Limmattal
Betreibungsbeamter: «Ich wurde mit einer Axt bedroht»

Roger C. Richard ist gerne Betreibungsbeamter, obschon es in seinem Beruf auch unangenehme Situationen gibt. Schon zwei Mal wurde er mit Waffen bedroht - passiert ist ihm glücklicherweise nichts.

Sandro Zimmerli
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Roger C. Richard während eines Gesprächs in seinem Büro. zim

Roger C. Richard während eines Gesprächs in seinem Büro. zim

Limmattaler Zeitung

Ein Gang in das Büro von Roger C. Richard und seinem dreiköpfigen Team erfolgt meist nicht aus freien Stücken. «Viele Besucher wären froh, hätten sie nichts mit uns zu tun», sagt er selber. Trotzdem übt er seinen Beruf gerne aus und das schon seit rund 17 Jahren. In Geroldswil hat er die Stelle des Betreibungsbeamten und Gemeindeammann vor sieben Jahren angetreten.

Mittlerweile ist er in dieser Funktion für die Gemeinden Weiningen, Geroldswil sowie Oetwil zuständig und hat dabei Fälle behandelt, die für viele Leute nicht nachvollziehbar sind. Auch Richard muss den Kopf schütteln, als er die Geschichte eines Firmeninhabers erzählt, der monatlich 16 000 Franken verdient, in einer Villa wohnt und ein teures Auto fährt. «Trotz dieses hohen Einkommens kann er seine Steuern und seine Krankenkassenprämie nicht bezahlen. Wir mussten deshalb einen Teil seines Lohns pfänden», sagt Richard. Die Gründe für die Misere kenne er nicht. Er könne spekulieren, dass ein kostspieliges Hobby dahinter stecke.

Immer mehr jugendliche Schuldner

Andere Fälle, die den Betreibungsbeamten immer öfters beanspruchen, sind Verschuldungen bei jungen Menschen. Einen Hauptgrund für deren finanzielle Probleme sieht er in der immer stärker werdenden Konsumorientierung in der Gesellschaft. «Immer mehr Leute beziehen eine Leistung im Voraus ohne sich Gedanken zu machen, wie sie diese später bezahlen sollen», so Richard. Vielfach würden sich Leute durch den Kauf von teuren Prestige- und Markenartikeln verschulden, die man eigentlich gar nicht benötige. Er finde es schade, dass die Gesellschaft immer stärker in diese Richtung tendiere, «Mein Job bietet aber leider nicht die Möglichkeit, diese Entwicklung zu korrigieren», hält er fest. Früher sei es eine Schande gewesen, auf das Betreibungsamt aufgeboten zu werden. Heutzutage sei das nicht mehr bei allen seinen Klienten so. Es gebe sogar solche, die es bewusst darauf anlegen würden.

«Es gibt Leute, die kaufen auf Rechnung ein, obschon sie bereits wissen, dass sie diese nicht begleichen können. Juristisch gesehen ist das bereits Betrug», so Richard. In den meisten Fällen würde es sich um Leute handeln, die bereits auf Sozialhilfe angewiesen seien. Sie würden darauf spekulieren, dass sich der Gläubiger nachgiebig zeige. Allerdings sei ein solcher Betrugsversuch schwer nachweisbar.

Zum Glück haben die wenigsten Leute, die aufs Betreibungsamt aufgeboten werden, böse Absichten, sagt Richard. Viele seien unverschuldet in solche Situationen geraten. «Ich bearbeite einen Fall eines 58-jährigen Mannes, dem gekündigt wurde und der nicht mehr alle Rechnungen begleichen kann. Für Leute in diesem Alter ist es oft schwierig, nochmals einen Job zu finden», so der Betreibungsbeamte. Ähnlich ergehe es einer Frau, die 30 Jahre lang in einer Anwaltspraxis gearbeitet und nun die Kündigung erhalten habe, weil der Anwalt seinen Ruhestand antrete. «Das ist sozialtechnisch ein Desaster. Die Frau hat 30 Jahre lang alle ihre Rechnungen pünktlich bezahlt», sagt Richard. Dies seien Fälle, die ihm wehtun würden. Dennoch müsse er in seinem Job Distanz halten.

