Am 4. Januar ging der Oetwiler Philipp Frei zum Arzt. Im Wartezimmer las er die Juni-Ausgabe der Konsumenten- und Beratungszeitschrift «Beobachter». Und da wurde ihm plötzlich einiges klar. Er hatte am 20. Mai letzten Jahres sein Dieselfahrzeug an der Dietiker Migrol-Tankstelle an der Bernstrasse 386 mit Diesel betankt. So dachte er zumindest. In Wirklichkeit hatte er nicht reines Diesel in seinen Tank gefüllt, sondern ein Diesel-Benzin-Gemisch, das erfuhr er jetzt bei der Lektüre.

Der Bericht handelte von einem Kunden, der sich bei der Tankstellenbetreiberin Migrol wegen falschen Treibstoffs beschwert hatte. Dort glaubte man ihm nicht, aber durch den Kassenbeleg konnte er ein Selbstverschulden ausschliessen. Dann habe man wohl in diesen Tagen «schlechte Qualität im Tank» gehabt, meinte man bei Migrol, und zahlte ihm den entstandenen Schaden in Höhe von 8000 Franken. Das war aber nicht die ganze Wahrheit.

Benzin in Dieseltank entladen

Durch den «Beobachter»-Bericht konnte sich auch Philipp Frei endlich erklären, wie es zu den Problemen mit seinem Auto gekommen war, mit denen er sich im letzten Frühsommer herumschlagen musste. An dem fraglichen Tag im Mai kann er zwar noch von der Tankstelle wegfahren, aber bereits nach dem nächsten Stopp springt sein Kia Cee’d plötzlich nicht mehr an.

Auf Nachfrage erklärt Daniel Hofer, Unternehmensleiter der Migrol AG, dass an dem fraglichen Tag ein Chauffeur etwa 4900 Liter Benzin in die zwei Dieseltanks von je 15 000 Liter Inhalt schüttete. Er hat beim Beladen seines Drei-Kammer-Fahrzeuges irrtümlich zwei Kammern mit Benzin gefüllt, anstatt gemäss Auftrag nur eine. Im Glauben, er habe zwei Kammern mit Diesel beladen, lädt er dann eine Benzinkammer in den Dieseltank.

Sein Irrtum fällt erst nach dem Lieferschein-Eingang der Folgewoche auf, «wegen Ferienabwesenheit der Gruppenchefin wurde der Fall aber nicht sofort behandelt», so Hofer. Einer ersten Reklamation eines Kunden knapp zwei Wochen nach der Falschbefüllung glaubt man nicht, weil bis dahin niemand einen Schaden gemeldet hat. Hofer: «Da der Falsch-
ablad knapp zwei Wochen früher stattgefunden hatte, konnte der vom Kunden gemeldete Schaden nicht sofort nachvollzogen werden.»

Drei Mal muss der TCS helfen

Zu dieser Zeit schlägt sich Philipp Frei schon seit Tagen mit den Problemen herum, die durch den Tankstopp verursacht wurden. Zunächst vermutet er, dass vielleicht die sechs Jahre alte Batterie ersetzt werden muss. Er kauft eine neue. Die Probleme bleiben. Dreimal ist er auf Hilfe des TCS angewiesen und muss sich abschleppen lassen. Einmal bleibt seine Frau am Hallwilersee hängen. Der TCS kümmert sich wieder um das Auto, und Frei muss hinfahren, um seine Frau abzuholen. Eine Fehleranalyse in seiner Aescher Kia-Garage, zu der er sein Auto am 27. Mai bringen lässt, ergibt die wahre Ursache. «Falscher Diesel getankt», steht in der Rechnung.

Elf Tage nach der Fehlbefüllung des Dieseltanks wird am 31. Mai bei der Tankstelle eine chemische Analyse einer Tankprobe durchgeführt. Sie ergibt, dass eine Vermischung stattgefunden hat. Die betroffenen Tanksäulen seien danach gesperrt, geleert und fachmännisch gereinigt worden, so Hofer. Erst jetzt melden sich weitere geschädigte Autofahrer, sicher auch, weil vom Tankstellenbetreiber ein Hinweis in der Tankstelle platziert worden ist.

100 Franken für die Umtriebe

Frei hat Glück im Unglück, denn die Garage zahlt den Löwenanteil der Reparatur auf Kulanz. Kia gibt sieben Jahre Garantie auf ihre Fahrzeuge, und der Wagen war erst sechs Jahre alt. Lediglich einen Selbstbehalt von 190 Franken muss Frei berappen. Das ist wohl auch der Grund, warum er der angeblichen Falschbetankung nicht nachgeht und es hinnimmt, dass er als der Dumme dasteht, der nicht in der Lage ist, zur richtigen Zapfpistole zu greifen. Erst im Januar geht ihm ein Licht auf.

Er reklamiert bei der Tankstelle. Eine Sachbearbeiterin sagt ihm die Erstattung der 190 Franken sowie weiterer 100 Franken für seine Umtriebe zu. Dieses kleinliche Angebot erzürnt Frei noch mehr; er macht seinem Ärger in einem scharfen Brief an Migrol Luft. «Mit 100 Franken wollte ich mich für die ganzen Scherereien, die ich hatte, nicht abspeisen lassen», meint er – und hat Erfolg. Man sagt ihm 500 Franken zu. Noch ist das Geld nicht auf seinem Konto eingegangen.

Wie viele sind noch betroffen?

Hofer bekräftigt, dass sämtliche Kunden, die sich gemeldet hätten «vollumfänglich für ihre Aufwendungen» entschädigt worden seien. Er spricht von zwölf bekannten Fällen. «Offensichtlich war die Konzentration des Benzins im 30 000-Liter-Dieseltank nie sehr gross, sonst hätten sich mehr Geschädigte melden müssen», so Hofer.

Aber im Grunde ist gar nicht klar, wie viele Fahrer betroffen sind. Bis Anfang Januar zählte auch Frei nicht zu ihnen. «Da ich meine Cumulus-Karte vorgelegt habe, hätte man mich jederzeit ausfindig machen können», ärgert sich Frei, «ich kann nicht verstehen, warum die Tankstelle nicht auf mich zugekommen ist.» Er hat seine Garage und den TCS informiert, dass sie sich ihr Geld zurückholen können. Kia wird darauf verzichten, weil der Fall buchhalterisch für die Firma schon abgeschlossen ist. «Vor allem deswegen habe ich meinen Fall publik gemacht: Weil sich vielleicht auch noch andere fragen, warum ihr Auto nach dem 20. Mai stehen geblieben ist», so Frei.

Ist man bei Migrol denn nicht der Frage nachgegangen, ob man zumindest diejenigen betroffenen Kunden finden und kontaktieren könnte, die mit Karte gezahlt haben? Unternehmensleiter Daniel Hofer: «Nein, das haben wir nicht analysiert, es gab ja offensichtlich nur wenige Betroffene.» Und jetzt im Nachhinein bringe das sowieso nichts mehr. Den Zwölfen, die sich gemeldet hätten, habe man aber selbstverständlich das «ausserordentliche Bedauern über den Vorfall» ausgedrückt.