Uitikon im Zweiten Weltkrieg
Bei Westwind donnerten die Kanonen: «Sogar die ‹Guetzli-Schale› auf dem Tisch zitterte»

Während des Zweiten Weltkriegs überstieg die Anzahl Soldaten im Dorf zeitweise sogar die Einwohnerzahl.

Fabian Brändle
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Für solche Momente blieb nur selten Zeit: Soldaten und Uitiker bei einer gemeinsamen Ausfahrt.

Für solche Momente blieb nur selten Zeit: Soldaten und Uitiker bei einer gemeinsamen Ausfahrt.

Zur Verfügung gestellt

Die sechs Jahre des Zweiten Weltkriegs von 1939 bis 1945 waren nicht nur für Schweizer Aktivdienstleistende eine prägende, einschneidende Zeit. Auch für Kinder, Jugendliche, Frauen und Alte waren die Kriegsjahre in der Heimat folgenreich und bis tief in den Alltag hinein spürbar.

1939 war Uitikon eine kleine, eher arme Landgemeinde von knapp 600 Einwohnern. Als am 2. September 1939 die Generalmobilmachung der Schweizer Armee verkündet wurde, waren Jugendliche wie der damals 14-jährige Heiri Bosshard schockiert: «Die Männer suchen ihre Ausrüstungen und Waffen und marschieren zur Station Birmensdorf. Mütter und Mägde schluchzen. Bei den Bosshards in Ringlikon gibt es kein Radio und Telefon.» Dass solche Erinnerungen bis heute der Öffentlichkeit erhalten geblieben sind, ist auch der Mittwochsgesellschaft Uitikon zu verdanken. 1998 hat sie persönliche Erinnerungen einiger Uitiker gesammelt und im Weihnachts-Kurier publiziert.

«Die Männer suchen ihre Ausrüstungen und Waffen und marschieren zur Station Birmensdorf. Mütter und Mägde schluchzen.»

Heiri Bosshard, Erlebte als 14-Jähriger die Generalmobilmachung der Schweizer Armee.

Die Angehörigen im Dorf lebten fortan in Sorge um die mobilisierten Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere. Den Zeitzeugen blieben Luftraumverletzungen durch alliierte Bomber sowie die Bombardierungen von Schaffhausen und Zürich unvergesslich. Ob es sich dabei um Versehen handelte, ist bis heute umstritten. Bei Westwind war der Kanonendonner von der Westfront um Weihnachten 1944 gut hörbar. «Er liess sogar die ‹Guetzli-Schale› auf dem Tisch erzittern», wie sich Werner Kull an den schnellen Vormarsch der Alliierten hin zur Rheingrenze erinnerte.

Bis zum Zusammenbruch arbeiten

Weil viele Männer an der Front waren, waren die Frauen zu Hause mit Arbeit überlastet. Auch Jugendliche wurden noch mehr als üblich eingespannt. Werner Kull beispielsweise musste die Milchtour des Vaters übernehmen und klappte am ersten Schultag vor Erschöpfung zusammen. «Aber auch die ältere Generation hatte, sofern sie dazu gesundheitlich in der Lage war, nochmals anzutreten», erinnert er sich.

Internierte polnische Soldaten halfen bei verschiedenen Bauten und in der Landwirtschaft fleissig mit. Noch heute erinnert der «Polen-Weg» in Ringlikon an ihren Einsatz. Nachdem die Polen Uitikon 1943 verlassen hatten, dienten die Baracken zivilen Flüchtlingen als Unterkünfte. Werner Krull erzählte von Spannungen und Konflikten mit den Fremden, die aufgrund von Kleidung und Schmuck als «bessere Leute» galten und in seinen Augen zu hohe Ansprüche an die aus Kartoffeln und Suppe bestehende Verpflegung stellten.

Die finanzielle Not war auch unter den Einheimischen gross. Der Gemeinderat diskutierte die Abgabe einer Gratis-Suppe. Er setzte sich zudem erfolgreich gegen ein weiteres «Emigrantenlager» auf der Waldegg zur Wehr. Der Widerstand stiess in der Presse teils auf heftige Kritik, führte aber nicht zuletzt zur Erstarkung der bereits 1936 gegründeten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (heute SVP). Diese setzte sich auch erfolgreich dafür ein, dass der politische Einfluss der Mittwochsgesellschaft auf den Gemeinderat in dieser Zeit schwand, bis sie ihre politische Tätigkeit komplett einstellte.

 Der Gottesdienst wurde sonntags oft im Freien veranstaltet. Dazu gaben die als gute Sänger geltenden Gäste aus Polen ab und zu Konzerte
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 Im Wald entstanden derweil Militärbefestigungen.

Der Gottesdienst wurde sonntags oft im Freien veranstaltet. Dazu gaben die als gute Sänger geltenden Gäste aus Polen ab und zu Konzerte

zvg

Nach den spektakulären Anfangstriumphen der deutschen Wehrmacht schien eine Invasion Hitlers im Mai 1940 nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Zur Verteidigung der Grossregion Zürich waren in Uitikon auch Truppen (Sappeure, «Telefönler», eine Trainkompanie) stationiert, die etwas Geld ins Dorf brachten und die Infrastruktur ausbauten. Die Stube der Bosshards diente beispielsweise als Esslokal für Unteroffiziere. Auf dem Plenterplatz standen acht bis zehn Baracken für Mannschaften und Offiziere. Zeitweise überstieg die Anzahl der Soldaten sogar die Einwohnerzahl.

Üetliberg wird zur Sperrzone

In Ringlikon arbeiteten Soldaten an den grossen Limmat-Abwehrstellungen, an Sanitätsposten, an Bunkern und an als Scheunen getarnten Unterständen. Die Bauten waren durch Laufgräben miteinander verbunden. Im «Chapf» errichtete das Militär eine grosse Spital-Kaverne sowie auch Strassen.

Der gesamte Üetliberg wurde zur militärischen Sperrzone erklärt. Fotografieren war streng verboten, alle Waldeingänge wurden bewacht. Zugang hatten nur Leite mit Ausweisen, die vom Kommando der leichten Brigade 3 ausgestellt wurden – allerdings nur für Inländer. Wer ohne Ausweis im Gelände spazierte, wurde verhört. Die Angst vor Spionen nahm zeitweise hysterische Züge an. Gewisse Uitiker profitierten allerdings auch vom einsetzenden Baufieber, das der Krieg ausgelöst hatte – sei es als Landverkäufer, als Bauarbeiter oder als Bauherr.

Wehrli, Martin. Erinnerungen an die Kriegsjahre 1939 bis 1945. In: Uitikon. Weihnachts-Kurier 1998, S. 6–46.