Wenn die Baslerin Anna Rossinelli am 10. Mai auf der Eurovisions-Bühne in Düsseldorf «In Love for a while» trällert, hätte gerade so gut eine Dietikerin im internationalen Rampenlicht stehen können. Denn mit ihrem selbst komponierten Song «Confidence» gewann Bernarda Brunovic in der Schweizer Ausscheidung für den Eurovision Song Contest im Dezember die Herzen vieler Menschen – wenn es auch für einen Sieg nicht ganz reichte.

«Sie nimmt alles, wie es kommt»

Doch darüber grämt sich Bernarda Brunovic, gerade 18 Jahre alt geworden, nicht. Auch nicht angesichts des nahenden Grossanlasses und des Gedankens daran, wie wenig gefehlt hat, dass sie selber in wenigen Tagen den bisher aufregendsten Auftritt ihres Lebens hätte erleben dürfen. «Alles hat seinen Grund. Wahrscheinlich hat es für mich einfach noch nicht sein müssen», sagt sie mit einer für ihr junges Alter überraschenden Abgeklärtheit. Sie sitzt in einem Dietiker Café und trinkt Apfelsaft. «Bernarda nimmt alles, wie es kommt», sagt ihre 28-jährige Schwester Manuela Tobler, die neben ihr sitzt. «Ihre Gelassenheit ist unglaublich.»

Bernarda Brunovic lacht: «Manchmal wundere ich mich über mich selber.» Doch seien ihr Konkurrenzgedanken fremd. Sie sei an die Ausscheidung für den Song Contest gefahren, weil sie ein Lied und eine Botschaft gehabt habe. Beides liege ihr am Herzen. Der Sieg hingegen sei nicht das Wichtigste, sagt Bernarda Brunovic: «Ich wünsche Anna Rossinelli von Herzen alles, alles Gute.» Neidisch auf die Basler Sängerin sei sie in keiner Weise, sagt Bernarda Brunovic – und gerät sogleich, wie um es zu beweisen, ins Schwärmen. «Annas Stimme hat mich schon damals bei ihrem Auftritt. Sie versuche immer wieder, sich von anderen Stimmen, die ihr gefallen, inspirieren zu lassen, um ihr eigenes Spektrum zu erweitern.

Sowieso arbeite sie ständig daran, musikalisch weiter zu kommen, erklärt Bernarda Brunovic, die seit fünf Jahren selber Songs komponiert. Musik begleite sie täglich: Sei es beim Joggen aus dem iPod, am Morgen aus dem Radio, zwischendurch beim Komponieren oder wenn sie ein Pause beim Lernen brauche. «Dann sitze ich schnell ans Keyboard oder spiele ein Stück auf der Gitarre. Das gibt mir wieder neue Energie», strahlt sie.

CD und Auftritt mit Pepe Lienhard

Hat ihr Auftritt im Schweizer Fernsehen sie denn ihrem Traum von einer Karriere als Berufsmusikerin näher gebracht? Die Dietiker Gymnasiastin – sie wird in gut zwei Jahren die Matura machen – drückt sich vorsichtig aus: «Das ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall bin ich auf dem richtigen Weg.» Zuerst wolle sie nun einmal die Schule abschliessen, danach plane sie möglicherweise ein Studium an einer Musikhochschule. Der grosse Rummel um ihre Person habe nach ihrem Fernsehauftritt auf jeden Fall etwas nachgelassen, sagt sie. Doch trete sie nach wie vor regelmässig auf. «Nur der Rahmen hat sich geändert», gibt ihre Schwester zu bedenken. Während Bernarda früher vor allem in der Kirche oder an Hochzeiten aufgetreten sei, werde sie nun auch von Parteien oder Veranstaltern gebucht. So singe sie im September zum Beispiel mit Pepe Lienhard am Dietiker Big-Band-Festival.

Zurzeit arbeitet die stimmgewaltige junge Frau, die nach ihrem Auftritt im Dezember sogar mit Mariah Carey verglichen wurde, an ihrer ersten CD. Die Lieder dafür nimmt sie teilweise in der Schweiz auf, teilweise in Kroatien, dem Heimatland ihrer Eltern – wo auch ihr Produzent lebt.

Doch ob die CD dereinst in Zusammenarbeit mit einer Plattenfirma vertrieben werden könne, stehe noch in den Sternen, sagt Schwester Manuela Tobler. «Kontakte sind da, aber das Ganze ist nicht so einfach.» Die Musikindustrie sei ein hartes Pflaster, besonders für ihre Schwester. Denn: Bernarda Brunovic ist seit Geburt stark sehbehindert. «Manche Leute wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen», sagt Manuela Tobler, die ihre Schwester fast überall hin geleitet. «Wenn sie auf der Bühne singt, sind sie begeistert. Doch neben der Bühne trauen sich viele nicht, auf sie zuzukommen.» So müsse Bernarda noch mehr als andere Musikerinnen kämpfen, um sich Respekt zu verschaffen – und brauche jeweils erst die Gelegenheit, ihre stimmlichen Qualitäten unter Beweis zu stellen.

Nochmals ein Versuch?

Am Eurovision Song Contest wird sie das dieses Jahr noch nicht tun können. Sie ist noch nicht einmal sicher, ob sie sich die Show überhaupt wird ansehen können. Denn: Sie hat zur gleichen Zeit selber einen Auftritt am nationale Weltjugendtreffen in Brig. Doch ist es sicher nicht die letzte Chance für die junge Dietikerin, auf der Eurovisions-Bühne zu stehen: «Vielleicht melde ich mich nächstes Jahr wieder für den Contest an», sagt Bernarda Brunovic.