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«Beim Fliegenfischen geht es nicht um die Menge, sondern um das Erlebnis»: Er fischt auf humane Art

Urs Müller und der Lachs am Ufer eines isländischen Flusses.

Urs Müller und der Lachs am Ufer eines isländischen Flusses.

Es ist morgen früh, zwischen fünf und sechs Uhr. Viele schlafen noch. Urs Müller fischt. Am Bachufer geniesst er die Ruhe und die angenehmen Temperaturen. Etwa drei Stunden später kehrt er nach Hause zurück. So geht Müller seinem Hobby nach, dem Fliegenfischen. «Wenn ich alles richtig mache, dann kann ich einen Fisch fangen», sagt er. Das mag nach wenig klingen, doch für den erfahrenen Fliegenfischerinstruktor reicht es. «Beim Fliegenfischen geht es nicht um die Menge, sondern um das Erlebnis», sagt der 61-Jährige.

Es geht um den Wurf, um Insekten, um den ehrenvollen Umgang mit dem Fisch. Fliegenfischen ist eine besondere Aktivität. Denn anders als beim herkömmlichen Fischen liegt die Essenz des Fliegenfischens darin, dass die Angel – meist mit kurzen Fell- oder Federnfetzen bestückt – ein Insekt imitiert. Entgegen der gängigen Meinung ernähren sich Fische selten von Würmern, meist schlucken sie Insekten herunter. Damit der Prozess des Fischfangens so natürlich wie möglich verläuft, soll die Angel genau dorthin geworfen werden, wo die Fische sind. Dazu muss Müller das Wasser lesen können. Das Fliegenfischen sei darum auch eine Form der Beobachtung.

Technik, Talent und Training

Das muss Urs Müller schon als Kind gewusst haben, denn auf diese Weise fing seine Faszination für das Fischen an: als er seinen Vater beim Angeln beobachtete. Seit mehreren Jahrzehnten ist Müller Mitglied des Fischervereins Würenlos. Als er Mitte der 1990er-Jahre das Fliegenfischen für sich entdeckte, hatte der Abteilungsleiter der Schlieremer Sibirtherm seine Leidenschaft gefunden. Müller, der seit über zwanzig Jahren in Geroldswil wohnt, entdeckte für sich die Welt der Entomologie, also der Insektenkunde, und las Bücher mit Titeln wie «Gewässergüte bestimmen und beurteilen». «Fachbücher sind wichtig», sagt Müller. «Viele Leute wissen nicht, was in unseren Gewässern los ist, oder nicht einmal, was eine Forelle isst!» Sie ernährt sich von Nymphen und Larven.

Doch sowohl für Biologie-Lektionen als auch für das Erlernen des Fliegenfischens ist es nie zu spät. Müller bietet Schnupperstunden und spezifische Kurse an. In zwei Tagen seien Teilnehmer in der Lage, erste Angel-Versuche zu unternehmen. «Fliegenfischen verlangt Talent und intensives Training.» Es sei eine Kunst für sich, wie bei der rhythmischen Sportgymnastik, wo die Bewegungen der Athleten und des Bandes federleicht erscheinen. Ähnlich sei der Wurf der Angel ins Wasser. «Der ganze Körper ist daran beteiligt, und bis die Mechanik fliesst, braucht es eine Weile.»

Am liebsten lebt Müller sein Hobby an Bächen und Flüssen aus. Er pachtet mit weiteren Fischern einen Abschnitt der Reppisch in Dietikon. «Es ist ein Privileg, dort fischen zu dürfen», sagt Müller. Wenn die Verhältnisse wie Temperatur- und Wasserstand ideal sind, ist Müller etwa zweimal pro Woche am Ufer der Reppisch anzutreffen. Sonst angelt er monatlich oder einmal in drei Monaten. In letzter Zeit ging er nicht fliegenfischen. «Jetzt ist das Wasser zu warm.

Für Forellen sind Wassertemperaturen über 25 Grad lebensbedrohlich.» In Hitzetagen fischen zu gehen, sei gegenüber den Tieren abfällig. «Wir Fliegenfischer legen viel Wert darauf, dass Fische auf möglichst humane Art gefangen werden.» Man müsse die Anatomie des Fisches kennen, um ihn korrekt abzunicken. «Wir respektieren und schätzen die Natur.» Für Urs Müller ist nicht nur die Zeit am Wasser ein Genuss, sondern auch jene auf dem Wasser. Einst durchsegelte er allein den Atlantischen Ozean. Müller sagt stolz: «Wenn ich etwas mache, dann versuche ich, es richtig zu machen.»

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