Gestern hiess es «Leinen los» für die grosse Antarktis-Expedition mit rund 60 Forschenden aus 30 Ländern. Während dreier Monate werden sie an Bord des Forschungsschiffs Akademik Tryoshnikov den Südpol umrunden und diese entlegene, aber wichtige Erdregion genauer erforschen.

An Bord werden 22 Forschungsprojekte durchgeführt, vier davon unter Schweizer Federführung. In leitender Funktion dabei sind die ETHs Zürich und Lausanne, die Universität Genf und das Paul-Scherrer-Institut. «Wir haben die Projekte nach ihrem wissenschaftlichen Potenzial ausgewählt», erklärte David Walton, «Chief Scientist» der Antarctic Circumnavigation Exedition (ACE), gestern an einem Medienanlass in Kapstadt.

Das Schiff sei wohl nie für so viele Wissenschafter auf einmal gedacht gewesen, aber letztlich habe man alle untergebracht, so Walton weiter. «Es ist eine interessante Mischung von Projekten. Manche scheinen nicht zusammenhängend. Am Ende werden wir aber ein umfassenderes Bild dieses Erdteils haben.» Der südliche Ozean mache zehn Prozent der Weltmeere aus und sei als CO2-Senke für das globale Klima von zentraler Bedeutung.


Mit an Bord: Ein WSL-Projekt


Die Expedition ist das erste Projekt des erst kürzlich gegründeten Schweizer Polarinstituts. Mit aus der Taufe gehoben hat dieses die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) mit Hauptsitz in Birmensdorf. Die Expedition kann man per Blog mitverfolgen.

Auch an der Expedition wird die Forschungsanstalt aus dem Limmattal vertreten sein: Eines der Projekte, die dafür ausgewählt wurden, wird von Katherine Leonard geleitet, die an der ETH Lausanne und an der WSL tätig ist. Sie untersucht, weshalb der Salzgehalt im antarktischen Ozean in den letzten Jahren gesunken ist. 

WSL-Direktor Konrad Steffen, selbst ein langjähriger Polarforscher, zeigte sich gegenüber der Limmattaler Zeitung sehr erfreut über die Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen, als die Pläne im April dieses Jahres publik wurden. «Wir sind alle schon länger in den arktischen Regionen wissenschaftlich tätig. Bislang sind die Institutionen aber ihren eigenen Aktivitäten nachgegangen», sagte er. Mit dem Polarinstitut könnten das Potenzial der einzelnen Anstalten gebündelt und der Gedankenaustausch unter den Wissenschaftern verbessert werden. «Ausserdem ermöglicht es eine gemeinsame Strategie in der Polarforschung, auch was die Ausbildung betrifft.»


Alpen ähneln Polarregionen


Ziel der Antarktis-Expedition ist, die Auswirkungen von Umweltveränderungen und -verschmutzung auf den südlichen Ozean zu messen. Dabei geht es beispielsweise um Mikroplastik, Plankton, Stoffkreisläufe und Wechselwirkung zwischen Atmosphäre und Ozean. «Die Pole sind essenziell für das Klimagleichgewicht, aber gleichzeitig sind Veränderungen dort am offensichtlichsten: Dort sind die grössten Temperaturunterschiede gemessen worden», erklärte Philippe Gillet, Vizepräsident der ETH Lausanne und Direktor ad interim des Schweizer Polarinstituts, gestern in einer Mitteilung.

Das Interesse der Schweiz an diesen entlegenen Regionen mit ihrer extremen Umwelt, erklärt sich Krystyna Marty Lang, stellvertretende Staatssekretärin des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, wie folgt: «Die Temperaturen in den Alpen steigen. Wir sehen uns in den alpinen Regionen ähnlichen Herausforderungen gegenüber wie in den Polarregionen». Das Forschungsengagement der Schweiz in den Polarregionen hat eine lange Tradition und soll mit dem Polarinstitut, das mehrere Schweizer Forschungsinstitute verknüpft, global sichtbarer werden. Ermöglicht wurden das Schweizer Polarinstitut und die Expedition unter anderem dank einer grosszügigen Spende des Unternehmers und Abenteurers Frederik Paulsen, auf den auch die Idee der Antarktis-Umrundung zurückgeht.

Die Expedition soll voraussichtlich im März enden, nach drei, etwa einen Monat dauernden Etappen rund um den Südpol. Damit ist die Antarktis-Forschung aber noch lange nicht abgeschlossen: Neben der Analyse der Proben, die die Forschenden von der Expedition mitbringen, laufen auch die Vorbereitungen für ein anderes Forschungsprojekt, an dem unter anderem die Universität Bern massgeblich beteiligt ist und die voraussichtlich Ende 2017 beginnt. Dabei geht es darum, das älteste Eis der Welt zu finden und mithilfe von Eisbohrkernen die Klimageschichte der letzten 1,5 Millionen Jahre zu rekonstruieren. (sda/az)