Oberengstringen
Behinderte Sportler spielen Flüchtlingen den Ball zu

Der Behinderten-Sportclub Limmattal setzt auf Integration. Sie spielen «Sitzball», das wie Schach sehr viel taktische Überlegungen voraussetzt.

Daniel Diriwächter
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Der Behinderten-Sportclub Limmattal bietet jeden Freitag in der Turnhalle Brunewiis Trainingsstunden im Sitzball an.

Der Behinderten-Sportclub Limmattal bietet jeden Freitag in der Turnhalle Brunewiis Trainingsstunden im Sitzball an.

Daniel Diriwächter

Rasant wird der Ball über das Feld geschossen. «Höher, schneller!» ruft ein Spieler – zu weit: Der Ball landet ausserhalb des Spielfelds. Ein Punkt ist gewonnen, der Abstand aufgeholt und Applaus erfüllt die Turnhalle Brunewiis in Oberengstringen. Gespielt wird Sitzball mit zwei Mannschaften.

Es funktioniert ähnlich wie Volleyball, nur sitzen die Teilnehmer auf dem Boden; das Spielfeld-trennende Band liegt nur einen Meter darüber. Denn: Die meisten der Anwesenden sind beinamputiert. Ebenso bezeichnend: Die Mehrheit kam als Flüchtlinge in die Schweiz.

Die Trainingsstunde ist ein Angebot des Behinderten-Sportclubs Limmattal. Heinz Lutz ist der Initiant der Gruppe. Zusammen mit Werner Brawand trainiert er insgesamt rund ein Dutzend Teilnehmer. Dank Lutz sind auch sechs Afghanen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, mit von der Partie. Weswegen beim Behinderten-Sportclub auch von der «Flüchtlingsgruppe» gesprochen wird. Einer von ihnen ist der 34-jährige Muhammad. Beim Training legt er sich besonders in Zeug. Dass er nur ein Bein hat, fällt beim Spielen kaum auf. «Es ist super, in der Gruppe zu sein», sagt er.

Die Flucht führte nach Schlieren

Muhammad hat bewegte Jahre hinter sich. Als Teenager stand er ohne Waffenkenntnisse als Soldat der Taliban gegenüber, bis eine Splitterbombe sein rechtes Bein zerfetzte. Wegen der Massaker der Terrormiliz floh er mit seiner Mutter und sechs Geschwistern von der Stadt Bamiyan in das iranische Schiraz, das er nach 13 Jahren wiederum verlassen musste.

Die anschliessende Odyssee führte ihn bis nach Schlieren – und dort entdeckte ihn Lutz. «Ich habe ihn auf der Strasse angesprochen und ihm von unserer Gruppe vorgeschwärmt.» Muhammad muss lächeln, wenn er sich an diesen Moment erinnert. Für ihn, wie auch seine Kameraden, ist das jeden Freitag stattfindende Training mehr als nur Sport: Es ist eine Zeit, in der es für sie keine Ausgrenzung und keine Sprachprobleme gibt.

Was nicht bedeutet, dass keine Ambitionen vorhanden sind. Lutz und Brawand sind beide ehemalige Nationalspieler, haben früher mit ihrer Gruppe viele Turniere im In- und Ausland bestritten und dürfen sich achtfache Meister nennen.

Beide schenken ihren Spielern nichts: «Wir machen hier nicht Larifari, sondern wollen auf professionelle Art und Weise die Spielfreude wecken.» Sitzball sei der Taktik wegen ein wenig wie Schach, nur schneller, erklärt Lutz weiter. Es gehe auch um Taktik. «Tatsächlich haben beinamputierte Menschen beim Sitzball bessere Karten, weil sie aufgrund des fehlenden Beins am Boden wendiger und schneller sind», weiss Elsbeth Fuhrer, technische Leiterin des Behinderten-Sportclubs.

Der Mannschaftssport hat seinen Ursprung in Deutschland. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollten Kriegsversehrte nicht auf Ballsport verzichten. Heute wird weltweit Sitzball gespielt. Auch bei den Paralympics. Für die Limmattaler Spieler steht vorerst der Martini-Cub im Vordergrund: Beim internationalen Turnier in Sursee am Samstag will die Gruppe, bei der im Übrigen auch Frauen willkommen sind, hoch hinaus.