Oetwil
Begonnen hat alles an einer Bushaltestelle – 40 Jahre später trafen sie sich wieder

Corinne Laeng und Gabriela Domeisen lernten sich an einer Bushaltestelle in Oetwil kennen, als sie noch Schülerinnen waren. Die beiden ahnten damals nicht, dass sie ein grosses Interesse für Kunst teilen. Später verloren die Beiden sich aus den Augen – bis sie sich dank Facebook wieder fanden. Jetzt lassen sie sich in Baden gemeinsam auf ein ganz besonderes Experiment ein.

Christian Tschümperlin
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Christian Tschümperlin

Malerin Corinne Laeng vollendete ihr erstes Bild, als sie drei Jahre alt war. Es hiess «Indianer mit Bombe» und ist bis heute ihr Lieblingsbild geblieben. Wenn sie als Kind gefragt wurde, was ihre Hobbys seien, antwortete sie: «Chilbi und Malen». Und Galeristin Gabriela Domeisen fotografiert fürs Leben gerne, seit sie neun ist.

Beide Frauen zog es als junge Erwachsene in die Welt hinaus. Gesucht haben sie nichts, aber gefunden haben sie einiges. Domeisen entdeckte in Berlin «Streetart» und Laeng einen Barkeeper in Barcelona, den sie portraitierte. Barcelona sei sehr lebendig, das habe sie vermehrt zum Malen bewegt. Trotz ursprünglicher Ausbildung zur Modedesignerin und der anfänglichen Verankerung in der Modewelt, begann sie sich immer mehr ihrer eigenen Kunst zu widmen. Sie traf auf Enrique Brinkmann, dessen Person und Werke sie dazu inspirierte, den Fokus endgültig auf die Malerei zu legen.

Zwölf Stunden für einen Kaffee

Beide sagen, dass ihnen im Ausland die Augen geöffnet wurden. «Der Horizont in der Schweiz ist verbaut», so Domeisen. Die weiten Landschaften im Ausland hätten sie daher beeindruckt. Laeng erlebte Ähnliches. «Ein Kollege in Australien fragte mich, ob wir einen Kaffee trinken gehen wollen. Bei uns heisst das, dass wir kurz über die Strasse gehen. Wir kamen nach zwölf Stunden Fahrt beim Kaffee an», erzählt sie. Solche Erlebnisse öffneten den Geist, man beginne viel grösser zu denken.

Durch die Fotografie kam Domeisen in Berlin und London mit internationalen Stars der Streetart-Szene in Kontakt. Zürich blieb für sie aber die «Weltstadt Nummer eins». «Ich musste immer nach Berlin oder London, um die Bilder der grossen Streetart-Künstler zu sehen», sagt sie. Daher beschloss sie kurzerhand, «das Ausland nach Hause zu bringen».

2015 eröffnete Domeisen die Streetart-Galerie in Baden. Seither arbeitet sie sehr fokussiert an ihrer Sammlung. Dazu gehört das Entdecken, Zusammenstellen und das Generieren von Aufmerksamkeit. Als sie auf Facebook über eine Ausstellung berichtete, kommentierte Laeng. So kamen die beiden Frauen nach gut 40 Jahren wieder miteinander ins Gespräch. Und dabei entstand schliesslich auch die Idee, einen Stilbruch zu inszenieren.

Diesen können die Besucher ab heute Samstag in der Streetart-Galerie beobachten und erforschen. Sie werden acht realistische und ein abstraktes Gemälde der Künstlerin Laeng zu Gesicht bekommen. Damit setzt Galeristin Domeisen bewusst einen Kontrast zu den surrealen Bildern der Streetart-Szene. Die Frauen sind sich einig, dass sie mit der Ausstellung Grenzen überwinden und dadurch ein Flow entstehe. Sie sehen aber auch verbindende Elemente. So sagt Domeisen: «Beide Künste durchbrechen das Grau der Stadt».

Für Laengs Werke hat sie sich entschieden, weil sie «Wärme haben, eine Geschichte erzählen und die Fantasie anregen». Laeng hat zwei Jahrzehnte lang abstrakt gemalt, seit 2011 malt sie aber vermehrt realistisch. Die Bildgattungen berühren auf unterschiedliche Weise und unterscheiden sich auch in ihrer Entstehung. «Bei der abstrakten Malerei leidet man im Schaffensprozess kurze Zeit sehr stark unter der Freiheit, doch dann stellt sich ein Glücksgefühl ein», sagt Laeng.

Das realistische Malen hingegen verlange sehr viel Demut und Durchhaltevermögen. Während ein abstraktes Bild nach zwei bis vier Wochen abgeschlossen sei, nähme ein klassisches Gemälde mehrere Monate in Anspruch.

An der bevorstehenden Ausstellung werden möglicherweise auch Bilder verkauft. «Wenn ich ein Bild in eine Galerie gebe, habe ich mich von ihm schon verabschiedet», sagt die Malerin. Und die Galeristin schaut jedem Bild, das ihre Galerie verlässt, wehmütig hinterher. Trotzdem stimme es für sie, sagt sie. Beide Frauen leben von ihrer Kunst.