Dietikon/Urdorf

Beim Streitschlichten einen Mann getötet: Asylbewerber verurteilt

Ein Fall für das Bezirksgericht: Bei einem Streit vor der Urdorfer Notunterkunft stürzte ein Asylbewerber und starb.

Ein Fall für das Bezirksgericht: Bei einem Streit vor der Urdorfer Notunterkunft stürzte ein Asylbewerber und starb.

Das Bezirksgericht Dietikon hat einen Asylbewerber der fahrlässigen Tötung schuldig gesprochen: Als dieser zwei betrunkene Streithähne trennen wollte, kam einer der beiden zu Fall und zog sich schwere Hirnverletzungen zu. Der Algerier kommt dennoch frei.

Es sei ein tragischer Ausgang einer gewöhnlichen Nacht gewesen, sagte die Staatsanwältin gestern vor dem Bezirksgericht Dietikon. Die Vertreterin der Opferfamilie sprach davon, dass beim Rückkehrzentrum für abgewiesene Asylbewerber in Urdorf ein Mensch wegen nichts und wieder nichts sein Leben verloren habe. «Das war ein sinnloser Tod.»

Im Juni 2019 hatten sich an einem Samstagabend mehrere abgewiesene Asylbewerber auf dem Parkplatz der unterirdischen Nothilfeunterkunft, die heute neu Rückkehrzentrum heisst, in einem Zelt versammelt. Dort unterhielten sie sich und tranken Alkohol. Und es muss viel Alkohol gewesen sein. Der 34-jährige Algerier, der am Ende sterben sollte, war im Verlauf jenes Abends mehrmals von der Sitzbank gefallen, wie es in der Anklageschrift heisst. Fünf- oder sechsmal haben ihn die anderen Anwesenden wieder aufgehoben und auf die Bank gesetzt. Gemäss eines Gutachtens dürfte die Alkoholkonzentration in seinem Blut zwischen 1,9 und 2,5 Promille betragen haben.

Streit teilweise auf Video

Die Überwachungskamera, die das Geschehen vor dem Eingangsbereich filmt, hielt in jener Nacht fest, wie sich um 0.16 Uhr mehrere Personen vom Zelt in Richtung Eingang begeben. Kurz darauf eilt der 34-jährige Algerier der Gruppe nach. Es kommt zu einem Streit, der sich schliesslich abseits des Blickwinkels der Kamera abspielt.

Kurz später taucht der 34-Jährige wieder im Bild auf: Er taumelt ein paar Schritte zurück, fällt unkontrolliert rückwärts und schlägt mit dem Hinterkopf auf der asphaltierten Strasse auf. Er verliert das Bewusstsein. Im Spital Limmattal werden schwere Kopfverletzungen festgestellt. Der Algerier wird gleich ins Universitätsspital Zürich überstellt, wo er zweimal operiert wird und zwei Wochen später stirbt.

Gab es keine Berührung oder doch einen Schubser?

Wegen dieses Vorfalls hat sich gestern ein 32-jähriger Algerier vor dem Bezirksgericht Dietikon verantworten müssen. Der Mann hatte in jener Nacht den Streit schlichten wollen: Er habe sich zwischen den später Verstorbenen und einen anderen Bewohner gestellt, um sie auseinanderzuhalten, sagte er vor Gericht. Gewalt habe er dabei keine angewendet. Er sei sich nicht einmal sicher, ob er in diesem Gerangel überhaupt jemanden berührt habe.

In seinem Schlusswort sprach der abgewiesene Asylbewerber, der nach eigenen Aussagen nach Algerien zurückkehren möchte, von einer tragischen Sache. Doch für den Tod des Mannes, der ja als Mitbewohner in der Unterkunft auch sein Freund gewesen sei, trage er keine Verantwortung, beteuerte der ausgebildete Hilfsbuchhalter, der in verschiedenen europäischen Ländern ohne Aufenthaltsbewilligung als Fischer gearbeitet hatte.

