Justiz
Bezirksgericht Dietikon - Abrechnung oder erlaubte Notwehr?

Das Bezirksgericht behandelt einen umstrittenen Vorfall: Laut Anklage hat ein junger Autolenker in Dietikon einen Kampfsportler absichtlich angefahren und verletzt. Gemäss Verteidigung handelte es sich um pure Notwehr.

Attila Szenogrady
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Bezirksgericht Dietikon.

Bezirksgericht Dietikon.

Limmattaler Zeitung

Seit gestern stehen am Bezirksgericht Dietikon zwei Wahrheiten zur selben Sache zur Debatte. Die erste Version lieferte die Staatsanwaltschaft Limmattal/Albis, die einem heute 24-jährigen Autolenker nicht nur Gefährdung des Lebens, sondern auch Körperverletzung sowie grobe Verletzung von Verkehrsregeln anlastete.

Der beschuldigte Mazedonier fuhr in der Nacht auf den 8. Juli 2012 zusammen mit einigen Kollegen nach Dietikon, um einen Kampfsportler vor dessen Wohnort abzupassen. Der Limmattaler und die Autoinsassen waren sich kurz vorher in Zürich gegenseitig die Haare geraten.

Nun trafen die Parteien aufeinander. Laut Anklage drückte der Beschuldigte auf das Gaspedal und fuhr mit einer Geschwindigkeit zwischen 30 km/h und 40 km/h gegen den auf der Strasse stehenden Gegner los. Der Kampfsportler reagierte geistesgegenwärtig und sprang in die Höhe. Dabei flog er gegen die Windschutzscheibe und wurde über das Autodach auf die Strasse geschleudert.

Der Geschädigte drehte sich während des Sturzes geschickt ab und kam mit einer Beule an der Stirn, einer Rissquetschwunde an der rechten Hand sowie mit einer Fussverletzung davon. «Hätte der Geschädigte nicht als trainierter Kampfsportler eine über dem Durchschnitt liegende athletische Konstitution und Reflexschnelligkeit besessen, wäre er vom Fahrzeug des Beschuldigten frontal erfasst und überfahren worden», schrieb der zuständige Staatsanwalt, der von einer unmittelbaren Lebensgefahr sprach und dem Lenker ein rücksichtsloses Verhalten ankreidete. Der Strafantrag fiel allerdings angesichts der schweren Vorwürfe mit einer unbedingten Geldstrafe von 270 Tagessätzen zu 30 Franken, also 8100 Franken, eher milde aus.

Der Rechtsanwalt des Geschädigten fand deutlichere Worte für den Vorfall: «Mein Klient wurde vom Auto des Beschuldigten einfach über den Haufen gefahren», plädierte er und verlangte eine Genugtuung von 2000 Franken.

«Kläger kam mit dem Messer»

Völlig anders sahen es der vorbestrafte Autolenker und seine Verteidigerin Patricia Jucker. Beide machten erlaubte Notwehr geltend und forderten einen Freispruch. «Der Privatkläger kam mit einem Messer in der Hand auf mein Auto zu, ich hatte Todesangst», beteuerte der Beschuldigte. Die Anwältin unterstrich zudem, dass es für die angebliche Geschwindigkeit des Fahrzeugs keine Beweise gebe. Ebenso wenig sei erstellt, dass die Verletzungen vom Sturz stammten.

Aufgrund der widersprüchlichen Anträge und diverser zu prüfenden Zeugenaussagen wird das Urteil voraussichtlich erst nächste Woche eröffnet.