Ein ungeladenes Sturmgewehr

«Ich bin eigentlich ein sehr sozialer Mensch. Meine Freunde und Bekannten wissen, dass sie mich bei Problemen um Rat fragen dürfen», hält er fest. Seinen Beruf müsse er aber klar vom Privatleben trennen. Oft sei man im Beruf unangenehmen Situationen ausgesetzt. Beispielsweise wenn er provoziert werde. «Man darf nicht darauf eingehen, darf keine Angriffsfläche bieten», so Richard. Überhaupt würde er sein Vorgehen als eher defensiv bezeichnen. Vor allem dann, wenn er in der Funktion des Gemeindeammanns Ausweisung vornehmen müsse, also einen unwilligen Mieter auf Anweisung des Gerichts aus einer Wohnung ausweisen muss. Das komme etwa viermal pro Jahr vor.

«In solchen Fällen gehe ich normalerweise nicht alleine und biete zum Schutz die Polizei auf», sagt Richard. Man wisse nie, was einem erwarte. Glücklicherweise sei noch nie etwas Schlimmes passiert, obschon er zwei Mal bedroht worden sei. «Einmal mit einem Sturmgewehr. Dass es ungeladen war, erfuhr ich erst später. Das andere Mal wurde ich mit einer Axt bedroht», hält er fest. Beide Situationen hätten entschärft werden können. «Zu Beginn meiner Ausbildung zum Betreibungsbeamten besuchte ich einige Psychologiekurse, die mich auf solche Situationen vorbereiten» sagt Richard. Auch privat interessiere er sich für Psychologie und Philosophie. Er versuche jeweils so aufzutreten, dass die Situation nicht eskaliere.

In 40 Prozent der Fälle wird gezahlt

Oft laufen die Gespräche oder Pfändungen in geordneten Bahnen ab. Am Verfahrensbeginn steht jeweils ein Betreibungsbegehren eines Gläubigers. Dieses wird formalrechtlich vom Betreibungsamt geprüft. Es wird kontrolliert ob der Name des Schuldners, der Grund für das Gesuch und der Betrag, um den es sich handelt im Begehren aufgeführt ist. «Das Betreibungsamt setzt dann den Zahlungsbefehl auf und stellt diesen dem Schuldner zu und zwar durch einen Zustellungsbeamten, der mit seiner Unterschrift bezeugt, dass die betroffene Person das Schreiben erhalten hat», erklärt Richard. Der Schuldner habe nach Erhalt 20 Tage Zeit, den geschuldeten Betrag zu zahlen oder zehn Tage Zeit von einem Rechtsvorschlag Gebrauch zu machen – das bedeute, dass sich dann der Richter um die Angelegenheit kümmern müsse.

«In rund 40 Prozent der Fälle wird gezahlt», so Richard. In den anderen Fällen würde von den Gläubigern ein Fortsetzungsbegehren gestellt. Darauf hin stelle das Betreibungsamt dem Schuldner die Pfändungsankündigung zu. «Im Gespräch mit dem Schuldner wird bei ihm zu Hause überprüft, welche Gegenstände noch von gewissem Wert sind, die man dann pfändet und im Gantlokal versteigert», hält Richard fest.

Meist wird der Lohn gepfändet

Solche Pfändungen kämen allerdings immer weniger vor, da beispielsweise elektronische Artikel immer billiger würden und diese bei einer Versteigerung abzüglich der Transport- und Verwertungskosten kaum etwas einbringen würden. Zudem gebe es gewisse Gegenstände – wie das Bett, den Esstisch, den Kleiderschrank oder das Radio – welche nicht gepfändet werden dürfen. Dies seien Dinge, die jedermann zum Leben brauche. Ein Fernsehen falle nicht darunter. «Das Radio überlässt man dem Schuldner aber nicht, damit er Musik hören könne. Die Regel stammt noch aus Kriegszeiten, als eine allfällige Mobilmachung übers Radio verkündet worden wäre», so Richard. In den meisten Fällen nehme das Betreibungsamt Lohnpfändungen vor, wobei ein durch das Betreibungsamt bestimmter Anteil des Lohnes gepfändet werde. Der Betriebene müsse während der Lohnpfändung mit dem Existenzminimum auskommen, bis die Schulden abbezahlt seien.

Nebst den gemeindeammannamtlichen Geschäften, wie Befundaufnahmen, Ausweisungen aus Mietobjekten oder Beglaubigungen bearbeitet das Team um Richard rund 3100 Betreibungsfälle pro Jahr, Tendenz steigend.