Bezirksgericht Dietikon
Irakischer Verbrecher lockte junge Freundin auf die schiefe Bahn – bis im Starbucks am Sihlquai die Handschellen klickten

Ein vorbestrafter Iraker handelte mit Kokain und einer Fake-Rolex. Seine Schlieremer Freundin nutzte er eiskalt aus – mit drastischen Folgen.

David Egger
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Einmal Kriminelle to go, bitte – in diesem Kaffeehaus am Sihlquai beim Zürcher Hauptbahnhof schlug die Polizei nach äusserst gründlichen Ermittlungen zu.

Einmal Kriminelle to go, bitte – in diesem Kaffeehaus am Sihlquai beim Zürcher Hauptbahnhof schlug die Polizei nach äusserst gründlichen Ermittlungen zu.

Severin Bigler

Unter 20 war sie. Der Tatort: ein Traditionsrestaurant in der Zürcher City. Dort war die Schweizerin in Ausbildung. Und klaute ein Serviceportemonnaie. Inhalt: über 15’000 Franken. Das Geld gab sie ihrem Freund ab. Der heute 26-jährige Iraker ist mehrfach vorbestraft, sass wegen Gewaltdelikten auch im Massnahmezentrum Uitikon.

Wenige Monate nach dem Diebstahl verführte er seine Liebschaft wieder. Es war Frühling, 2020. Rund 50 Gramm Kokain versteckte sie für ihn in einer Socke in ihrem Zimmer in Schlieren. Die Sache flog auf, der Mann wurde rund 20 Tage inhaftiert, die Frau zwei Tage.

Er wollte eine Rolex-Fälschung aus Albanien verkaufen

Kaum war er wieder frei, wollte der Iraker seine gute Dienerin erneut benutzen. So spannte er sie ein, um einem Ahnungslosen eine gefälschte Rolex für rund 30’000 Franken zu verkaufen. Den Import des Päcklis mit der Fake-Rolex aus Albanien bezahlte seine Freundin. Sie und der Iraker sollten Schmiere stehen, währenddem ein Kollege dem dummen Käufer die Uhr gibt und das Geld einsackt. Der Tatort: der Starbucks am Sihlquai, zwischen Car-Parkplatz und Hauptbahnhof.

Garantiert echt und keine Fälschung: Diese Platin-Rolex wurde an der Baselworld 2015 ausgestellt.

Garantiert echt und keine Fälschung: Diese Platin-Rolex wurde an der Baselworld 2015 ausgestellt.

Martin Toengi

Der angebliche Käufer war nicht dumm, sondern ein Polizist in Zivil. Die Kantonspolizei ­hatte Verdacht geschöpft, als sie das Rolex-Verkaufsinserat auf www.tutti.ch sah. Im Kaffeehaus verhaftete sie das kriminelle Paar. Das ist nun gut ein Jahr her.

Während die Frau nach einem Monat wieder freikam, lebt ihr Verführer seither hinter Gittern. Das bleibt noch eine ganze Weile so. Denn gestern Montag verurteilte das Bezirksgericht Dietikon das Duo.

Knast statt Kaffee.

Knast statt Kaffee.

Chris Iseli

Wegen Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Diebstahl und Gehilfenschaft zu versuchtem Betrug erhält die junge Frau zwölf Monate Freiheitsstrafe und eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 30 Franken – beides nur bedingt. Die Frau war erstmals überhaupt straffällig geworden. «Liebe macht blind», sagte einer der Staatsanwälte bei der Gerichtsverhandlung letzte Woche.

Im Februar 2024 soll der Mann zurück in den Irak

Der Geliebte, mehrfach vorbestraft, erhielt 44 Monate Freiheitsstrafe, acht Jahre Landesverweis und 100 Franken Busse wegen Verbrechen gegen das Betäubungsmittelgesetz, Übertretung desselbigen, Anstiftung zum Diebstahl, Hehlerei, Geldwäscherei und versuchtem Betrug. Da er schon 13 Monate inhaftiert ist, wird er, wenn alles so bleibt, im Februar 2024 seine Strafe abgesessen haben. Dann soll er zurück in sein Geburtsland, den Irak, gebracht werden.