Dies sah die Staatsanwältin anders: Wegen fahrlässiger Tötung sei der Beschuldigte zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 15 Monaten zu verurteilen, forderte sie. Angesichts einer Aussage eines Beteiligten war für sie klar, dass der Beschuldigte den stark alkoholisierten Mann mit beiden Händen gegen die Brust gestossen hatte, um diesen von den anderen Männern fernzuhalten. Dass dies zu einem Sturz führen und dieser auch tödlich ausgehen könne, sei vorhersehbar gewesen, sagte sie.

Der Beschuldigte habe zwar das Opfer weder absichtlich töten noch bewusst lebensgefährlich verletzen wollen, doch habe er zum falschen Mittel gegriffen. «Er hätte den Mann auch einfach festhalten oder weitere Personen zur Hilfe heranziehen können.»

Geld für die Opferfamilie oder für den Beschuldigten?

Es sei offensichtlich gewesen, dass es nicht viel Gewalt und Kraft brauchte, um den torkelnden Mann zu Fall zu bringen, hielt auch die Vertreterin der Opferfamilie fest. Da sei der Stoss gegen dessen Brust unverhältnismässig und weder zweckmässig noch notwendig gewesen. Für die Eltern und die zehn Geschwister des Verstorbenen, die mit einer Ausnahme alle in Algerien leben, forderte sie eine Genugtuung von insgesamt mindestens 215'000 Franken. Die Familie habe vom Beschuldigten im vergangenen Jahr nie etwas gehört, dieser habe nie Reue gezeigt, hielt sie fest.

Dem Beschuldigten sei nichts vorzuwerfen, er sei deshalb freizusprechen, hielt demgegenüber der Verteidiger in seinem Plädoyer fest. Da sich der Algerier seit dem Vorfall und damit seit 15 Monaten hinter Gitter befindet, verlangte er für diesen eine Entschädigung von mindestens 41'800 Franken.

Es sei angesichts der verschiedenen Zeugenaussagen unklar, ob es überhaupt zu einem Stoss gekommen sei, sagte der Verteidiger. Das Gerangel sei ausserhalb des Sichtbereichs der Überwachungskamera erfolgt. «Auf dem Film ist keine Dritteinwirkung ersichtlich.» Sein Mandant habe stets geltend gemacht, nur die Arme ausgestreckt zu haben, um die Streithähne zu trennen, damit sie niemanden schlagen können. Das Opfer könnte angesichts von Alkohol-, Medikamenten- und Drogenkonsums von selber gestürzt sein. «Dessen motorische Koordination war gestört.»

Und auch wenn es den Stoss gegeben haben sollte, wäre der Beschuldigte freizusprechen, forderte der Verteidiger. Dass ein Schubser derart gravierende Folgen haben könnte, sei überhaupt nicht vorhersehbar gewesen. «Wie oft kommt es im Gedränge vor einer Kasse oder in Bergbahnen zu Berührungen, ohne dass es zu einem Sturz mit Todesfolge kommt?», fragte der Verteidiger rhetorisch.

Das Schubsen war pflichtwidrig unvorsichtig

Für das Bezirksgericht Dietikon bestand aber kein Zweifel, dass der Beschuldigte seine Sorgfaltspflichten verletzt hatte: «Wer eine schwerbetrunkene Person auf einer asphaltierten Strasse mit beiden Händen wegstösst, handelt pflichtwidrig unvorsichtig», sagte der Richter in der Urteilsbegründung.

Dass der 32-Jährige beide Hände eingesetzt hatte, war für das Gericht dabei erwiesen. Es stufte die einzige entsprechende Zeugenaussage als glaubhaft ein. Dem Beschuldigten warf es hingegen ein «anpasserisches Aussageverhalten» vor. So habe dieser zunächst ausgesagt, er habe gar niemanden schubsen können, da er an Krücken gegangen sei. Als dann das Video zeigte, dass er an jenem Abend durchaus gehen konnte, habe er seine Aussage abgeändert.

Das Gericht verurteilte den Mann wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten. Da er bereits länger einsitzt, kommt er sofort frei. Er erhält für die Überhaft – für die 170 Tage, die er zu Unrecht im Gefängnis war – eine Entschädigung von 17'000 Franken. Den Eltern des Opfers muss er eine Genugtuung von 10'000 Franken zahlen. Die Begehren der Geschwister wurden auf den Zivilweg verwiesen.

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