Bezirksgericht Dietikon
«Sie sind der Albtraum»: Die drei Schläger von Urdorf müssen insgesamt 23,5 Jahre lang in den Knast

Einer der drei Kosovaren muss wegen versuchter Tötung zwölf Jahre hinter Gitter – die zwei anderen weniger lange, weil sich ihnen kein Tötungsvorsatz nachweisen lässt. Speziell: Zwei der drei Täter kommen jetzt auf freien Fuss, bis das Urteil rechtskräftig ist.

David Egger
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Ab in die Zelle: Der Gewaltexzess von Urdorf hat mehrjährige Freiheitsstrafen zur Folge.

Ab in die Zelle: Der Gewaltexzess von Urdorf hat mehrjährige Freiheitsstrafen zur Folge.

Gaetan Bally / Keystone

Es war ein schwieriger Fall für das Bezirksgericht Dietikon. Das zeigte sich bei der Urteilsverkündung am Mittwochabend. Sie war angesagt auf 17.30 Uhr. Doch das Gericht, das seit Dienstagmittag für die Urteilsberatung Zeit hatte, benötigte nochmals 50 Minuten extra. Dann war es so weit: Das Gesetz zeigte, dass es mächtiger ist als die rohen Faustschläge und Fusstritte.

Der vorsitzende Richter Benedikt Hoffmann verkündete das Urteil gegen die drei Kosovaren aus dem Kanton Zug, die in der Nähe des Urdorfer Panorama-Clubs einen brutalen Rachefeldzug gegen zwei Brüder begangen hatten, nachdem diese beiden zuerst mit Fäusten und einer Metallstange auf die drei späteren Täter losgegangen waren. Der Rachefeldzug eskalierte völlig, die beiden Opfer blieben regungslos auf dem Parkplatz beim Panorama-Club liegen. Nur dem Zufall war es zu verdanken, dass es zu keinen schwerwiegenden und lebensgefährlichen Verletzungen kam – zu diesem Schluss war ein rechtsmedizinisches Gutachten gekommen.

Der älteste Täter erhält die härteste Strafe

Der 45-jährige Täter wird am härtesten bestraft. Er muss zwölf Jahre lang in den Knast wegen mehrfach versuchter vorsätzlicher Tötung. Zudem wird er für zwölf Jahre des Landes verwiesen.

Der 36-jährige Täter erhält eine vierjährige Freiheitsstrafe aufgebrummt wegen mehrfach versuchter schwerer Körperverletzung. Dazu kommen acht Jahre Landesverweis.

Das Bezirksgericht Dietikon verweist zwei der drei Täter des Landes.

Das Bezirksgericht Dietikon verweist zwei der drei Täter des Landes.

Alex Spichale

Der dritte Täter darf bleiben, weil er den roten Pass hat

Und der 39-jährige Täter kassiert siebeneinhalb Jahre Freiheitsstrafe. Er ist der einzige, der nicht des Landes verwiesen wird. Sein Glück ist, dass er auch den Schweizer Pass hat, seit er im Kanton Zug eingebürgert wurde.

Bei den anderen beiden ohne Schweizer Pass fällt das öffentliche Interesse an einem Landesverweis stark ins Gewicht.

«Ihnen will man nicht des Nachts auf einem Parkplatz begegnen. Sie sind der Albtraum jedes Partygängers»,

sagte Bezirksrichter Hoffmann unter anderem. Die zahlreichen Vorstrafen zeigten zudem, dass beide einfach nicht wüssten, wie man sich in der Schweiz benehme. Die Landesverweise der beiden Täter werden auch im Schengener Informationssystem ausgeschrieben. Das heisst: Nicht nur die Türen der Schweiz bleiben zu, sondern auch die zahlreicher weiterer europäischer Länder.

Bald haben die Schläger schon zwei Jahre der Strafe abgesessen

Einen Teil der Strafe haben die drei Schläger – deren Tat von einer Überwachungskamera aufgenommen wurde – bereits abgesessen. Sie sind nämlich alle drei schon seit Mitte Oktober 2019 in Haft.

Bezüglich des Haupttäters sagte Hoffmann:

«Hier spricht alles dafür, dass er den Tod bewusst in Kauf genommen hat, und zwar von beiden Opfern.»

Hoffmann weiter: «Es gibt einen Moment, der alle Zweifel beseitigt und das ist ganz am Schluss des Überwachungsvideos. Nämlich dann, als er nochmals zum wehrlosen, regungslosen und blutüberströmten Opfer zurückgeht und es zurechtlegt, damit er auf jeden Fall trifft, und dann mehrmals direkt auf den Kopf stampft. Da muss man damit rechnen, dass die Person, die in den Boden gestampft wird, stirbt. Es ist ein Wunder, dass hier nicht mehr passiert ist.»

Wichtiges Beweismittel: Eine Überwachungskamera nahm den Gewaltexzess auf.

Wichtiges Beweismittel: Eine Überwachungskamera nahm den Gewaltexzess auf.

Max Tinner

Ein Täter hielt einen anderen davon ab, mit der Holzlatte zuzuschlagen – das sprach gegen einen Tötungsvorsatz

Bei den anderen beiden Tätern lasse sich kein Tötungsvorsatz nachweisen, urteilte das Gericht. Der 36-Jährige habe grundsätzlich einen relativ kleinen Beitrag geleistet. Und beim 39-Jährigen waren die härtesten Schläge am Anfang des Geschehens, als der Zustand der Opfer noch besser war. Hoffmann: «Er musste dann noch nicht damit rechnen, dass seine Schläge zum Tod führen können. Zudem hielt er einen anderen Täter davon ab, mit der Holzlatte zuzuschlagen. In diesem Sinn kann man sagen, dass er dafür besorgt war, dass nicht das Schlimmste eintritt. Daher können wir nicht mit letzter Sicherheit sagen, dass er einen Tötungsvorsatz hatte – aber es ist ein Grenzfall.»

«Eine Verachtung von Menschenleben, die erschreckt»

Hoffmann sprach von einem «brutalen Vorgehen» und von einem «völlig irrationalen Gewaltexzess» und einer «Verachtung von Menschenleben, die erschreckt». Die Urteilsverkündung dauerte über eine Stunde. Ein Anwalt stellte bereits am Mittwochabend in Aussicht, dass er den Fall ans Obergericht weiterziehen wird.

Der grosse Saal des Zürcher Obergerichts: Landet der Gewaltexzess von Urdorf bald auch noch vor den Oberrichtern?

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Alessandro Della Bella / Keystone

Warum zwei der drei Täter jetzt auf freien Fuss kommen

Am Donnerstag werden die beiden Täter, die etwas weniger hart bestraft wurden, auf freien Fuss gesetzt. Sie müssen ihre Strafe erst antreten, wenn das rechtskräftige Urteil vorliegt. Bis dahin könnte es noch lange dauern, falls die Anwälte das Urteil des Dietiker Bezirksgerichts tatsächlich ans Zürcher Obergericht weiterziehen. Weder das Bezirksgericht noch die Staatsanwaltschaft gehen bei diesen Tätern von einer grossen Fluchtgefahr aus.

Der Haupttäter allerdings muss zur Sicherheit in Haft bleiben - zu gross wäre bei ihm die Gefahr, dass er flieht, um seiner Strafe zu entkommen. Anders gesagt: Er darf erst in den Kosovo, wenn er seine zwölf Jahre Knast abgesessen hat.

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