Limmattal
Beim Limmatwanderung-Selbstversuch bleibt der Genuss auf der Strecke

Wie lange dauert eine Wanderung von Zürich entlang der Limmat bis zu deren Mündung in die Aare? Genug lange, um sich zu überlegen, ob man ein solches Unterfangen noch ein zweites Mal wagen soll.

Sandro Zimmerli (Text und Fotos)
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Frühmorgens sind am Letten die ersten Schwimmer unterwegs
7 Bilder
In Turgi ist das Ziel fast erreicht
Die Fähre Maurizius liegt beim Kloster Fahr vor Anker
Baden ist erreicht
Wanderung Limmat
An der Kantonsgrenze bei Oetwil folgt der erste Rast
Die Holzbrücke beim Kloster Wettingen wurde 1818 erbaut

Frühmorgens sind am Letten die ersten Schwimmer unterwegs

Sandro Zimmerli

Von der Limmat ist nichts zu sehen. Das Schilf ist zu hoch. Noch wenige Minuten zuvor, bei der Holzbrücke in Turgi, ist das anders. Der Fluss ist vom Uferweg aus gut sichtbar. Nun aber hat sich die Landschaft entlang der Limmat noch einmal geändert, ehe deren letzter Ausläufer auf Höhe des Restaurants Chämihütte in Untersiggenthal in die Aare mündet und damit eine 36 Kilometer lange Reise, die bei der Zürcher Quaibrücke gestartet ist, ihr Ende findet.

Zu diesem Zeitpunkt schmerzen die Oberschenkel schon gewaltig. Ein Vergnügen ist die Wanderung am Limmat-ufer längst nicht mehr. Auch weitere Körperteile sind bereits arg in Mitleidenschaft gezogen. Dazu brennt die Sonne unerbittlich. Zum Glück ist niemand in der Nähe, als eine Reihe Verwünschungen in Richtung Limmat geschleudert werden.

Einige Stunden zuvor sieht die Welt noch wesentlich freundlicher aus. Um 6.45 Uhr ist die Temperatur angenehm, bei der Quaibrücke haben sich die ersten Fischer eingefunden. Sie sind in ein Fachgespräch vertieft. Zürich erwacht – oder ist schon auf den Beinen. Die einen joggenderweise, andere hetzen jetzt schon aufs Tram.

Aufgeräumte Werdinsel

Auch der Schritt ist um diese Zeit noch flüssig, schliesslich will man unter all den Velofahrern, Schwimmern und Joggern, die den Kloster-Fahr-Weg ab dem Drahtschmidli bevölkern, nicht abfallen. Nebst den sportlichen Körpern stechen einem aber auch die Nachwirkungen langer Partynächte ins Auge. Besonders rund um den Letten türmt sich der Abfall. In Wipkingen hat man den Unrat immerhin noch neben den überquellenden Kübeln platziert.

Aufgeräumter präsentiert sich die Werdinsel, sie ist kurz nach 8 Uhr erreicht. Die ersten Sonnenhungrigen haben es sich an der Limmat gemütlich gemacht. Und auch hier wird gefischt. Noch immer prägen Jogger das Bild. Es sind aber auch viele mit dem Velo unterwegs, meist zur Arbeit. Von Schmerzen ist noch nichts zu spüren. Vielmehr malt man sich aus, wie es wohl sein wird, wenn man das Ziel erreicht hat. Ein Bier dürfte dort sicher nicht fehlen.

Der Gedanke an einen kühlen Krug mag wohl auch mit den ansteigenden Temperaturen zu tun haben. Dennoch ist es immer noch angenehm. Und so geniesst man es, als endlich die Autobahn aus dem Sichtfeld verschwunden ist und der Kirchturm das Kloster Fahr ankündigt. Hier ist es nun, passend zur Umgebung, richtig ruhig. Abgesehen vom Geräusch der Züge und später wieder der Autobahn bei Geroldswil ändert sich daran nichts bis zur Kantonsgrenze. Diese ist kurz nach 10 Uhr erreicht. Die richtige Zeit für eine erste Pause. Mineralwasser hat es noch genügend. Auch die Getreideriegel sind noch vollzählig im Rucksack, der Cervelat ist für eine spätere Rast vorgesehen und das Studentenfutter ist ganz einfach aus nostalgischen Gründen mit dabei.

Das Anlaufen nach der kurzen Rast bereitet zwar etwas Mühe, der Tritt ist aber schnell wieder gefunden. Auch dank des reizvollen Abschnitts bei Würenlos. Der Weg führt hier durch einen Wald und liegt direkt am Fluss. Das Fischerstübli mit seinem Brunnen ist eine willkommene Gelegenheit für eine Abkühlung. Wenn man da schon gewusst hätte, dass Brunnen auf dem weiteren Weg Mangelware sein werden, hätte man sich gut überlegt, ob man den Rest der Reise nicht doch lieber auf dem Fluss zurücklegen sollte.

Gedanken ans Aufgeben

Getrübt wird die Idylle erst wieder, als am Horizont die Autobahn auftaucht. Kurze Zeit später ist der Fressbalken erreicht. Mit Wanderschuhen und Rucksack passt man hier nicht so recht in die Szenerie. Nicht nur deswegen verspürt man wenig Lust, länger als nötig direkt an der Autobahn zu verweilen.

Mittlerweile brennt die Sonne so richtig. Man ist froh über jeden schattigen Wegabschnitt. Und bis Baden, dem nächsten Halt, ist es immer noch weit. Dort soll auch Flüssigkeit nachgetankt werden. Doch schon kurz vor dem Kloster Wettingen ist eine Pause nötig. Das Mineralwasser, das seinen Weg in den Körper findet, scheint ihn ebenso schnell wieder zu verlassen. Immerhin bleibt noch genug Energie, um die schöne Klosteranlage zu geniessen, bevor es auf und ab geht, ehe Baden endlich erreicht ist. Es ist nun gegen 13 Uhr. Und eigentlich spricht nichts dagegen, im nahe gelegenen Biergarten einzukehren und die Wanderung sein zu lassen.

Dieses Gefühl wird noch dadurch verstärkt, dass nun immer mehr Menschen Abkühlung in der Limmat suchen. Immerhin, bis hierher hat man es geschafft, das ist auch schon was. Ein Schwumm wäre verdient. Die restlichen Kilometer können auch an einem anderen Tag zurückgelegt werden. Doch das war nicht das Ziel, und Sprüche der Kollegen will man sich auch nicht anhören. Also weiter, immer weiter.

Auch jetzt folgen schöne Abschnitte, Zeit, diese zu geniessen, fehlt. Die Konzentration gehört nun dem nächsten Schritt. Auch die Limmat lässt man links liegen. Die Flusschlaufe bei Turgi scheint nicht enden zu wollen. Noch einmal müssen Getränke gekauft werden, wie viele Liter bereits getrunken wurden – keine Ahnung. Ist nicht wichtig, die Flussmündung wartet. Und dann endlich, nach achteinhalb Stunden reiner Laufzeit, ist sie erreicht. Der letzte Limmatausläufer fliesst bei Untersiggenthal in die Aare. Man möchte jubeln, nur die Kraft fehlt. Innerlich lässt man es dennoch kurz jauchzen. Nur – das mit dem Bier wird nichts. Würde einem glatt umhauen. Und auch der Cervelat kommt wieder mit nach Hause.