Diese Bergdietiker Gemeinderatssitzung war eine denkwürdige. Es waren Vorkehrungen zu treffen für den Fall einer kompletten Evakuierung aller Einwohner. Nachzulesen im Sitzungsprotokoll vom 28. Januar 1940. Rund um die Schweiz tobte der Zweite Weltkrieg. Was, wenn deutsche Soldaten einmarschierten? Der Plan sah so aus: In sieben Gruppen würden die Bergdietiker auf dem Herrenberg versammelt, um von dort über den Mutschellen Richtung Süden oder Westen in Sicherheit gebracht zu werden.

Für eine etwaige Flucht musste fortan stets genügend Treibstoff «gebunkert» sein. Alle für die Flucht vorgesehenen Fahrzeuge unterstanden einer strengen Kontrolle, um ihren Verkauf zu verhindern. Bei einer Evakuierung sollte zuerst das Vieh gerettet werden, dann erst die Zivilbevölkerung, danach die Motorfahrzeuge. Diese Priorisierung verwundert nicht, hing doch das Überleben der Bevölkerung von den Nutztieren ab. Die meisten Nahrungsmittel waren rationiert – Verwaltung des Mangels. Das beschauliche Bergdietikon mit damals 450 Einwohnern erlebte schwere Jahre.

Briefe von Soldaten

Für ihre aktuelle Ausstellung «Bergdietikon im Schatten des Zweiten Weltkriegs« hat die Museumskommission umfangreiche Recherchen betrieben und dabei Spannendes zusammengetragen. Lotti Locher, Mitglied der Kommission und 1940 geboren, kann sich noch an die Zeit erinnern. «Die Rationierungsmarken musste man beim Gemeindeschreiber Rudolf Halter abholen. Da hiess es zunächst lange auf der Bank sitzen und warten, weil so viele anstanden.» Auch Brennholz, getrennt nach Hart- und Weichholz, war rationiert. In der Ausstellung kann man nicht nur einige der Marken sehen, sondern auch die damalige Ausweiskarte von Halter. Kommissionspräsident Urs Spörri freut sich, dass es gelungen ist, das Museumsarchiv zu diesem Zeitraum zu ergänzen. «Einige Privatpersonen haben uns Ausstellungsgegenstände geschenkt, andere haben uns schriftliche Dokumente leihweise zur Verfügung gestellt, etwa Persönliches wie Briefe von Soldaten.»

Auf die Suche nach Schriftlichem ging auch Kommissionsmitglied Brigitte Diggelmann. Sie durchforstete sämtliche Ausgaben des Vorgängers der Limmattaler Zeitung «Der Limmattaler» nach Bergdietiker Nachrichten aus den Kriegsjahren. In den Archivbänden können auch die Besucher blättern. Spörri: «Bei der Recherche für die Ausstellung beginnt man auf einmal in dieser Zeit zu leben.

Das vermittelt ein ganz anderes Gefühl für die Ereignisse.» Ein Übriges tun die Zeitzeugen wie Fotoalben, Soldatenstiefel, Kleidungsstücke und andere Gebrauchsgegenstände sowie die ansprechend gestalteten Info-Tafeln. Man erfährt von den wenigen nationalsozialistisch Gesinnten im Dorf, der harten Zeit für die Frauen, welche die Arbeit ihrer Militärdienst leistenden Männer schultern mussten, die im Dorf internierten 200 bis 300 Polen, die im Ortsteil Kindhausen in Baracken lebten sowie von der mühsamen Errichtung der Panzersperren während des Krieges und deren ebenso aufwendigen Entfernung nach dem Krieg.