Bezirksgericht Dietikon
Mit 140 km/h unterwegs: Schuldig – auch ohne Radarblitz

Ein Töfffahrer, der ausgangs Birmensdorf zu schnell fuhr, erhält vom Bezirksgericht Dietikon eine bedingte Geldstrafe.

Louis Probst
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Der Beschuldigte fuhr wohl mit einer Geschwindigkeit von leicht unter 140 km/h.

Der Beschuldigte fuhr wohl mit einer Geschwindigkeit von leicht unter 140 km/h.

Symbolbild: Donato Caspari

Vor 3½ Jahren waren zwei Motorradfahrer ausgangs Birmensdorf in eine Radarkontrolle geraten. Geblitzt wurde aber nur der hintere Töff – bei brutto 150km/h. Das im zeitlichen Abstand von ein bis zwei Sekunden vorausfahrende Motorrad erschien bloss kurz im Video. Ein Blitz blieb aus. Während der geblitzte Töfffahrer längst abgeurteilt ist, stand sein Kollege erst kürzlich vor dem Bezirksgericht Dietikon.

Wie bereits in der Untersuchung blieb der junge Mann in der Befragung durch Bezirksgerichtspräsident Stephan Aeschbacher dabei, das Motorrad nicht selber gelenkt zu haben. Er sei Halter der Maschine. Gefahren sei aber ein Cousin, dem er das Motorrad ausgeliehen habe. Auf die Frage, weshalb er in der Untersuchung andere Personen als mögliche Fahrer bezeichnet und erst nachträglich den Cousin ins Spiel gebracht hätte, meinte der Beschuldigte: «Ich wollte keine Konflikte in der Familie.»

Zur Frage, weshalb der Töfffahrer, mit dem er unterwegs war, ihn beschuldigt habe, das Motorrad gelenkt zu haben, erklärte er: «Damit bin ich nicht einverstanden. Aber das müssen Sie ihn fragen.»

«Fahrt mit horrender Geschwindigkeit»

Der Staatsanwalt forderte in Anwendung des sogenannten Raserartikels wegen qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsregeln eine bedingte Freiheitsstrafe von 15 Monaten. «Die grosse Frage ist, wer das Motorrad gelenkt hat», sagte er. «Die Aussagen des Beschuldigten überzeugen nicht. Es gibt keinen Anlass, an den Aussagen des andern Motorradfahrers zu zweifeln, der bei dieser merkwürdigen Fahrt mit horrender Geschwindigkeit dabei war.»

Auch Indizien wie ein Chat auf dem Handy des Beschuldigten, bei dem es um Geschwindigkeitsbussen ging, oder die Einordnung des Vorfalles in den Tagesablauf des Beschuldigten würden dafür sprechen, dass dieser das Motorrad gelenkt habe.

Der Verteidiger forderte einen Freispruch

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch. Zudem sei festzuhalten, dass die lange Dauer des Verfahrens gegen das sogenannte Beschleunigungsgebot verstosse. Sein Mandant habe das Motorrad öfters ausgeliehen, machte er geltend. Die Aussagen des anderen Motorradfahrers seien absurd.

Er monierte, dass keine Abklärungen zum Cousin angestellt worden seien. Zudem trage sein Mandant ausschliesslich einteilige Kombis. Die auf dem Video sichtbare Person habe jedoch eine Jacke getragen. «Statur und Kleidung passen nicht», argumentierte der Verteidiger. «Der Beschuldigte kann es nicht gewesen sein.»

Die Angaben der Anklage zur Geschwindigkeit bezeichnete der Verteidiger als aktenwidrig. «Es ist nicht erstellt, dass das erste Motorrad mit gleicher Geschwindigkeit gefahren ist wie das zweite. Der Videoausschnitt reicht nicht als Beweis. Daher muss ein Freispruch erfolgen.»

Für die Umtriebe und die Einschränkungen durch den zu Unrecht erfolgten Entzug des Fahrausweises sei seinem Mandanten eine Genugtuung von 3000 Franken auszurichten. In einem Eventualantrag verlangte der Verteidiger, dass sein Mandant bei einem Schuldspruch wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Geldstrafe zu verurteilen sei.

«Das Verschulden ist nicht mehr leicht»

Das Gericht folgte diesem Antrag und verurteilte den Beschuldigten zu einer bedingten Geldstrafe von 270 Tagessätzen zu je 120 Franken. Zudem muss er die Kosten tragen. «Für das Gericht gibt es keine Indizien, die gegen die Aussage des anderen Motorradfahrers sprechen», erklärte der Vorsitzende. «Aber es gibt Indizien – so die Chats – die gegen den Beschuldigten sprechen. Auch war die Fahrt sehr wohl mit dessen Arbeitszeiten vereinbar.»

Bei der Geschwindigkeit müsse jedoch von einer gewissen Ungenauigkeit ausgegangen werden, weil keine Messung ausgelöst worden sei, sagte Aeschbacher. Gemäss Polizei hätte allenfalls ein Gutachten erstellt werden müssen. Zu Gunsten des Beschuldigten sei von einem Tempo leicht unter 140km/h auszugehen. Daher falle die Raserbestimmung weg. «Damit», so Aeschbacher, «ist von einer groben Verletzung der Verkehrsregeln auszugehen, wobei das Verschulden nicht mehr leicht wiegt.»