Beatrice und Charles Rätz kommen nicht mit leeren Händen zum Kaffee ins Kloster Fahr. Die aufgeregte Beatrice Rätz hält eine Teigwarenpackung in Form einer riesigen Maus im Arm. «Ein kleines Trösterli für den zweiten Platz», sagt die 74-Jährige, als sie es Piorin Irene zur Begrüssung überreicht. Eigentlich habe sie grosse Angst vor Mäusen, gesteht die Priorin, als sie ihren Trostpreis öffnet.

Im Dezember hatten die Leserinnen und Leser der Limmattaler Zeitung das Ehepaar Rätz, das freiwillig Urdorfs Strassen von herumliegendem Abfall säubert, zu den Limmattalern des Jahres gewählt. Dies mit nur einer Stimme Vorsprung zu Priorin Irene. Die verantwortliche Ordensfrau über das Benediktinerinnenkloster Fahr war wegen ihres Einsatzes für mehr Mitspracherecht für Frauen in der katholischen Kirche nominiert gewesen. Dazu reiste sie mit einer Pilgergruppe im Sommer gar nach Rom.

Persönlich hätte sie für die Priorin gestimmt, da sie sehr von deren Leistung beeindruckt sei, sagte Beatrice Rätz im Interview nach der Wahl. Sie würde die engagierte Frau gerne einmal kennenlernen. Kurz darauf erhielt die Redaktion einen Anruf aus dem Kloster Fahr. Die Priorin lud die Limmattaler des Jahres zum Kaffeeplausch ein.

Freunde auf den ersten Blick

Die Rätzens und die Ordensschwester verstehen sich auf Anhieb. Kein Eis muss zwischen diesen dreien gebrochen werden, keine Redepausen unterbrechen das angeregte Gespräch. «Als ich als Briefträgerin in Unterengstringen arbeitete, gehörte auch das Kloster Fahr zu meiner Route», sagt Beatrice Rätz. Das war lange, bevor sie pensioniert wurde und ihre Hüftprobleme bekam. Der Arzt ordnete der Seniorin mehr Bewegung an, worauf die vierfachen Grosseltern im September 2015 erstmals auf Fötzelitour gingen.

Das Urdorfer Sauber-Team: Zwei Mal pro Woche ziehen Charles (74) und Beatrice Rätz (78) los, um in ihrer Wohngemeinde die Strassen und Trottoirs von Abfall zu befreien. Sandra Ardizzone

Das Urdorfer Sauber-Team: Zwei Mal pro Woche ziehen Charles (74) und Beatrice Rätz (78) los, um in ihrer Wohngemeinde die Strassen und Trottoirs von Abfall zu befreien. Sandra Ardizzone

Seit der Lancierung des Projekts «Kirche mit*den Frauen», das Frauen innerhalb der katholischen Kirchenhierarchie mehr Rechte verschaffen will und zu dessen treibenden Kräften Priorin Irene gehört, zählte Beatrice Rätz zu den grossen Bewunderern der Ordensfrau, die jahrhundertealte Kirchenstrukturen reformieren will. «Um diese Bitte im Vatikan vorzubringen, ist die Pilgergruppe den ganzen Weg von St.Gallen nach Rom gelaufen. Das hat mich fasziniert», sagt Beatrice Rätz. Einige der Strecken habe sie mit dem Zug zurückgelegt, wirft die Priorin ein. «Von den zwei Monaten Pilgerreise bin ich persönlich nur 10 Tage lang marschiert.» Es sei an der Zeit, dass es in der katholischen Kirche einen Fortschritt gibt, sagt Charles Rätz. «Wir spüren, dass dies auch dem Papst ein Anliegen ist», sagt Priorin Irene.

Auf den Brief mit den Verbesserungswünschen der Frauen, der im Juli im Vatikan deponiert wurde, hat sie kürzlich Antwort erhalten. Das Sekretariat zuhanden des Pontifex bedankt sich darin ausführlich für das Schreiben, geht jedoch nicht auf die erbetene Besserstellung der Frauen ein. Auch wenn dies nur ein Dankesschreiben sei, habe sie sich darüber sehr gefreut und die Zeilen hätten ihr Mut gegeben, sagt die Priorin.

Der Weg ist das Ziel

Der Weg ist Ziel beim Projekt der Benediktinerin wie auch bei denjenigem der Rätzens. Die wertvollen Begegnungen, die sie auf der Pilgerreise gehabt habe und die zahlreichen Menschen, die ihr für das Mitwirken in «Kirche mit*den Frauen» gedankt haben, würden sie in ihrem Tun bekräftigen. Wenn sie dann in einer Kommunikation des Papstes zwischen den Zeilen ein Indiz für Reformen in der Frauenfrage lese, werde sie beflügelt, für diese Kirche in die Zukunft zu gehen.

Für das seit 56 Jahren verheiratete Ehepaar Rätz ist die Freude über eine verbesserte Gesundheit und der Lerneffekt für Urdorfer Passanten der schönste Lohn ihrer Freiwilligenarbeit. «Wir haben bereits Leute beobachtet, die selber Müll von der Strasse auflesen und zum Abfalleimer tragen», sagt Beatrice Rätz. Was ihnen jetzt nur noch fehle, sei eine weitere Person im Fötzeli-Team. Die Urdorfer Senioren und die Benediktinerschwester waren sich schnell einig darüber, wie sie den Kontakt halten wollen. Seit Dienstag sind sie auf Facebook befreundet.