Bergdietikon
«Früher oder später wird am Rai gebaut» – vielleicht schon 2026

Der Bergdietiker Gemeindeschreiber Patrick Geissmann stellt sich neun Fragen zum Land Rai.

David Egger
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Patrick Geissmann ist seit 2008 Gemeindeschreiber von Bergdietikon.

Patrick Geissmann ist seit 2008 Gemeindeschreiber von Bergdietikon.

Bild: zvg

«Nein zum Renditebunker» lautete 2015 ein Slogan der Gegner des damaligen Rai-Projekts. Erinnern Sie sich noch an diese Zeit?

Patrick Geissmann: Ja, das Land Rai hat die Gemeinde stark beschäftigt. Es war eine der grössten politischen Diskussionen, die es in Bergdietikon je gegeben hat. Auf meine Arbeit als ­Gemeindeschreiber hatte das auch grossen Einfluss.

Das Rai ist ein Dauerthema, seit vier Jahrzehnten. Ab wann wurde es kompliziert?

Das war schon vor meiner Zeit. Wenn ich die Protokolle des Gemeinderats und der Gemeindeversammlungen anschaue, kann ich sagen: Der Geologenbericht zeigte in den 1990er-Jahren, dass eine Überbauung anspruchsvoll ist – das war der Knackpunkt. Dass der Gemeinderat und die Stimmbevölkerung mit dem Kauf der Landparzellen ab den 1980er-Jahren das Wachstum besser kontrollieren wollten, ist nachvollziehbar. Beim Rai kamen dann aber die Bedenken wegen des instabilen Hangs hinzu.

Diese Bedenken trafen im Dorf auf fruchtbaren Boden.

Unsere Gemeinde liegt am Hang. Es gab schon früher Gebäude, bei denen die geologische Situation herausfordernd war. Dass dieses Thema dann auch beim Rai für Diskussionen sorgte, ist daher verständlich.

Jetzt ist der Gestaltungsplan genehmigt. Der Gemeinderat sieht das als Erfolg. Heisst das, jetzt ist alles in Butter?

Es sind jetzt alle planungsrechtlichen Grundlagen gelegt. Aber dem Projekt stehen noch weitere Schritte bevor. Als nächstes folgt das Baugesuch für die Massnahmen, die den Hang stabilisieren sollen. Sind sie umgesetzt, wird er mindestens ein Jahr lang beobachtet. Bestätigen danach zwei unabhängige Fachgutachter eine deutliche Reduzierung der Bewegungen, kann die Implenia das Baugesuch für die Wohnungen einreichen.

Wann beginnen die Bau­arbeiten für die rund 120 Wohnungen?

So könnte die Wohnüberbauung auf dem Land Rai dereinst aussehen.

So könnte die Wohnüberbauung auf dem Land Rai dereinst aussehen.

Visualisierung: zvg/Architron

Es ist möglich, dass in fünf Jahren gebaut wird – aber das sage ich unter grösstem Vorbehalt. Klar ist: Mit dem neuen Gestaltungsplan und der Verkleinerung des Projekts hat dieses heute viel mehr Akzeptanz als früher. Allen ist bewusst: Früher oder später wird am Rai gebaut.

Es ist nicht das einzige Bergdietiker Projekt, das viel Geduld braucht. Was wird zuerst gebaut: die Rai-­Wohnungen oder das Alterszentrum Hintermatt?

Der Souverän hat dem Gemeinderat den Auftrag erteilt, beide Projekte zu verfolgen. Aber beide Projekte sind noch nicht so weit, dass eine sichere Aussage zu einem allfälligen Baubeginn gemacht werden könnte.

Es gibt jedenfalls ein Worst-Case-Szenario fürs Rai. Wenn die Gutachter finden, dass die Hangstabilisierung nicht reicht, scheitert alles.

Das ist das Worst-Case-Szenario. Aber der Hang wird schon seit den 1990er-Jahren beobachtet und wir haben schon mehrfach Geologen beigezogen. Ihre Expertise ist klar: Mit den richtigen Massnahmen ist es möglich, das Land Rai zu bebauen. Diese Expertise liegt dem Gestaltungsplan zugrunde.

Nun ist die Implenia am Zug. Kann sich die Gemeinde also zurücklehnen?

Nein, wir werden das weitere Vorgehen mit der Implenia besprechen. Und die Beurteilung der Baugesuche wird aufwendig. Zudem gilt es auf Fragen aus der Bevölkerung zu antworten. Die Sache ist nicht abgeschlossen. Aber wir haben jetzt Sicherheit, dass man auf dem Areal grundsätzlich bauen darf.

Inwiefern lohnt sich das alles für die Gemeinde?

Die rund 120 neuen Wohnungen stärken die Gemeinde für die Zukunft. Die Gemeinde erhält so eine Grösse, dank der sie auch in Zukunft eigenständig überleben kann. Und Bergdietikon wird so dem Grundgedanken des Raumplanungsgesetzes gerecht. Auf dem Rai wird verdichtet gebaut. Wir haben ja vor allem Einfamilienhäuser. Bei den Häusern aus den 1960er- und 1970er-Jahren hatten wir zuletzt einen abrupten Generationenwechsel: Innert fünf Jahren sind viele ältere Bewohner gestorben oder weggezogen und es kamen jüngere Familien für die nächsten 40 Jahre. Dank dem Rai wird der Generationenwechsel in Zukunft wohl fliessender und der Bevölkerungsmix hetero­gener.