Der Pausenplatz ist gestern Morgen rappelvoll. Kinder versammeln sich um blaue, rote, gelbe, grüne, orange und violette Luftballontrauben. Jede Farbe symbolisiert eine Schulstufe. Die Kleinsten stehen neben den roten Ballons. Sie wirken etwas nervös, halten die Bändel ihrer viel zu grossen Schultheke fest und schauen gespannt zur Treppe vor dem Schulhaus. Begleitet werden sie von ihren stolzen Eltern und Grosseltern, die bei jeder Gelegenheit Bilder mit dem Handy schiessen. Der erste Schultag soll schliesslich in guter Erinnerung bleiben.

Erster Schultag für 20 Kinder des Schulhauses Letten

Erster Schultag für 20 Kinder des Schulhauses Letten

Unter dem Motto «Regenbogen» stand das Einführungsritual statt.

Die stellvertretende Schulleiterin Gaby Ardüser begrüsst die Schülerschar. «Ganz besonders willkommen heisse ich heute die Erstklässler», sagt sie. Zum Schulstart im Oetwiler Schulhaus Letten hat sich die Schulleitung für die Neulinge etwas Spezielles ausgedacht. Unter dem Motto Regenbogen erhalten die 20 Erstklässler von ihren «Göttis» und «Gotten» aus der 5. Klasse einen Glücksbringer in Form eines in Regenbogenfarben bemalten Steins. Als ihre Namen einzeln aufgerufen werden, gehen die Kleinen zur Treppe, um das Geschenk entgegenzunehmen. Viele strahlen und geniessen den kurzen Auftritt vor der Menge. Einigen ist es dagegen eher peinlich, sodass sie nach der Übergabe schnell wieder zu ihren Eltern eilen. Die Ballons werden steigen gelassen. Zum Highlight des Schulstartrituals gehört das grosse, regenbogenfarbige Tuch, unter dem die Erstklässler feierlich das Schulhaus betreten, während es die älteren Schüler jubelnd halten.

Flexibilität ist wichtig

Der Lärm auf dem Pausenplatz verstummt allmählich, während sich die Schulzimmer füllen. Vor allem das Klassenzimmer von Ilaria Iellamo ist begehrt. Zu ihren 20 Erstklässlern, mit denen sie im Schneidersitz in einem Kreis am Boden Platz genommen hat, gesellen sich etwa gleich so viele Eltern. «Guten Morgen Frau Iellamo», rufen die Kinder begeistert, als die Lehrerin sie begrüsst. «Wer ist nervös und wer freut sich?», will Iellamo wissen. Sie spricht ganz langsam und deutlich. Einige Hände schnellen in die Höhe. Dann wird es Zeit für die allererste Aufgabe: Die Kinder müssen ihren Sitzplatz finden und ein leeres Blatt mit einer Zeichnung versehen.

«Auch wenn ich den Ablauf bis ins Detail geplant habe, muss ich am ersten Schultag flexibler sein, weil ich die Kinder noch nicht kenne. Ich weiss nicht, wie sie sich verhalten», sagt Iellamo, die bereits jedes Kind beim Namen nennen kann. Auch wenn die Struktur in der Primarschule ähnlich sei wie im Kindergarten, sei es doch etwas anderes. «Die Kinder müssen sich an einen neuen Ort und an eine neue Lehrperson gewöhnen sowie sich an neue Regeln halten.» Aus diesem Grund spricht Iellamo am ersten Tag auch nicht ausschliesslich Hochdeutsch. «Ich will sie am ersten Tag nicht überfordern. Es kommt schon genug Neues auf sie zu.» Es ist das zweite Mal, dass die 26-Jährige eine erste Klasse übernimmt. «Der erste Schultag ist etwas Besonderes. Er und die restliche Schulzeit sollen positiv geprägt sein.»

Der 6-jährige Moreno streckt seine Hand in die Höhe. «Sie Frau Iellamo, ich bin fertig.» Sein Blatt besticht durch die Farben grün, gelb und blau. «Das ist die brasilianische Flagge. Ich war noch nie in Brasilien, würde aber gerne bald mal dort hinreisen», sagt er. Auch Esmeraldas Blatt ist nicht mehr leer. Die 7-Jährige hat eine Blume gezeichnet. «Ich bin froh, dass ich jetzt in die Schule gehen kann, die Ferien waren lange genug», sagt sie. Was sie von der Schule erwarte, wisse sie nicht genau. Doch eins ist der Erstklässlerin schon klar. «Ich habe Frau Iellamo mega gern.» Louis und Lara sind Banknachbarn. Sie freuen sich über die Einschulung. Lesen, Schreiben und Rechnen können sie laut eigenen Aussagen schon ein bisschen. Louis macht eine Stichprobe und fragt Lara: «Wie viel gibt 100 plus 100?» Die überlegt nicht lange und sagt: «200.» Louis scheint beeindruckt.

Emotionaler Moment

Nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern ist die Einschulung ein freudiges Ereignis. «Es wird Zeit, dass er in die Schule kommt. Er freut sich und wir freuen uns für ihn. Hier lernt er noch mehr Kollegen kennen», sagen Idriz und Besiana Demaj, die ihren Sohn Florian am ersten Schultag begleiten. Auch für Johannas Mutter ist es ein grosser Tag. «Es ist ein emotionaler Moment. Wir haben drei Kinder. Johanna ist unser Nesthäkchen», sagt sie. Es sei schön, die Tochter ein Stück weit in die Selbstständigkeit zu entlassen.
Die Schulglocke ertönt. Es ist Zeit für die grosse Pause. Die Eltern verabschieden sich. Tränen gibt es keine. Viele Kinder sind so vertieft ins Malen, dass ihre Klassenlehrerin sie dazu auffordern muss, in die Znüni-Pause zu gehen. Das werde mit der Zeit immer seltener, sagt Iellamo. «Und auch die Freude an den Hausaufgaben nimmt bis spätestens zur dritten Klasse bei einigen ab.»