Weihnachten im Limmattal
«Bei uns steht niemand lange in der Küche»

Bei der Familie Joss steht an Weihnachten die Gemeinschaft im Vordergrund. Beim Essen wird der Aufwand deshalb bewusst in Grenzen gehalten. Dass die Tischgespräche oft politisch geprägt sind, verwundert nicht. Schliesslich engagieren sich Vater und Tochter in der Politik.

Sandro Zimmerli
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Ernst Joss und Tochter Rosmarie schmücken den Weihnachtsbaum normalerweise gemeinsam. Nur das Aufstellen der Kerzen übernimmt traditionell Vater Ernst.

Ernst Joss und Tochter Rosmarie schmücken den Weihnachtsbaum normalerweise gemeinsam. Nur das Aufstellen der Kerzen übernimmt traditionell Vater Ernst.

Rosmarie und Ernst Joss, Sie sind beide Politiker. Wird beim Weihnachtsessen auch politisiert?

Ernst Joss: Politik war bei uns schon immer am Küchentisch beim Mittagessen ein Thema. Das ist sicher auch mit ein Grund dafür, dass sich auch meine Tochter politisch engagiert.
Rosmarie Joss: Die ganze Familie ist politisch interessiert. Deshalb ist Politik bei uns auch ein dominierendes Thema. Es wäre nicht mehr unsere Familie, wenn wir nicht über Politik sprechen würden.

Rosmarie Joss

Die bald 34-jährige ist in Dietikon aufgewachsen, besuchte dort die Primarschule und später die Kantonsschule in Urdorf. Die promovierte Physikerin war schon früh politisch engagiert: Mit 15 Jahren trat sie der Juso bei, deren Kantonspräsidentin sie von 2001 bis 2004 war. Heute sitzt für die SP
im Gemeinderat Dietikon und im Kantonsrat.

Ernst Joss

Der 70-jährige lebt seit 1984 in Dietikon. Der Physiker war von 1977 bis 2007 vor Mitglied der SP. Seit 2007 gehört er der AL an. Ernst Joss war von 1991 bis 2006 Mitglied im Dietiker Gemeinderat. 2006 kandidierte er nicht mehr. Seit 2010 sitzt er wieder im Gemeinderat. Er präsidiert im Moment die SP/AL-Fraktion. In
seiner Freizeit fährt er Velo oder wandert.

Neben der Politik am Essenstisch, haben Sie besondere Rituale, die Sie an Weihnachten pflegen?

Rosmarie Joss: Die Weihnachtsvorbereitung beginnt jeweils damit, dass wir zusammen im Wald von Grün Stadt Zürich einen Baum fällen, den wir dann am 24. Dezember im Wohnzimmer aufstellen. Typischerweise feiern wir an diesem Abend mit meinem Bruder und dem Bruder meines Vaters. Am 25. Dezember sind wir dann bei meinem Freund und am 26. Dezember feiern wir meinen Geburtstag.

Wem kommt die Aufgabe zu, den Baum zu schmücken?

Ernst Joss: Das machen wir normalerweise gemeinsam. Es gibt keine festen Aufgaben. Ich stelle meistens die Kerzen auf. Aber woher das kommt, weiss ich nicht.
Rosmarie Joss: Es rührt wohl daher, dass wir den Baum mit richtigen Kerzen schmücken, aber ihn aber natürlich nicht abfackeln wollen. Es stellt sich daher die Frage, wie erreichen wir eine maximale Kerzendichte, ohne dass das Wohnzimmer gefährdet ist.

Und der Rest des Schmuckes, ist der auch ganz traditionell?

Rosmarie Joss: Ja, wir haben einen ganz traditionellen Weihnachtsbaum. Es sind immer noch die selben Kugeln, die wir schon hatten, als ich noch ein Kind war.
Beim Baumschmücken gibt es also keine Aufgabenzuteilung. Wie sieht es in der Küche aus?
Rosmarie Joss: Nein, auch dort gibt es keine fixe Aufgabenteilung.
Ernst Joss: Es ist ohnehin so, dass wir uns für ein Weihnachtsessen entscheiden, das nicht einen sonderlich grossen Aufwand mit sich bringt, etwa Raclette. Da muss niemand lange in der Küche stehen.

Das Zusammensein hat Vorrang?

Ernst Joss: Das steht im Vordergrund. Weihnachten ist bei uns immer noch ein Familienfest.

Ist bei Ihnen Musik an Weihnachten ein Thema?

