Ganz Bergdietikon ist in drei Teile geteilt. Weisse Ortstafeln weisen ausdrücklich auf die ursprünglichen Dörfer Baltenschwil, Bernold und Kindhausen hin. Dazu kommen mehrere Weiler. Ein künstliches Gebilde ohne Dorfplatz, aber mit einem Steuerfuss von 87 Prozent. «Stadtnah ländlich», so wirbt die Gemeinde auf ihrer Website. Mein Weg führt an grünen Matten vorbei und endet in einem ruhigen Einfamilienhaus in Kindhausen.

Pete und Astrid Greub sind vor elf Jahren nach Kindhausen gezogen. Sie organisieren Partys und betreiben ein Webradio mit Musik aus den Achtzigerjahren, beide mit dem Namen 80s Forever. Ungefähr 200 Hörer aus aller Welt lauschen online den ausgewählten Musikperlen. «Bergdietiker hat es wohl keine dabei», sagt Pete Greub und lacht. Die Lage der Gemeinde hat das Ehepaar überzeugt. «Hier lässt es sich wohnen. Man fühlt sich wie in den Ferien, weg vom Stress und doch nah bei der Stadt», sagt Pete Greub. Astrid Greub freut sich, dass ihre Kinder auf dem Schulweg über Felder und Wiesen laufen.

Die Greubs haben von ihrem Balkon einen unverbauten Ausblick auf das Tal. Es wird dunkel, unzählige Lichter gehen an. Der erleuchtete Primetower verspricht Grossstadt. Der erste Eindruck von Bergdietikon war überaus angenehm. Ich darf bei einer Arbeitskollegin übernachten. Auf dem Weg zu ihrem Haus zirpt es wie im Süden. Pete Greubs Feriengefühl stellt sich auch bei mir ein.

Morgens um halb sieben hängt der Nebel über dem Tal. Einzelne Schwaden hängen auch an den Grashalmen auf dem Oberen Schönberg. Bauer Milan Schenkel hat keine Zeit, zuzuschauen, wie die Farbe des Himmels langsam von Rosarot zu Hellblau wechselt; die Kühe müssen gemolken werden. Im Januar hat er den Hof von seinem Vater übernommen.

Eigentlich hätte er schon nach der Schule Interesse gehabt. «Aber mein Vater hat gemeint, ich soll zuerst eine andere Lehre machen», sagt er, während er eine Kuh an die Melkmaschine anschliesst. Der Sohn machte eine Metzgerlehre. «Arbeit hat es auf dem Hof für zwei, Lohn aber nicht», sagt er pragmatisch. So arbeitet er auch, ruhig und mit geübten Handgriffen, auch wenn gerade eine Journalistin und eine Fotografin im Weg stehen.

Milan Schenkel kennt seine Kühe

Es ist laut im Melkraum, Schenkel steht in der abgesenkten Mitte des Raumes, sodass seine Hände auf Euterhöhe sind. Vier Kühe werden gleichzeitig gemolken. Sie wissen, dass es hier Futter gibt, lassen Schenkel nicht aus den Augen, bis er die Pellets in den Napf rieseln lässt. «Dessert», sagt er und lacht. In zwei Tagen geben seine Kühe rund tausend Liter Milch. Insgesamt besitzt Schenkel 27 Kühe, zurzeit werden 20 gemolken. Eine Kuh zeigt Interesse an mir, schnuppert zwischen den Gitterstäben durch. Ich freue mich, versuche, sie zu streicheln. «Du stehst neben dem Futtersack», sagt Milan Schenkel.

Während er den Melkraum reinigt, trinke ich draussen ein Glas Milch, noch warm und mit Schaum. Der Tag in Bergdietikon beginnt bestens. Nach dem Zmorge fahren wir mit dem Traktor zu einem nahen Feld, wo der entlang des Randes aufgehäufte Kompost gewendet werden muss. Die Aufgabe übernimmt Milan Schenkel mit einem anderen Bauer für die Gemeinde. Der Nebel ist mittlerweile verschwunden, nun dampft der Kompost. Im Haufen wird es bis zu 60 Grad heiss. Der Kompost ist für Schenkel ein kleiner Nebenerwerb. «Und er kommt den Bürgern wieder zugute.» Diese dürfen sich im Kompost-Depot im Dorf gratis Erde abholen.