Der Tahrir-Platz in der irakischen Hauptstadt Baghdad am vergangenen Sonntag – es kommt derzeit zu Protesten.

Der Tahrir-Platz in der irakischen Hauptstadt Baghdad am vergangenen Sonntag – es kommt derzeit zu Protesten.

Keystone

In der Urteilsbegründung erklärte Richter Benedikt Hoffmann, die Strafe müsse dem Täter «heftig weh tun». Aber das Gericht wisse nicht, ob das etwas nütze. Anders gesagt: Es ist wohl Hopfen und Malz verloren.

Die obligatorische Landesverweisung mussten die Richter nicht lange diskutieren. Von Integration oder einem Härtefall könne nicht die Rede sein. Der Mann spricht zwar Mundart, aber das ist alles.

«Er hat gezeigt, dass er nicht weiss, wie man sich hier benimmt»,

sagte Hoffmann und verwies darauf, dass der Mann straffällig wurde, kaum war er aus dem Massnahmenzentrum Uitikon entlassen.

Immer wieder beleidigte er die Ermittlungsbehörden

Auch betonte Hoffmann die grosse kriminelle Energie des Mannes, die sich bei der Planung des Uhrenverkaufs zeigte. Er hielt fest, dass der Mann seine Kollegen – «und noch schlimmer, die Freundin» – «eiskalt instrumentalisiert» habe, was «sehr verwerflich» sei. Weiter sagte Hoffmann:

«Wir haben hier jemanden, der an Unverfrorenheit und Kaltblütigkeit kaum zu überbieten ist.»

Hoffmann erzählte, dass der Täter während den Ermittlungen oft Polizei und Staatsanwaltschaft beleidigte. Vom Richter erhielten die Ermittler hingegen für einmal viel Lob. Sie hätten in diesem Fall «hervorragende Arbeit» geleistet.

«Hervorragende Arbeit»: Richter Benedikt Hoffmann lobte die Polizei und die Staatsanwaltschaft für ihre akribische Arbeit in diesem Fall.

«Hervorragende Arbeit»: Richter Benedikt Hoffmann lobte die Polizei und die Staatsanwaltschaft für ihre akribische Arbeit in diesem Fall.

Keystone

Junge Frau erhält zweite Chance – und einen Tipp

Als der Richter beim Urteil betonte, wie der Täter die Frau ausnutzte und in einem Chat mit Kollegen als «Futz» betitelte, unterbrach der Iraker den Richter mehrmals. Dieser liess ihn subito von den zwei Polizisten aus dem Gerichtssaal entfernen.

Die Frau nahm ihr Urteil mit Fassung. Hoffmann redete ihr ins Gewissen:

«Sie haben sich wegen ihm auf die schiefe Bahn begeben. Ohne ihn wären Sie nicht hier, er hat Sie eiskalt ausgenutzt. Jetzt haben Sie einen wüsten Eintrag im Strafregister.»

Bewährt sie sich aber in den zwei Jahren Probezeit, ist der Eintrag zum Beispiel für künftige Arbeitgeber nicht mehr sichtbar.

«Sie sind jetzt ein bisschen den Abhang hinuntergerutscht. Schauen Sie, dass Sie jetzt nicht abstürzen. Sie sind noch sehr jung.»

Mit dem bestohlenen Restaurant hat die Frau die Rückzahlung des entwendeten Geldes vereinbart. «Ergreifen Sie die Chance auf ein normales Leben», sagte der Richter, «vielleicht mit jemandem, der Sie respektiert.»

«Ergreifen Sie die Chance auf ein normales Leben», sagte der Richter zur verurteilten jungen Frau, «vielleicht mit jemandem, der Sie respektiert.»

«Ergreifen Sie die Chance auf ein normales Leben», sagte der Richter zur verurteilten jungen Frau, «vielleicht mit jemandem, der Sie respektiert.»

Bettina Hamilton-Irvine