Dietikon

Bei Ortoloco entdecken die Städter ihren grünen Daumen

Für die Teilnahme an zehn Aktionstagen erhalten die Genossenschafter im Rahmen eines Abonnements wöchentlich eine Ration frisches Gemüse.

Für die Teilnahme an zehn Aktionstagen erhalten die Genossenschafter im Rahmen eines Abonnements wöchentlich eine Ration frisches Gemüse.

Der Trend zum Gärtnern in der Stadt und der Agglomeration – Urban Gardening genannt – hat mittlerweile auch das Limmattal erfasst. Davon zeugt die Erfolgsgeschichte der 2010 gegründeten Gartenkooperative «ortoloco».

Auf einem vom Biohof Fondli gepachteten Feld baut sie Gemüse an, welches wöchentlich an Quartierdepots in Dietikon, Zürich und Urdorf ausgeliefert wird. Die Genossenschafter, die Gemüse im Abo erhalten, verpflichten sich, ein paar Mal pro Jahr auf dem Feld, beim Abpacken, der Auslieferung oder bei Aktionstagen mitzuhelfen. Dieses Wochenende war es wieder so weit. Am achten Aktionstag in dieser Saison gab es für die Mitglieder allerhand zu tun. Vier Stadtgärtner erzählen, was ihre Motivation ist, ihre Freizeit mit anderen auf einem Acker zu verbringen und dabei anstrengende Arbeit zu verrichten.

Michael Preindl

Der Stadtzürcher Michael Preindl ist bereits seit eineinhalb Jahren bei Ortoloco dabei. Er und seine acht WG-Kumpanen haben im Januar des vergangenen Jahres beschlossen, ein Gemüseabonnement abzuschliessen. Auf die Idee gebracht, hat sie der Bioladen bei ihnen im Genossenschaftshaus, dessen Besitzer auch Mitglieder bei Ortoloco sind. Die neun WG-Bewohner teilen die zehn obligatorischen Tage sowie das Gemüse untereinander auf. Wenn auch nicht ganz ausgeglichen. So packt Michael meist vier bis fünfmal pro Jahr auf dem Acker an, während andere lieber zu Hause das Gemüse schlemmen.

Doch Michael stört das nicht. «Bei jedem Aktionstag lerne ich wieder mehr dazu und profitiere von Know-how der Profis, deshalb macht es mir nichts aus mehr hinzugehen als meine Kollegen», sagt der Bauingenieur. Nur wenn er jäten muss, freut er sich nicht allzu sehr. Doch an diesem Tag hatte er Glück. Zu seinen Aufgaben gehörte das Schaufeln und Schubkarrenfahren. Und falls einmal nichts anderes ansteht, dann zupft er auch das Unkraut aus der Erde. Er sei eigentlich nicht allzu wählerisch.

Gabriel Eichenberger

Dem Neumitglied Gabriel Eichenberger hat es die Arbeit auf dem Feld sichtlich angetan. Nicht umsonst stand er an diesem Aktionstag bereits zum vierten Mal auf dem Acker. Er steht voll und ganz hinter der Idee, dass er das Gemüse, welches später in seinem Kühlschrank landet, eigenhändig anpflanzt, hegt und pflegt. Noch wichtiger für ihn ist aber der Gemeinschaftsgedanke. «Es ist toll, mit den unterschiedlichsten Menschen aus verschiedensten Generationen am gleichen Strick zu ziehen. Eine vielleicht etwas unkonventionelle aber schöne Art Leute kennenzulernen», so der Familienvater.

Oft würden die Gespräche während siebenstündigen gemeinsamen Jätens auch sehr persönlich. So habe er bisher an jedem einzelnen Tag fünf bis zehn neue Gesichter und deren Persönlichkeit kennen gelernt. Möglich ist das nur, weil für die Mitglieder die Aktionstage keine Arbeitstage, sondern viel mehr ein Happening sind. «Die Atmosphäre ist total entspannt und alle sind gut drauf», sagt Gabriel, der sonst ein Altersheim in der Stadt Zürich leitet.

Karin Bachmann

Die Veterinärmedizin-Studentin Karin Bachmann hat das Gärtnern im Blut. Nicht umsonst hat sie sich vor ihrem Studium zur Gärtnerin ausbilden lassen. Auch wenn sie heute nicht mehr als Gärtnerin tätig ist, zieht es sie immer wieder zum Altbekannten zurück. Mit der Mitgliedschaft bei Ortoloco hat sie die perfekte Tätigkeit für ihre Freizeit gefunden. Für sie ist das Werken in der Natur ein optimaler Ausgleich zum kopflastigen Studentenalltag. «Auch wenn sich Jäten vielleicht langweilig anhört, geniesse ich es mit meinen Händen arbeiten zu können und dabei einfach einmal nichts überlegen zu müssen», sagt die Stadtzürcherin, während sie munter weiterjätet. An der Feldarbeit schätzt sie besonders, dass sie nach der Ernte ein Resultat in der Hand halten kann. Doch nicht nur in der Hand, sondern auch im eigenen Kühlschrank und beim Essen fühlt es sich gut an. «Auch wenn wir zusätzlich zu den Aktionstagen einen Beitrag zahlen müssen, lohnt sich die Mitgliedschaft wirklich. Schlussendlich hat man bei sich zu Hause Gemüse in höchster Bioqualität und ich bin mir sicher, dass es noch immer günstiger ist, als wenn ich es im Laden kaufen müsste», so die Studentin.

Till Eichenberger

Gärtnern ist nicht nur etwas für die älteren Generationen, sondern auch für Junge. Das beweist der Sekundarschüler Till Eichenberger, der an diesem Aktionstag mit seiner Schwester den Vater begleitet hat. «Als er mich gefragt hat, ob ich nicht auch einmal mitkommen wollte, dachte ich mir wieso nicht», erzählt Till. Nach vier Stunden Unkraut zupfen, zieht er eine positive Bilanz: «Ich müsste das zwar nicht jeden Tag machen, aber eigentlich war es auch ganz cool. Ich werde von nun an wohl ab und zu mitgehen.»Schliesslich profitiert auch er vom leckeren Gemüse, welches sie dank dem Engagement des Vaters zu Hause haben. Auch wenn sie ab und zu den ganzen Kühlschrank voller Erde haben, findet er das Ortoloco Gemüse nach dem Waschen klar besser, als jenes aus dem Laden. Nach dem Tag auf dem Feld weiss er auch weshalb: weil sehr viel Aufwand und Handarbeit dahinter steckt. Aber das war für ihn kein Problem, denn anstrengend sei das Jäten nicht wirklich gewesen. Eigentlich sei es beinahe kinderleicht, so habe er am Morgen sogar ein paar kleine Zwirbel beim Jäten gesehen, die noch jünger waren als er selbst.

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