Am liebsten würde ich in den Landdienst eintreten, doch der nächste Termin wartet. Zum Glück bin ich mit dem Auto unterwegs, alle Termine mit dem Velo abzuspulen, käme einem Training für die Bergetappe der Tour de Suisse gleich. Georges Häfliger steht schon auf seinem Balkon der Altersresidenz im Schlittental. Als Häfliger 1959 nach Bergdietikon zog, gab es noch keine asphaltierten Strassen, das Dorf zählte 789 Einwohner. Die Zeiten des verschlafenen Bauernnests waren aber schon bald vorbei. Im Limmattal brach in den Sechzigern ein Bauboom aus, das Dorf wuchs, im Tal wurde das erste Shoppingcenter der Schweiz gebaut. Georges Häfliger war in dieser Wachstumsphase eine zentrale Figur. 29 Jahre war er im Gemeinderat, davon 23 als Ammann. Er erinnert sich noch gut. «Wir haben ein Schulhaus, einen Kindergarten, das Gemeindehaus und das Gebäude der Feuerwehr gebaut», sagt er.

Gute Zeiten seien das gewesen, damals im Gemeinderat. Unter seinem Vorgänger, Willi Brunner, habe die Gemeinde Land auf Vorrat gekauft. Das Dorf wuchs schnell. Häfliger hat es nie bereut, dass er nach Bergdietikon gezogen ist. «Wir wollten ein Haus in ländlicher Umgebung. Die Bodenpreise waren damals sehr tief.» Auch im Schlittental gefällt es ihm gut. Seine Nachbarinnen laden ihn manchmal auf ein Stück Aprikosenkuchen ein, er bringt den Wein. Häfliger ist 94 Jahre alt, am Samstag fährt er jeweils nach Dietikon, um auf dem Markt Fisch zu kaufen. Schon fast Mittag. Häfliger hat noch Zeit für ein Foto. Danach ist es ihm gar nicht unrecht, wenn ich wieder gehe. «Es gibt bald Zmittag, ich habe etwas aufgetaut», sagt er.

Geheimnisvolle Burg

Für mich geht es wieder aufwärts – nach Kindhausen. Paul Meier hat mich zum Essen eingeladen. Sein Garten ist eine mediterrane Oase. Nur ab und zu stört ein lärmendes Flugzeug die sommerliche Idylle. Nach einem langen Aufenthalt in den USA haben Paul Meier und seine Frau Eveline ein schönes Plätzchen gesucht und Bergdietikon gefunden. Meier engagierte sich in der Gemeinde, war 16 Jahre im Gemeinderat. Seit 24 Jahren ist er im Vorstand der Dorfgemeinschaft, seit 15 Jahren ihr Präsident.

Nach dem Mittagessen spazieren wir zu dritt zum Egelsee, dem grössten Natursee im Kanton Aargau. Die Strassen sind leer. «Das ist normal, wir sind eine Schlafstadt», sagt Meier. Treffen wir doch auf jemanden, grüssen die Meiers mit Namen. Man kennt sich hier. Der Egelsee liegt grün da, umgeben von grünem Wald und grünem Schilf. Seit der See zu einem Naturschutzgebiet erkoren worden ist, ist der Spazierweg am westlichen Ufer nicht mehr begehbar. Die Verlandung schreitet fort. Der Sage nach soll am Grund des Sees die Burg des gefürchteten Ritters Riko liegen. Wir sehen aber nur einen Mann, der mit gemächlichen Schwimmzügen durch das stille Wasser pflügt. Mit einem Umweg zur Ruine Kindhausen wird der Spaziergang zu einer kleinen Wanderung. Doch es lohnt sich. Leider ist über die Burg nur wenig bekannt, zuverlässige Schriftquellen fehlen. Auf dem Weg zurück ins Dorf kaufen wir bei Margrit und Ruedi Vogel Bergdietiker Kirschen. Sie haben in einer Tiefgarage neben ihrem Wohnhaus einen Stand aufgebaut.

Auf der Suche nach jungen Stimmen mache ich mich auf zum Schulhausplatz. Aber niemand tschuttet, hängt oder lärmt. Dann ist doch noch ein junger Mensch zu sehen. Florian Mertesdorf schliesst die Tür zum Jugendtreff auf und trägt Kissen für die Sofa-Lounge nach draussen. Mit seinen Kollegen trifft er sich öfters hier. Auch Partys gibt es, aufräumen ist Ehrensache. «Viele Jugendliche zieht es nach Zürich in den Ausgang. Doch auch hier kann man etwas machen.» Baden im Egelsee, Fussball spielen. Oder doch nach Zürich. «Wenn man den Nachtbus verpasst, ist man in 15 Minuten auch zu Fuss oben», sagt er. Er muss es wissen.

Zum Abschluss: Znacht in der Trattoria al Ponticello an der Reppisch. Hier, im Industrieviertel, stehen einige der wenigen Blöcke Bergdietikons. Der Blick von der Gartenterrasse in einen offenen Rohbau kratzt ein wenig an der Italianità. Aber die Tortelloni sind vorzüglich.
Bergdietikon hinterlässt den Eindruck einer reichen Gemeinde, in der es sich gut leben lässt. Auf Facebook gibt es eine Gruppe mit dem Namen «Bergdietikon – Beverly Hills of Limmattal». Ganz daneben ist der Vergleich nicht.