Ernst Joss: Das ist auch schon vorgekommen. Früher hat Rosmarie auf der Geige Weihnachtslieder gespielt.
Rosmarie Joss: Das mache ich schon lange nicht mehr. Und unsere Gesangskünste sind nicht derart gut, dass wir sie unseren Ohren zumuten wollen.

Das heisst, dass Sie an Weihnachten gemeinsam zu Tisch sitzen und diskutieren?

Rosmarie Joss: Und nach dem Essen die Geschenke auspacken. Zudem zünden wir dann noch Wunderkerzen an. Als meine Mutter noch lebte, hatte sie immer Angst, dass sich etwas entzünden könnte.
Ernst Joss: Wir feiern ganz traditionell, wie das schon meine Eltern gemacht haben.

Bei vielen Familien gehört es auch dazu, dass man in der Vorweihnachtszeit Guetzli backt. Machen Sie das auch?

Rosmarie Joss: Es ist lange her, dass wir das gemacht haben.

Und an Weihnachtsmärkten, trifft man Sie da an?

Rosmarie Joss: Der Dietiker Weihnachtsmarkt ist Pflicht.
Ernst Joss: Er ist ja auch ein gesellschaftlicher Anlass, an dem man Leute trifft. Als wir einmal mit Rosmaries Freund am Dietiker Weihnachtsmarkt unterwegs waren und wir dort viele Leute antrafen, fragte er, ob Dietikon ein Dorf sei. Rosmarie sagte, dass Dietikon verschiedene Dörfer sei. Und ein Dorf davon trifft sich jeweils am Weihnachtsmarkt.

Speziell ist die Situation für Sie, Rosmarie Joss. Sie haben an Weihnachten Geburtstag. Auf was freuen Sie sich mehr?

Rosmarie Joss: Je älter man wird, desto weniger wichtig wird der Geburtstag. Aber es gehört halt dazu, dass wir am 26. feiern. Typischerweise machen wir an diesem Tag einen Ausflug, den ich organisieren muss.

Wissen Sie schon, wohin es geht?

Rosmarie Joss: Nein, das muss ich mir noch überlegen. Letztes Jahr sind wir vom Albispass zum Üetliberg spaziert. Damals hätte man meinen können, ich habe an Ostern und nicht an Weihnachten Geburtstag. Mein Freund hat an Pfingsten Geburtstag. Letztes Jahr war es an seinem Geburtstag kälter als an meinem.

Ein grosses Thema ist die Geschenkfrage bei Leuten, die nahe oder sogar an Weihnachten Geburtstag haben. Auch bei Ihnen?

Rosmarie Joss: Natürlich, es gab immer eine klare Devise; keine zusammengefassten Geschenke.

Es gab also immer ein Weihnachts- und ein Geburtstagsgeschenk?

Rosmarie Joss: Ja. Weihnachtskinder sind da gebrannte Kinder. Man kann ihnen nicht ein Geschenk überreichen mit dem Hinweis, dass das nun für Weihnachten und Geburtstag sei. Das ist ein guter Weg , um schlecht anzukommen.
Ernst Joss: Es ist schon so, dass man darauf achtet, dass kein Kind zu kurz kommt. Gerade diejenigen, die an Weihnachten Geburtstag feiern, haben tendenziell das Gefühl, zu kurz zu kommen. Ein solches Geburtsdatum hat aber auch Vorteile. Am 26. haben alle frei.
Rosmarie Joss: Das stimmt. An meinem Geburtstag zu arbeiten, würde mir seltsam vorkommen.

Apropos Geschenke, haben Sie die Besorgungen schon erledigt?

Rosmarie Joss: Nein, wir gehören zu jenen, die das erst auf den letzten Drücker machen.

Brauchen Sie diesen Stress?

Rosmarie Joss: Eigentlich nicht. Im Gemeinderat und im Kantonsrat stehen vor Weihnachten jeweils die Budgetdebatten an und es gibt noch eine Menge Sitzungen. Irgendwann merkt man dann, oh, Weihnachten steht vor Tür.

Gibt es etwas, das Sie sich besonders wünschen?

Ernst Joss: Nicht speziell für die Festtage. Wir wünschen uns immer eine gerechtere Welt. Und wenn man all diese kriegerischen Auseinandersetzungen sieht, dann wünsche ich mir auch eine friedlichere Welt.
Rosmarie Joss: Es wäre auch schön, wenn sich die Leute nicht nur an Weihnachten eine gerechtere und friedlichere Welt wünschen, sondern auch das Jahr hindurch etwas dafür tun würden.