kindergartens zu kümmern. Moralisch sehen die Eltern die Behörden in der Pflicht, die Schulwege im Einzugsgebiet des geschlossenen Kindergartens sicherer zu machen. Denn: «Die Stadt weiss nun um dieses Problem. Und auch nächstes Jahr werden vermutlich nicht alle Kinder im Quartier in den Einheiten Lachen und Bergstrasse Unterschlupf finden», sagt Schmidt.

Die Dietiker Schulabteilung richtet auf Anfrage aus, dass sie sich zu individuellen Zuteilungsentscheiden nicht öffentlich äussert. Falls das Urteil des Bezirksrats aber Anpassungen an der Zuteilungspraxis impliziere, werde die Schulpflege diese vornehmen und auch entsprechend kommunizieren.